Der Fall Jyoti

Es war der 16. Dezember 2012, der Tag, an dem das Leiden der 23-jährigen Medizinstudentin Jyoti Singh Pandey seinen traurigen Anfang erfuhr. Zugleich war es auch der Tag, an dem das Indien, wie ich es bis dahin kannte, grundlegend auf den Kopf gestellt werden sollte. Die Geschichte von der indischen „Braveheart“ kennt wahrscheinlich mittlerweile jeder, der sich hin und wieder mit Nachrichten auseinandersetzt. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die viel zu früh aus dem Leben gerissen wurde und zu einer Märtyrerin eines gleichberechtigteren Indiens wurde. Vergewaltigt von sechs Männern und misshandelt mit einer Eisenstange überlebte sie noch dreizehn weitere Tage, bis sie einem multiplen Organversagen erlag und für immer ihre Augen schloss.

Leslie Udwins schockierend ehrliche Dokumentation

Die britische Filmemacher Leslie Udwin nähert sich in ihrer Dokumentation „India’s Daughter“ auf einzigartige Weise Jyotis Schicksal an. Dabei beleuchtet sie nicht nur ihr Leben, sondern sie spricht auch mit ihrer Familie, den Familien der Vergewaltiger, den Strafverteidigern und ausgewählten Experten. Das wohl schockierendste Interview führt sie aber mit Mukesh, dem Fahrer des Busses, in dem Jyoti fast zu Tode misshandelt wurde. In einem grauen, abgeschirmten Gefängnisraum erzählt er kühl und reuelos, wie es zu der Gruppenvergewaltigung kam. Seine Augen wirken leer; er ist ruhig. Seine Worte zeugen von der Missachtung, die er gegenüber Frauen hegt, Frauen, wie Jyoti, die sich mehr Freiheiten zugestehen, als es das traditionelle indische Rollenschema vermag:

„A decent girl won’t roam around at 9 o’clock at night.“

Solche Aussagen sind nicht neu für mich. Ich selbst wurde nicht nur einmal von indischen Männern belästigt. Glaubt man Mukeshs Aussage, so war es meine eigene Schuld, insbesondere als ich einmal spät abends allein Autorikscha gefahren bin. Drei junge Männer umzingelten uns mit ihren Mopeds, versuchten mich anzusprechen, mich anzufassen. Der Rikscha-Fahrer entpuppte sich als mein Held und vertrieb sie schnell. Seit jenem Tag bin ich nie wieder abends ohne Begleitung ausgegangen.

India’s Daughter – kein Einzelfall

Jyoti war nicht allein unterwegs und trotzdem ereilte sie ein solches Schicksal. Warum? Darauf kann selbst Mukesh keine klare Antwort geben. Er meint nur, dass sie der jungen Studentin und ihrem Begleiter eine Lektion erteilen wollten. Schuldig fühle er sich aber nicht. Schließlich war er nicht direkt an der Vergewaltigung beteiligt. Und außerdem

„[is] a girl more responsible for a rape than a boy.”

Diese Aussage ist wohl eine Schlüsselaussage der Dokumentation. Sie zeigt, mit welchem Selbstverständnis manche Männer die Patriarchie in Indien vorantreiben und Frauen als bloßes Objekt betrachten. Aktuelle Statistiken der indischen Regierung bestätigen diese These. Alle 18 Minuten wird eine Frau in Neu Delhi vergewaltigt. Die Dunkelziffer ist weitaus höher. Auch Ram Singh, Mukeshs Bruder und Hauptangeklagter im Falle Jyoti, soll schon vorher andere Frauen sexuell genötigt und vergewaltigt haben. Besonders in den Slums der Stadt sei Vergewaltigung an der Tagesordnung. Aus Scham reden viele Frauen nicht darüber, haben Angst, von ihrer Familie verstoßen zu werden. Der Tod Jyotis aber hat das Schweigen gebrochen.

