Mein Indien – Ein Rückblick Teil II

„Wer einmal nicht nur mit den Augen, sondern mit der Seele in Indien gewesen ist, dem bleibt es ein Heimwehland.“ (H. Hesse)

Die Tage ziehen an mir vorbei, ruhelos. Ich fühle mich rastlos. Alles scheint so ungreifbar, unfassbar. Alle meine Erlebnisse, die Menschen, die ich getroffen habe, das Leben, welches ich hier aufgebaut habe – Das soll alles in nunmehr einem Monat vorbei sein? Irgendwie zog die Zeit in Siebenmeilenstiefeln an mir vorbei. In Indien dreht sich die Welt schneller – Oder war das alles nur ein Traum, nahezu perfekt und unheimlich zugleich. Meine Fantasie scheint großartig oder meine Realitätswahrnehmung schrecklich zu sein.

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Kleiner Junge auf den Straßen Hyderabads

Fünfeinhalb Monate nach meinem Eintreffen in diesem mir so fremden Land habe ich ein neues Zuhause gefunden. Ich kenne mittlerweile jeden gemeinen Trick der Händler und Autorikscha-Fahrer; ich habe gelernt mit den Blicken der Menschen umzugehen und bewege mich beinahe, als ob ich niemals woanders gewohnt hätte. Die tiefere Kultur ist mir vertraut – das Frauenbild, welches geprägt ist, von der Weiblichkeit als Synonym für Häuslichkeit und Keuschheit; das Familienbild, welches von Traditionen und Ahnenverehrung bestimmt ist und das Religionsverständnis, welches von einem tiefen Glauben, Spiritualität und ungeahnter Toleranz dominiert wird. All dies macht Indien so einmalig, abwechslungsreich, vielleicht auch etwas rückständig in den Augen eines Europäers. Doch ich werde es vermissen. Meine Seele hat gelernt indisch zu sein.

Indien hat mir etwas gegeben, was mir bisher in Deutschland verwehrt geblieben ist: Ich kann klarer sehen. Ich habe Grenzerfahrungen gemacht (Man denke nur an riesengroße Kakerlaken oder Toiletten, die schon gar nicht mehr wie welche aussehen), wunderschöne Orte gesehen, Leiden, Schmerz, Glück und Freude gespürt. Indien hat mich zu einer neuen Person gemacht, einer stärkeren, tapferen und zugleich extrem zerbrechlichen. Mein Vater erinnerte mich immer daran, dass die Weltrevolution, wie Lenin sagte, eines Tages durch Indien, explizit Kalkutta, führen werde. Vielleicht brauchte ich für meine eigene Revolution auch „dieses“ Indien. Denn ich bin mir stärker denn je bewusst, was ich bin, wer ich sein will und wo mein Leben mich hinführen soll. Die Gegensätze dieser Nation ziehen mich in den Bann, faszinieren und verstören mich zugleich. Das kleine Mädchen, das mir auf der Straße hinterherlief, mit ihren zerzausten Haaren und ihren kleinen, schmutzigen Füßen geht mir ebenso wenig aus dem Kopf, wie die prunkvoll geschmückte Braut, die ich vor einigen Tagen auf einer Hochzeit bewundern durfte. Die Mischung aus Rastlosigkeit und Tradition, das Große in dem Kleinen zu sehen, hat mich auch angesteckt. Es hat mich zum Kämpfen, Sinnieren und Meditieren gebracht.

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Gebaut wird überall in Indien

Bald wird meine Reise weitergehen, weiter in den Norden Indiens, das Zentrum aller Entrüstung in den Medien. Die Meldungen von vergewaltigten Frauen (wie etwa in Delhi), rückständiger Bildung und bewaffneten Auseinandersetzungen (etwa in Kaschmir und Jammu) lassen in mir die Alarmsirenen schrillen. Doch ich versuche es zu ignorieren. Die Neugierde ist zu groß; der Gedanke, dass ich einen großartigen Ort in Indien missen könnte. Denn wie oft wird es mich wohl wieder nach Indien verschlagen? Wahrscheinlich niemals. Wie könnte ich Delhi, das Zentrum Indiens und Kalkutta, sein Herz mir jemals entgehen lassen? Warum sollte ich niemals das Himalaja-Gebirge sehen? Der Reiz bringt mich dazu, scheinbar gefährliche Gebiete bereisen zu wollen. Alle schrecklichen Ereignisse sind mir zwar bewusst, doch ich habe mich zu keiner Zeit unsicher in diesem Land gefühlt. Vielleicht bin ich zu sehr involviert, vielleicht einfach zu naiv, gepackt von Abenteuerlust oder ich habe einfach den richtigen Menschen vertraut. Die rationalste Erklärung wäre wohl aber, dass der Norden einfach rückständiger ist als der Süden, in welchem ich lebe. Doch seit wann vertraue ich der reinen Rationalität – und das gerade in Indien?

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Einer von vielen Kokosnuss-Ständen

Die Ruhelosigkeit hat mich wieder gepackt: Ich muss weiter arbeiten, weiter voranschreiten, weiter leben und alles auskosten, was sich mir bietet, alles überwinden, was sich mir in den Weg stellt. Die Allgegenwärtigkeit von Leben und Tod, Leid und Freude, Liebe und Hass hat mich verstehen lassen, was es heißt, zu leben. Es wird immer ein Kampf sein, für das, was man will, für das, was man liebt, aber auch Glück, denn selbst die kleinsten Dinge können die größten Freuden bringen. Indien hat seinen unsichtbaren Schleier um mich gespannt, seine Arme geöffnet und mich empfangen. Ich habe es dankend angenommen und meine Lektion gelernt. Ich bin über mich hinausgewachsen, habe wohl niemals so viele Eindrücke auf einmal gewonnen, nie so viele Menschen in so kurzer Zeit kennen gelernt, habe mich nie so krank, allein, zusammen und vital gefühlt. Indien hat mich in seinem Bann gefangen. Ich werde es niemals auf meinem Weg missen. Es wird mich immer begleiten, in meinen Erinnerungen und meinem Herzen….

 

 

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