Zwei Monate danach – Ein besonderer Nachruf

Sie waren wie „Die Träumer“ in Bertoluccis gleichnamigen Film. Sie kämpften für ihre Ideale und standen dem konventionellen Puritanismus kritisch gegenüber. Mit ihren grauen Pullundern, ihrem Laissez-Faire-Wesen und ihrer linksliberalen Bissigkeit erschienen sie wie ein letztes Relikt aus vergangenen Zeiten. Die 1968er Jahre lebten in ihnen und ihrer Arbeit weiter, obwohl ein Großteil von ihnen zu jener Zeit noch in den Kinderschuhen steckte. Ihr Traum, der Kampf für die ultimative Meinungsfreiheit, wurde von ihnen stringent und gegen alle Regeln durchgesetzt. Übertriebener Sexismus prägte genauso ihre Arbeiten, wie offene Kritik an religiösen Fanatismus, exzentrischen Politikern und rechtsradikalen Konservatismus. Immer ein bisschen anders und irgendwie auch zu viel für den gängigen Geschmack präsentierten sie Jesus in koitaler Pose mit seinem Vater oder Mohammed nackig im Wüstensand kniend.

Charlie 2Genau das wollten sie selbst niemals. Sie wollten niemals kniend leben und sich dem gemäßigten Bürgertum anpassen, sondern offen für ihre Ideale einstehen. Zahlreichen Klagen, öffentlichen Diffamierungen und Morddrohungen zum Trotz wichen sie nicht von ihrer Linie ab und verbreiteten weiterhin unverblümt ihre Meinung. Es schien, als sei der Hass nur ein erneuter Ansporn, um weitere Grenzen zu sprengen. Denn Grenzen kannten sie nicht. Sie hatten weder Respekt vor dem Abbildungsverbot des islamischen Propheten noch vor Gottes Abbild auf Erden, dem Papst.

Ihre Arbeiten erregten viele Gemüter, doch eines war klar: Sie waren herrlich erfrischend, so anders und doch nicht neu. Sie waren wie ein revolutionäres Überbleibsel im Sumpf des Mainstream-Journalismus, den man tagtäglich in Zeitungen und im Fernsehen verfolgen kann. Homogene Bilder und systemkonforme Berichterstattungen waren nichts für sie. Sie waren wie die französischen Sorbonne-Studierenden mehr als 40 Jahre vor ihnen. Doch tauschten sie die Molotow-Cocktails und Steine gegen Stifte und Papier. Und brachten jene Gedanken des wehrhaften und selbstbestimmten Individuums in das Hier und Jetzt – ganz im Voltaire’schen Sinne. Die Verteidigung der „Liberté“ war ihr bestimmender Lebensinhalt und das gern mit einem Glas Rotwein in der Hand – im Zentrum der wohl revolutionärsten Stadt der Welt, in Paris.

Ganz wie die „Träumer“ Matthew, Isabelle und Theo schufen sie in ihrem kleinen Büro in der Rue Nicolas-Appert ihre eigene Welt – abgeschirmt von der Außenwelt. Dabei scheuten sie auch nicht davor, ihre Kritik in voyeuristischer Manier und mit übertriebener Exzentrik darzustellen. Jede Woche erschien ihre Satirezeitschrift – eine Mischung aus feuchten und idealisierten Traumvorstellungen – die nur von einer ausgewählten Gruppierung konsumiert wurde, der intellektuellen Pariser Schickeria. Ihr Renommee entsprach schon lange nicht mehr jenem der Anfangsjahre – ob der gegenwärtigen Verödung der gesellschaftlichen Werte oder dem veränderten Medienkonsum geschuldet. Doch ihre Stammleser blieben ihnen treu.

Charlie 4Jetzt sind sie tot. An einem Mittwochvormittag hatten zwei französische Moslems genug von den satirischen Provokationen dieser etwas eigenen Journalisten und Karikaturisten. Mit Kalaschnikows bewaffnet stürmten sie unter „Allahu-Akbar“- Rufen die Redaktion und exekutierten zwölf Menschen. Mit dieser Tat trafen sie auch tausende anderer Journalisten mitten ins Herz, die mit ihrer Arbeit tagtäglich für die freie Meinungsäußerung kämpfen. Es schien, als würden die Straßenschlachten um Freiheit und Freizügigkeit Paris erneut heimsuchen. Doch dieses Mal brannten nicht nur die Barrikaden.

Innerhalb weniger Stunden ging ein Aufschrei durch die Weltbevölkerung. Unter den Weinenden und Sympathisanten der Opfer waren zahlreiche Religionsanhänger, Mainstream-Journalisten und Regierungsangehörige. All jene, die sich jahrelang als Gegner dieses Magazins etablierten, gingen plötzlich Hand in Hand mit den Hinterbliebenen. Sie nutzten die Gunst der Stunde, um sich selbst als Gut-Menschen zu inszenieren, als vereinigte und friedliche Welt. Noch über ihren Tod hinaus schienen die Arbeiten und das Wirken der Journalisten ununterbrochen. Denn eines vermochten ihre Mörder nicht: ihren unbändigen Glauben an die freie Meinung zu beseitigen.

3 Comments Add yours

  1. Léa says:

    Nous somme tous Charlie! Merci beaucoup.

    Thank you for choosing to follow one of my blogs. By now, you must know that Paris and France are under attack yet again. Lea

    1. A vida louca says:

      I know. My prayers and thoughts are all with Paris and all the French people.

      1. Léa says:

        Merci beaucoup!

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