Indian TV network in silent protest against documentary banTausende Menschen gingen auf die Straßen Delhis. Ihre Forderung war deutlich: „We won’t tolerate rape.“ Mit Waffengewalt gingen Polizisten gegen die Demonstranten vor, doch sie blieben standhaft. Wie ein Fegefeuer verbreitete sich die Demonstrationswelle über das ganze Land und auch in Hyderabad konnte man kleinere Ausläufer spüren. Zwar waren – gerade nach dem Bombenattentat auf einen Busbahnhof in der Stadt – andere Themen medial präsenter, jedoch merkte ich auf Arbeit, dass sich meine Kolleginnen mehr mit der Gleichberechtigungsfrage auseinandersetzten. Von einem grundlegenden Wandel der indischen Gesellschaft konnte aber keine Rede sein.

Der Fall Jyoti – ein Wendepunkt?

Etwa 600 Vergewaltigungen wurden 2012 in Neu Delhi angezeigt. In nur einem einzigen Fall kam es zu einer Festnahme und späteren Anklage. Der Fall Jyoti ist also ein Einzelfall in vielerlei Hinsicht: Zum einen ist das mediale Interesse sehr hoch. Weltweit verfolgten Zeitungen und Fernsehstationen das Schicksal der jungen Studentin. Und auch „India’s Daughter“ stellt eine der ersten Dokumentationen dieser Art dar. In Indien ist der Film verboten. Zum anderen war die Aufklärungsarbeit der Polizei herausragend. Üblicherweise werden die meisten Verbrechen in Indien erst nach Wochen oder nie aufgeklärt.

Woman 2Ebenso stehen viele Polizisten in Verdacht Schmiergeld zu nehmen oder selbst Drahtzieher von Vergewaltigungen zu sein. Beispielsweise wurde 2013 ein weiterer Vergewaltigungsfall bekannt, in dem die Betroffene auf der Polizeiwache, als sie die Anzeige erstattete, nochmals vergewaltigt wurde. Auch das soll kein Einzelfall sein. Es wird wohl noch einige Jahre dauern, bis in den Köpfen der Menschen die Gleichheit Einzug hält. Tendenziell konnte ich im südlichen Indien und im urbanen Raum eine größere Wertschätzung der Frau feststellen, als im Norden. Oder auch in Neu Delhi. Junge Stadtbewohner begrüßten mich an meinem zweiten Abend dort mit „fucking Bitch“. Doch auch in Bangalore erlebte ich, dass mir wildfremde Männer auf einem Wochenmarkt an den Hintern tatschten oder mich in Hyderabad an den Handgelenken festhielten und küssen wollten.

Juristisch gesehen führte der Fall Jyoti zu einem gewissen Umdenken. Das „Anti-Vergewaltigungs-Gesetz“ wurde verschärft und Stalking als Strafbestand integriert. Auch die Vergewaltiger von Neu Delhi wurden nach dem neuen Gesetz zum Tod durch den Strang verurteilt. Über das endgültige Urteil entscheidet aber erst das indische Verfassungsgericht im Dezember diesen Jahres. Ein fünfter Tatbeteiligter, „the Juvenile“ genannt, war zum Tatzeitpunkt noch minderjährig. In Indien liegt die Höchststrafe bei Vergewaltigung und Mord im Jugendstrafrecht gerade einmal bei drei Jahren. Laut Mukesh ist es ironischerweise the Juvenile gewesen, der am grausamsten agierte und Jyoti bei lebendigem Leibe Teile des Darms herausriss. Indische Frauenrechtler sehen die neuen Gesetze als deutlich zu mild an. Doch solange Strafverteidiger Frauen noch immer als wertlos ansehen, wird sich im Strafsystem wohl auch zukünftig nicht viel ändern:

„We have the best culture. In our culture, there is no place for a woman.”

Der Link zur englischsprachigen Dokumentation: https://www.youtube.com/watch?v=zJmk2wVtiSo

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