Eine indische Liebesgeschichte – Der Anfang

Wie es der Zufall so wollte, lernte ich bei meinem Auslandsaufenthalt in Indien einen Brasilianer kennen, in den ich mich Hals über Kopf verliebte. Und er ebenso in mich. Ich habe vorher nie an Liebe auf den ersten Blick geglaubt und plötzlich stand sie vor mir. Ein zufälliges Treffen bei einem indischen Bekannten – der sich später als Abzocker und Tyrann herausstellte – brachte den Stein ins Rollen. Ein wenig aufdringlich, interessiert und teils frech präsentierte sich mir dieser fremde Kerl – irgendwie anders als der übliche Standard, den man klischeehaft in Schleimer oder Bad Boy unterscheiden kann. Er hatte von beidem etwas und zugleich auch nicht. Die Faszination wuchs. Wir redeten viel über dies und das. Er zeigte mir, wie man besser mit der rechten Hand isst: „Hier, die drei Finger musst du nehmen und zusammenpressen. Und nimm genug Soße, damit du den Reis auch greifen kannst, sonst fällt er dir wieder herunter.“ Das war gar nicht so leicht für mich.

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Indisches Reisgericht

Drei Wochen war ich bisher in Indien und mit den Händen zu essen widerstrebte allem, was ich in meiner guten Erziehung erlernt hatte. Der glitschige, warme Brei rinn nur so zwischen meinen Fingern hindurch. Ich erlernte das Essen neu – wie ein Kleinkind in einem erwachsenen Körper gefangen. Nach mehreren Versuchen gelang es mir dann auch, irgendwie. Der Brasilianer lachte nur über meine ersten Essensversuche. Er hatte gut lachen. Er lebte ja auch schon fast drei Monate in Indien.

Einige Zeit später startete er den nächsten Annäherungsversuch. Seine kolumbianische Mitbewohnerin tanzte leidenschaftlich neben mir zu verschiedenen Pop-Hymnen. In dem Moment stieß er mich von der Seite an und sagte: „Sie kann dir beibringen, wie man in Südamerika richtig tanzt.“ Ich war empört. „Hallo, du weißt doch gar nicht, wie ich tanzen kann“, dachte ich mir nur. Ich wendete mich von ihm ab – vorerst. Nach einigen Drinks präsentierte ich dann auch voller Stolz meine Tanzkünste. Und siehe da. Er lobte sogar, wie toll ich meine Hüften bewegen könne. Genug Hintern habe ich dafür ja auch und erst recht hatte ich genug Alkohol im Blut. Wir begannen uns intensiver zu unterhalten, tranken zusammen ein paar Bier und knipsten Erinnerungsfotos. Man weiß ja nie, wozu die noch zu gebrauchen sind.

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Das erste gemeinsame Foto

Gegen zwei oder drei verließen er und seine Mitbewohner die Party und fuhren nach Hause. Ich blieb mit einem meiner Mitbewohner zurück. Wir waren zu viele Personen, um gemeinsam nach Hause zu fahren. Ich schlief dort und es stellte sich als großer Fehler heraus. Zuerst versuchte mein Mitbewohner, sich an mich heranzumachen. Ich flüchtete in das Wohnzimmer. Dort schlief der indische Bekannte. Ich versuchte ihn nicht zu wecken, er hatte mich aber schon längst gehört. Er fragte, was los sei. Ich erklärte ihm die Situation und er zuckte nur mit seinen Schultern. „Du bist eine attraktive Frau. Da würde ich auch mein Glück versuchen“, meinte er beiläufig. Ich wollte einfach nur weg von dort. Weit weg. Er sagte, dass ich mich wieder hinlegen sollte. Ich ging auf den Balkon, blieb dort eine Weile, bis ich ihn davon überzeugen konnte, mich heim zu bringen. Auf dem Weg nach Hause erklärte er mir, dass ich jetzt in seiner Schuld stehe und dass er das nur wegen mir machen würde. Die ganze Fahrt über musste ich mir seine Moralpredigt anhören. Endlich vor der Haustür angekommen, sprang ich sofort aus dem Auto und erzählte alles meinen anderen Mitbewohnern. Sie waren schockiert und entschuldigten sich, mich mit den beiden allein gelassen zu haben.

Mein Tag war so etwas von gelaufen, zumindest dachte ich das. Gegen Mittag meldete sich aber mein Facebook-Account. Jemand möchte mich zum Freund haben. Nichts Besonderes hier in Indien. Doch es war der Brasilianer vom Vorabend. Ich akzeptierte sofort seine Anfrage. Irgendetwas faszinierte mich an ihm. Was genau kann ich bis heute nicht in Worte fassen.  „Woher hat er überhaupt meinen vollständigen Namen? Ich habe ihm doch nur meinen Vornamen gesagt, oder?“, überlegte ich mir. „Hallo. Ich bin es von gestern. Wie geht es dir? Wart ihr noch lange dort? Es war schön, dich kennen zu lernen.“ So lautete die erste Nachricht von ihm. Ich antwortete ihm und wir schrieben ab sofort jeden Tag miteinander.

Unseren Themen reichten von einfachen „Wie geht’s“- Nachrichten bis hin zu „Gute Nacht“- Wünschen. Es war schön, zu wissen, dass er irgendwie immer da war, auch wenn wir uns nicht trafen – erst einmal. Ich arbeitete viel, er auch und wir wohnten weit entfernt voneinander. Wie sich im Laufe unserer Gespräche herausstellte, sollte ich sogar ursprünglich bei seiner Firma anfangen. Ich entschied mich aber dagegen. Ebenso erfuhr ich, dass ich ihm schon vor der Hausparty aufgefallen war, in einer Disko. Ich tanzte mit meinen Mitbewohnern und er fragte einen von ihnen, wer ich denn sei. „Warum bin ich dir überhaupt dort aufgefallen?“ „Du bist so anders als alle Menschen hier und du warst die schönste Frau dort.“ Ich war beeindruckt. Ich, die schönste Frau? Da stimmt doch etwas nicht.

Nach wenigen Tagen hatte ich bereits das Gefühl, dass ich mich in diesen Unbekannten verliebte. Es klingt so naiv, aber er hatte irgendetwas an sich. Wir redeten viel. Darüber, wie ähnlich wir uns sind, und zugleich so verschieden. Natürlich fragte er mich auch nach einem Treffen. Ich war unsicher. Ich hatte gelernt wie eine Kakerlake zu überleben und mich auf feindlichem Gebiet anzupassen. In Klartext: Triff dich in Indien niemals allein mit einem fremden Mann. Meine Mitbewohner warnten mich: „Er will dich doch nur ins Bett bekommen. Pass auf dich auf. Du kannst dich nicht mit einem Wildfremden treffen.“ Ich verteidigte ihn, verteidigte mich. Sagte, dass ich die Situation nur einmal abchecken möchte. „Schließlich kann ich ja auch jederzeit wieder heim fahren.“ Sie hielten mich für verrückt. Verrückt, das war es auch. Er war mir so fremd und doch so nah. Näher als jeder andere Mann, den ich je kennen gelernt habe. Ich musste ihn treffen. Ich musste sehen, was aus uns werden könnte.

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