Der Tag danach

„Und wie war der Abend?” „Du bist aber erst spät nach Hause gekommen.“ „War er denn noch mit hier? Ich habe jemanden mit dir zusammen auf dem Balkon gesehen.“ So oder so ähnlich löcherten mich meine Mitbewohner am nächsten Morgen. Ich antwortete ihnen nur kurz. Was sollte ich ihnen denn auch erzählen? In mir schrie es: „Ja, ihr hattet recht. Ihr hattet mich gewarnt, dass das nicht nur ein unverfängliches Date werden würde und nun, nun weiß ich nicht, was ich denken soll.“ Ich behielt meine Gedanken aber für mich. Die Genugtuung wollte ich ihnen nicht schenken. „Es war schön. Mal schauen, wie es weitergeht“, war meine simple Antwort. In mir brodelte es. Mein Herz schlug bis zur Decke. War das der Anfang einer wundervollen Liebesgeschichte oder doch nur eines dieser hoffnungsvollen ersten Dates, die im Sande verlaufen? Ich wusste es nicht, doch bald sollte ich eine erste Vorahnung erhalten.

Der Tag danach2
Der Schah-Palast in Hyderabad

Nach einem ernüchternden Morgen, tausend Fragen und viel zu wenig Schlaf fuhr ich schließlich auf Arbeit. Gedankenversunken saß ich an meinem Schreibtisch und erfüllte meine Aufgaben. Mal wieder musste ich eine neue Broschüre gestalten. Ich hoffte, dass mich die Routine von dem enttäuschenden Ende des Abends ablenken würde. Doch nichts, einfach nichts funktionierte. Ich legte schon nach kurzer Zeit meine erste Pause ein. Meine Kolleginnen folgten mir in die Cafeteria. Ich griff mir einen indischen Kaffee und setze mich an den erstbesten Tisch. „Was ist denn mit dir los? Ich dachte, dass du gestern ein Date hattest.“ Wie meine Mitbewohner, so fragten mich auch meine Kollegen aus. Und ich leugnete wieder, wollte nicht zu viel preisgeben. Ich befürchtete, dass ich mir zu viel Hoffnung machen könnte. Schließlich wusste ich immer noch nicht, was es mit dieser merkwürdigen letzten Nachricht auf sich hatte.

Sobald ich an meinen Arbeitsplatz zurückgekehrt war, erhielt ich eine Antwort darauf. Er schrieb mir. Und siehe da: Er musste nach unserem Date fast den ganzen Weg bis nach Hause laufen – mitten in der Nacht. Ihm tat es leid, dass er mir diese Nachricht geschrieben hatte. Er war nur genervt. Es lag nicht an mir. Mein Tag erhellte sich zusehends, als wir uns auch noch zum Mittagessen bei Subway verabredeten. (Im Laufe der nächsten Monate sollte es unser Lieblings-Fast-Food-Restaurant werden, wenn wir mal dem indischen Essen entfliehen wollten. Noch heute kann ich keine dieser Filialen sehen, ohne an ihn zu denken.)

Der Tag danach3
Ein Land ohne Straßenschilder

Ich war noch nie in meiner Mittagspause außerhalb der Cafeteria essen. Ich wohnte mehrere Kilometer entfernt von meiner Arbeit. Dieser Stadtteil war mir absolut fremd; und ich war überhaupt froh, mir den Weg vom Bus zum Unternehmen gemerkt zu haben. Meine Kolleginnen standen mir hilfsbereit zur Seite. Bis ins kleinste Detail erklärten sie mir, wo ich langgehen sollte. Oder ich könnte auch eine Rikscha nehmen. „Fahr’ bis zum Google Office. Das ist gleich dort“, meinte eine von ihnen. Andere rieten mir zu laufen. „Es sind doch nur zehn Minuten zu Fuß!“ Ich entschied mich für die letztere Alternative und prompt verlief ich mich. Panisch schrieb ich meinem Brasilianer. Hoffte, dass er mich aus meiner Notlage befreien und mich trotzdem für nicht ganz zu dumm halten würde. Irgendwie funktionierte das auch. Später als erwartet erreichte ich Subway. Und da stand er. Lässig mit einer seiner vielen Sonnenbrille auf der Nase lächelte er mich an. Er lief die letzten paar Meter auf mich zu und gab mir einen Kuss. Ich konnte es nicht glauben. Er hatte mich wieder geküsst. Die Schmetterlinge tanzten in meinem Bauch und mein Herz schlug bis zum Halse. Ich war genau so nervös wie am Vorabend.

