Eilmeldung – Trauerflor überall

Eine Eilmeldung erreichte uns gestern: In den französischen Alpen ist ein Flugzeug der Lufthansa-Tochter Germanwings mit 150 Menschen an Bord abgestürzt. Die Maschine war unter der Flugnummer 4U9525 auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf. Unter den Opfern befinden sich 72 Deutsche, darunter auch eine Schulklasse aus Haltern.

Wir tragen Trauerflor. Schon wieder hat sich eine Tragödie ereignet, die vielen Menschen das Leben gekostet hat. Eine Katastrophe jagt die andere – fast täglich. Und wir fragen uns: Wo sind wir denn überhaupt noch sicher? Statistisch gesehen ist es wahrscheinlicher einen Sechser im Lotto zu haben, als in einem Flugzeug zu sterben. Doch wie war das mit dem malaysischen Linienflugzeug, das nie wieder gefunden wurde? Oder die abgeschossene Boeing von derselben Airline?

Gestern, heute, morgen und wahrscheinlich auch noch die nächsten zwei Wochen wird es in den Nachrichten nur ein Thema geben: das Warum. Warum ist das Flugzeug abgestürzt? Warum passierte eine solche Katastrophe gerade auf einem Billigflug? Warum kommt es immer häufiger zu solchen Abstürzen? Fragen über Fragen, die viele Reisende zunehmend verunsichern. Die Medien leisten ihren Beitrag dazu. Immer auf Aktualität und Lokalität bedacht dominieren Sondersendungen zum Flugzeugabsturz, Interviews mit Verantwortlichen und Dokumentationen über Flugsicherheit das TV-Programm in den letzten 36 Stunden. Der Rezipient wird solange mit Informationen vollgepumpt, bis er freiwillig abschaltet. Das gleiche Sendeverhalten, wie schon bei anderen Katastrophen, etwa bei 9/11. Sind Deutsche oder andere westliche Verbündete betroffen, so wird ausgiebig darüber informiert, der Rezipient übersättigt. Natürlich gilt mein Mitgefühl den Opfern und ich verstehe die Brisanz solcher Ereignisse. Doch – um bei 9/11 zu bleiben – weiß jemand überhaupt genau Bescheid, wie viele Unschuldige bei Bushs „Anti-Terror-Kampf“ ums Leben gekommen sind? Wahrscheinlich nicht. Schließlich, und da liegt die Ironie, sind das ja bloß muslimische Länder – irgendwo weit weg von hier – kulturell und geografisch.

Auch Afrika und Südamerika kommen in den Nachrichten deutlich zu kurz. Als 20-Sekünder wurde letzte Woche beiläufig berichtet, dass Liberia einen erneuten, exponentiellen Anstieg an Ebola-Toten verzeichnet. Von Massenpanik keine Spur. Vor wenigen Monaten sah das noch ganz anders aus, als zwei US-amerikanische Ärzte infiziert waren und ein erkrankter Ebola-Forscher nach Deutschland ausgeflogen wurde.

JemenUnd könnt ihr euch noch an das Charlie-Hebdo-Attentat erinnern? Drei Tage – bis zur Erschießung der Attentäter – verfolgten europäische Nachrichtensender live die Ereignisse. Und wir schauten zu, hielten gespannt den Atem an. In der vergangenen Woche kam es erneut zu Anschlägen durch islamistische Extremisten. Dieses Mal in Tunesien, Syrien und dem Jemen. Mehr als 200 Menschen wurden ermordet. In den Nachrichten spielte vor allem Tunesien eine große Rolle, da sich unter den Opfern Touristen befinden. Der Jemen, das Land mit den meisten Opfern, erhielt vergleichsweise wenig Beachtung. Und nach 24 Stunden waren die Bombenattentate bereits in Vergessenheit geraten. So schnelllebig ist die Nachrichtenwelt – insofern kein westliches Land betroffen ist.

BrasilienNicht allzu viele Deutsche werden auch etwas über die Demonstrationen in Brasilien mitbekommen haben. Nein, ich meine nicht jene Proteste von 2014 – vor „unserer“ WM. Ich spreche von diesem Jahr. Vor einer Woche kam es zu Demonstrationen, weil der amtierenden Präsidentin Dilma Rousseff Bestechlichkeit vorgeworfen wird. Es geht um mehrere Millionen Reais. Die Steuerhinterziehung von Uli Hoeneß erregte da weit mehr Aufmerksamkeit in Deutschland und sorgte für Wochen für kontroverse Diskussionen.

All diese Beispiele verdeutlichen, wie selektiv unsere Nachrichten sind. Nationalität, Ethnie und Religion bestimmen was und wie wir es sehen. Eine medial inszenierte Klassengesellschaft entsteht zwischen uns und den Anderen. Jenen Anderen, die nur eine Randnotiz in der Berichterstattung sind. Und das nicht, weil es dort weniger Katastrophen gibt, sondern einfach, weil sich die westliche Gesellschaft selbst am nächsten ist. Doch vergessen wir einmal die Differenzen und sehen jede Katastrophe, egal wo, als wichtig an. Müssten unsere Fahnen dann nicht immer auf Halbmast stehen und wir immer Trauerflor tragen?

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