Das erste Date

An einem Mittwochabend war es endlich soweit: Wir verabredeten uns in einer Bar. Es sollte nichts Besonderes sein, einfach nur nett reden. Mein Mitbewohner bestand darauf, mich mit seinem Motorrad hinzubringen. Wir warteten und warteten. Misstrauen machte sich breit. „Siehst du. Ich hab es dir gesagt. Er ist immer noch nicht da. Vielleicht kommt er gar nicht.“ Und dann kam er. Mit einer halben Stunde Verspätung. Es fühlte sich wie eine halbe Ewigkeit an. Ich war sauer. Wie kann er mich beim ersten Date so lange warten lassen? Ich verabschiedete mich von meinem Mitbewohner, der mich darauf hinwies, dass ich ihn jederzeit anrufen könne. „Alles klar. Nun geht es endlich los“, schoss es mir durch den Kopf. Mein Brasilianer war schlicht angezogen, ein weißes Shirt und eine Jeans. Ich hatte mir stundenlang den Kopf darüber zerbrochen, was ich anziehen sollte und wählte schließlich einen Overall. Irgendwie fühlte ich mich overdressed. Bei der Begrüßung merkte ich, wie gut er roch. Und er lächelte mich mit diesem einzigartigen Lächeln an. War es mir schon vorher einmal aufgefallen?

Wir gingen in die Bar, stiegen ein paar Treppen hinauf und plötzlich waren wir auf einer Dachterrasse. Er hatte sich einen wundervollen Ort für unser erstes Date ausgesucht. Ich war begeistert. Ein unglaublich exotisches Flair umgab uns. Palmen, Holzstühle, ein offener Steingrill. Und wir beide ganz weit weg von Zuhause. Es war faszinierend. Er faszinierte mich. Wir saßen uns gegenüber. Er lächelte mich die ganze Zeit an. Seine Augen funkelten. Ich schaute öfter auf mein Handy. Ich war nervös. „Leg doch ruhig das Handy weg. Oder erwartest du einen Anruf?“ Ich murmelte nur ein kurzes „Nein“ und ließ das Handy in der Tasche verschwinden.

 

Wir tranken ein Bier nach dem anderen und ich hatte Hunger. Ich hatte einen weiten Weg zur Arbeit und kaum Zeit zum Essen gehabt. „Willst du wirklich hier etwas essen? Es ist echt scharf.“ Seine Warnung war zwar nett gemeint, doch ich fühlte mich unterschätzt. Wir aßen etwas Kleines und er war erstaunt, dass ich keine Probleme mit der Schärfe hatte. Ich hatte es auch nicht, hätte es aber auch nicht gezeigt, wenn’s so gewesen wäre. Ich wollte perfekt auf ihn wirken. Die perfekte Mischung zwischen Schönheit, Stärke und Intelligenz.

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Ein indisches Liebespaar im Park

Wir unterhielten uns über alles Mögliche: unsere Arbeit (welch’ Zufall er war als Designer angestellt, wie ich), unser Leben in Indien und unser Leben Zuhause. Er erzählte von seiner ersten Zeit hier. Und wir lachten über den indischen Akzent, ihre merkwürdige Art, Ja und Nein zu sagen – beides mit einem Kopfschütteln – und ihre teilweise sehr befremdlichen Manieren. Wir lachten viel, redeten viel. Zwischenzeitlich musste ich zur Toilette. Wo soll das alles hinführen? Was mache ich hier bloß? Wird er mich küssen? Ich war unsicher. Ich warf noch einen letzten Blick in den Spiegel, korrigierte mein Make-Up und richtete mein Haar. „So, jetzt kann es weitergehen“, dachte ich mir. Und es ging auch weiter. Und wie.

Kaum kam ich von der Toilette zurück wurde unsere Unterhaltung zusehends intensiver. Bis er mich plötzlich sekundenlang anschaute und sich neben mich setzte. „Was ist denn los?“, fragte ich. „Du siehst so wunderschön aus und es gibt nur eine Sache, die ich schon die ganze Zeit machen wollte: dich zu küssen.“ Seine Lippen fühlten sich weich an. Er zögerte nicht lang und steckte bald seine Zunge in meinen Mund. Es war forsch, zugleich auch so intensiv und atemberaubend. Wir küssten uns lang. Es war wie ein Sog voller Leidenschaft. Er fing an, mich immer stärker zu umarmen, umklammerte meinen Hüften. Unserem ersten Kuss folgten zahlreiche weitere. Berührten sich unsere Lippen einmal nicht, dann tranken wir Bier oder tauschten verschmitzt kurze Sätze aus. Wir vergaßen die ganze Welt, um uns herum. Ich weiß nicht einmal, ob uns die Inder am Nachbartisch angestarrt haben. Wahrscheinlich schon. Wir waren zu leidenschaftlich. Aber es war uns egal. Nur wir zählten, niemand Anderes. Wären wir keine Ausländer gewesen, man hätte uns hochkant aus dem Lokal geworfen.

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Tandoori Chicken traditionell gegart

Wir waren fast die letzten, die das Lokal verließen. Er fragte mich, wo es nun hingehen sollte und wir fuhren zu mir nach Hause. Mit ihm schlafen, das würde ich nicht. Nicht heute! Als wir bei mir Zuhause ankamen, schliefen schon alle mein Mitbewohner. Wir machten ganz leise. Wir küssten uns weiter, auf dem Balkon und in der Küche. Seine Küsse wurden immer intensiver. Wollte er denn sofort mit mir schlafen? Hatten meine Mitbewohner doch recht gehabt? Ich spürte seine Erregung, aber ich sagte zu ihm, dass nichts laufen würde. Ich kenne ihn zu wenig und außerdem ist gar kein Platz hier. Er trank noch einen Schluck Wasser, küsste mich zum Abschied und fuhr heim. Er war sauer, ich spürte es. Und ich hatte Angst, dass ich ihn verloren hatte. Doch ich war mehr wert als ein One-Night-Stand. In derselben Nacht schrieb ich ihm noch, ob er gut Zuhause angekommen sei. Er antwortete mir nur kurz und sehr genervt: „Ich war etwa gegen drei Zuhause und habe kaum geschlafen.“ Er sagte nichts über unseren Kuss, den Abend oder seine Gefühle. Ich musste mich zwingen, nicht loszuheulen.

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