Es war unglaublich voll bei Subway. Klar, es war Mittagszeit. Gefühlte zwanzig Inder standen vor uns in der Schlange und brauchten eine halbe Ewigkeit, um sich für ein Sandwich zu entscheiden. Wir nutzten die Zeit und machten dort weiter, wo wir vor unser Kussorgie aufgehört hatten: Wir unterhielten uns intensiv. „Ich arbeite nur fünf Minuten von hier entfernt und meine Wohnung ist auch nicht weit weg. Das ist schon praktisch. Du kannst gern mal bei uns vorbeikommen und dir die Wohnung anschauen. Sie ist unglaublich schön. Es gibt eine riesige Dachterrasse, auf der wir regelmäßig Barbecues veranstalten.“ Wollte er mich auf ein weiteres Date einladen oder war es der unbeholfene Versuch, mir ein Zimmer in seiner WG zu vermitteln? Ich beneidete ihn auf jeden Fall für seinen kurzen Arbeitsweg und seine scheinbar unglaublich schöne Wohnung, die er sich mit sechs Mitbewohnern teilt. Diese durfte ich in den nächsten dreißig Minuten auch näher kennenlernen. So erzählte er mir von seinem Zimmergenossen, der fast nur vor seinem Computer lebt, von einem deutsch-kolumbianischen Liebespaar in seiner WG, das tagelang aufeinanderhängt und von seinem introvertierten schwedischen Mitbewohner, der schon mal aus Wut einen Stuhl zerschmettert. Seine Geschichten klangen verrückt und spannend zugleich. Er hatte schon so viel in Indien erlebt. Ich hingegen war ein Frischling, der sich noch mit der einen oder anderen Eigenheit und dem indischen Akzent herumschlagen musste. Doch all das spielte bei unserem ersten gemeinsamen Mittagsessen keine Rolle. Wir waren uns ebenbürtig, genossen unsere Zweisamkeit, umrahmt von zig Augenpaaren, die sich wohl fragten, was diese beiden Fremden hier treiben.

Endlich erhielten wir unser Essen. Nun mussten wir in dem Gedrängel nur noch einen Platz finden. Neben den Außentischen war ein separater Raum. Wir stiegen die drei Stufen hinauf und setzten uns. Nach kurzer Zeit kam eine Bedienung auf uns zu und wies uns darauf hin, dass diese Tische zu einem anderen Restaurant gehören. Peinlich berührt verließen wir das Restaurant und verdrückten die letzten Sandwichreste im Stehen. Ein Blick auf die Uhr. Wir mussten zurück zur Arbeit. Er begleitete mich bis zur nächsten Kreuzung, an der er mir einen kurzen Abschiedskuss gab.

Als ich allein die lange Gerade zu meinem Büro zurücklief, fühlte es sich an, als ob ich schwebe. Meine Gedanken drehten sich ausschließlich um die letzten 24 Stunden. Ich war glücklich und zugleich unsicher, wohin das alles führen sollte. Noch bevor ich auf meinem Bürostuhl saß, schrieb ich ihm. Und er mir auch. „Es war wunderschön mit dir. Lass uns das bald wiederholen“, lautete seine kurze Antwort. Wir schrieben den ganzen Tag miteinander und auch die ganze Nacht. Ich war bereits abhängig von diesem Fremden, der mich bereits bei unserem ersten Date von sich abhängig gemacht hatte.

3 Comments Add yours

    1. A vida louca says:

      Eine gute Frage. Sollte ich eine Fortsetzung schreiben? 🙂

      1. gerne….wo ich doch jetzt den anfang kenne….und sonst ist das wie bei Liebesfilmen, wo es meist aufhört, wenn es richtig spannend wird….der Alltag und das alltägliche und die ersten Unstimmigkeiten und so…..also: ich würd es lesen! 😉

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