Mein Indien – Ein Rückblick

Dreieinhalb Monate, 15 Wochen, 104 Tage. So lange bin ich nun schon in Indien und ich bereue es keinen Tag.

Indien hat mein Interesse geweckt. Zu Beginn war ich wie ein schlafender Hund, lethargisch und anfällig, doch jetzt habe ich Feuer gefangen, die Lebensweise in mich aufgesogen und möchte es keinen Tag mehr missen. Indien spaltet mein Herz, ich liebe es auf der einen Seite, andererseits sind so viele Dinge ungewöhnlich für mich, gar herzzerreißend. Kleine Kinder spielend auf der Straße bei Verkehr, bei dem ich jeden Tag denke, dass eine Straße zu überqueren schon mein Ende bedeuten kann. Menschen, die auf der Straße schlafen und einen Stein als Kopfkissen nutzen. Und ich gehe dann nach Hause in mein warmes Bett.

Es lässt mich nicht kalt, definitiv nicht, aber so viele Menschen bin ich nicht im Stande zu retten – leider. Ich kann dieses Land nicht ändern, möchte es auch nicht. Aber die sozialen Ungleichheiten lassen mein Herz so oft Blut. Um es zu ertragen muss ich wegschauen, denken, dass diese Menschen auf ihre Weise vielleicht doch glücklich sind, vereint im Glauben, ob im Hinduismus oder Islam. Und genau das ist die tolle Seite Indiens, die Seite, die mein Herz zum Leuchten bringt. Die Toleranz ist sehr groß, alle Religionen werden hier, in Hyderabad, unvoreingenommen akzeptiert. Menschen leben miteinander, mit unterschiedlichem Glauben und sind offen für Fremde, wie für mich. Aber diese Offenheit artet oft in einer extremen Neugierde aus, in Staunen, wenn man als weiße blonde Frau die Straße entlang läuft. Ich bin ungewöhnlich, fühle mich manchmal gar wie ein Alien und ertappe mich, wenn ich deswegen anfange zu lachen.

Mein größtes Glück aber ist, dass ich nicht allein bin. Ich kann diese Erfahrungen hier mit Leuten aus aller Welt teilen, Studierenden, die auch hierher gekommen sind, um ihren Horizont zu erweitern. Wir lachen viel, teilen unsere Erfahrungen und sind immer wieder traurig, wenn jemand diese Gemeinschaft verlassen muss, zurückgeht in die Heimat. Wir haben unsere eigene Gemeinschaft in der großen Gesellschaft Indiens gegründet. Es ist ein Ruhepol in dem ganzen Stress, ein großer Ratgeber. Doch so viele Ratschläge sind nicht mehr nötig, denn ich habe das Gefühl, dass ich mittlerweile die Gesellschaft sehr gut verstehe, die tiefere Kultur erfahre, auch durch den Austausch mit meinen Kollegen und die Arbeit hier.

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Ein Keramikarbeiter in Jaipur

Ich weiß von den sozialen Unterschieden zwischen Mann und Frau, die sich langsam wandeln, aber immer noch bestehen. Entsprechend denken viele indische Männer, dass der einzige Lebensinhalt einer Frau ist, zu kochen, die Kinder zu erziehen und für den Mann da zu sein. Unvorstellbar für viele westliche Frauen, die Karriere anstreben. Doch diese Rückbesinnung auf Traditionen fehlt so oft in Deutschland, in dem ganzen stressigen Alltag. Hier, in Indien, hat Zeit keine Bedeutung. Das Land ist zeitlos, Termine sind nur für den Kalender da und die Gelassenheit kennt keine Grenzen. Ich fühle mich seit drei Monaten durch die viele Arbeit im Büro so gestresst, doch immer wenn ich zurückdenke, ist es doch wie Urlaub.

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Hyderabad vom Dach aus

Möchte ich denn überhaupt nach Deutschland zurück? Das frage ich mich, sehr häufig sogar. Es wird komisch sein, Indien zu verlassen. Denn ich habe mich mit allem, was sowohl gut als auch schlecht war abgefunden. Kakerlaken in meiner Schublade können mich nicht mehr schocken, ebenso wie duschen mit kaltem Wasser. Mein Lebensstandard ist so niedrig geworden, dass jede Besserung sich wie Luxus anfühlt. Ich weiß nunmehr die kleinen Dinge zu schätzen und werde mich in Deutschland nie mehr aufregen, wie schlecht es doch ist. Es wäre dumm, denn ich habe viel, viel Schlechteres erfahren, war so krank, dass ich vier Tage nicht essen konnte und dachte, dass es mein Ende ist. Aber ich bin immer noch am Leben und habe meine Mitte gefunden, dank Indien und den tollen Menschen, die mich hier begleiten und die ich nicht mehr missen möchte. Ich habe mein Herz an Indien verloren, was ich nach meiner ersten Woche in der dreckigsten Wohnung, die ich jemals gesehen hatte, nie gedacht hätte. Natürlich vermisse ich ein paar Sachen, wie deutsches Brot oder Bier und am meisten meine Freunde und Familie, aber ich hätte gedacht, dass es schlimmer ist, dass meine Sehnsucht mich umbringen wird.

Und nun sitze ich hier und frage mich, wie es sein wird, wenn ich zurückkomme, denn ich bin nicht mehr der Mensch, der gegangen ist.

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