Xenophobie – Die Angst vor dem Unbekannten

Gestern jährte sich die Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald zum 70. Mal. Es ist einer dieser historischen Tage, der uns die Vergangenheit wieder ins Gedächtnis rufen soll. Wir gedenken den Opfern des Nationalsozialismus, die – nach Wochen, Monaten und Jahren voller Qual – von ihren Peinigern befreit wurden. Innerliche Befreiung werden sie wohl aber nie wirklich empfunden haben. Schließlich haben sie Freunde, Verwandte und Weggefährten verloren, Menschen leiden und sterben sehen und selbst bei der Opferbeseitigung geholfen. Bilder, die wohl kein Mensch aus seinem Gedächtnis streichen kann. Ein Leben lang. Wir müssen lernen, mit der Vergangenheit zu leben und auch aus ihr zu lernen. Scheinbar ist das aber nicht so leicht, wie die Ereignisse in Tröglitz und die Pegida-Demonstrationen verdeutlichen. Oder um es mit Heribert Prantls Worten zu sagen:

„[D]er alte Rassismus ist immer wieder jung.“

Denke ich zurück an meine Kindheit, so denke ich an Spiele wie „Wer hat Angst vor’m Schwarzen Mann“. Wir haben es voller Naivität auf der Straße gespielt, wussten nicht, wer genau dieser „Schwarze Mann“ eigentlich sein sollte. Ich kannte keine Menschen anderer Hautfarbe, anderer Religionen oder anderer Klassen. Für mich existierten nur meine Familie und meine Freunde, Bekannte und Fremde auf der Straße. Alle schienen gleich mit ihrer weißen Haut und den rosa Wangen. Doch wer war nun dieser schwarze Mann? Beim Lesen von Wilhelm Busch erhielt ich einen ersten Eindruck von ihm: Er wurde salopp als „Neger“ bezeichnet. Fipps der Affe führte ihn im wahrsten Sinne des Wortes an der Nase herum und riss ihm auch noch seinen Nasenring heraus.

Das Wort Neger hörte ich damals zum ersten Mal. Ich machte mir keine Gedanken darüber, ob es rassistisch sein könnte oder nicht. Schließlich wusste ich noch nicht einmal etwas mit dem Wort Rassismus anzufangen. Meine Eltern lehrten mich zwar, andere Menschen – egal welcher Hautfarbe – zu respektieren, doch war auch ihnen der Umgang mit anderen Kulturen eher fremd – ausgenommen natürlich die Besatzungsmächte. In meiner Region, der ehemaligen DDR, war, wie meine Oma immer zu sagen pflegte: „Der Russe allgegenwärtig“. Er verbreitete Angst und Schrecken. Bis ich zum ersten Mal selbst einen Russen kennen lernen durfte, kannte ich nur die Geschichten meiner Großeltern. Jene, wie die Russen nach dem Zweiten Weltkrieg über Deutschland herfielen, Frauen und Mädchen vergewaltigen, Lebensmittel stahlen und Bomben auf das Land abwarfen.

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Charminar in Hyderabad

Als Heranwachsende lernte ich dann auch die Gräueltaten meiner eigenen Landsleute kennen. Die Schrecken des Nationalsozialismus bestimmten die Pflichtlektüre meiner Schulzeit. Auf Deutsch, Englisch und Französisch erlebte ich, wie Joseph Joffo die „zone libre“ erreichte, Anne Frank in ihrem Versteck entdeckt wurde und der Hitlerjunge Salomon sich perfekt in der Hitlerjugend zu tarnen wusste. Ganze Geschichtsbücher sind diesen wenigen Jahren der deutschen Geschichte gewidmet, ihren schlimmsten und menschenverachtendsten Jahren. Ich schäme mich dafür – noch heute. Doch ich muss mit dieser Bürde leben: Ich stamme aus einem Land, das die Intoleranz gesellschaftsfähig gemacht. Wie sehr die Gegenwärtigkeit dieser Geschichte fortan mein Leben bestimmen sollte, wurde mir zum ersten Mal auf einer Sprachreise in England bewusst: Britische Jugendliche bezeichneten mich und meine Mitschüler als „Nazis“. Und nur, weil wir Deutsche sind. Ich fühlte mich ungerechtfertigt behandelt. Und doch sollte es nicht das letzte Mal sein, dass ich auf solche Vorurteile traf.

In Indien drehte sich der Spieß der Andersartigkeit komplett um. Ich war plötzlich die Andere, die mit ihrer hellen Haut, den blonden Haaren und den grünen Augen so gar nicht in das gängige Gesellschaftsbild passte und für großes Aufsehen sorgte. Anstatt Hass erfuhr ich aber wahnsinnige Ehrfurcht von den Menschen. Kleine Kinder reihten sich in Scharen um mich und fragten, ob meine Haut wirklich echt sei. Sie rieben an ihr; und zogen auch an meinen Haaren. Einige Erwachsene fragten mich, ob sie ein Foto mit mir aufnehmen könnten. Andere fotografierten mich – sehr unverschämt – heimlich mit ihren Handys. Und taten so, als bekäme ich nichts mit. Ich fühlte mich irgendwie besonders und zugleich wie ein Zootier. Denn ich stand unter ständiger Beobachtung. Jeder meiner Schritte wurde von Millionen von Augenpaaren verfolgt und in ihren Köpfen eingesperrt. Ich ging nirgendwo allein hin. Ich war plötzlich die Fremde, jener unbekannte Schwarze in meiner Stadt, dem ich schon als Kind neugierig hinterher geschaut hatte und mich fragte, woher er denn käme. War es auch das, was die Menschen in Indien interessierte? Meine Herkunft? Oder war ich einfach nur sonderbar, ganz fremd für sie?

In einer kühleren Novembernacht gegen ein Uhr erreichte die Xenophobie in Indien für mich einen traurigen Zenit. „In Hyderabad sind alle Menschen willkommen, solange sie weder Pakistanis noch Juden sind.” So die Meinung eines Moslems, der uns eine Mitfahrgelegenheit anbot. Und auch mit seiner Meinung zu Hitler hielt er nicht lange hinter’m Berg:„Ich verehre Hitler, denn er hat die Juden umgebracht.“ Diese Aussage brannte wie Feuer in meinem Herzen. Ich war schockiert, wollte sofort aussteigen, doch meine Mitbewohner zwangen mich, im Wagen zu bleiben. Was ich mein Leben lang nicht begreifen konnte, dieser Hass, er stand plötzlich offen zur Debatte. Nackt, roh und so schockierend ehrlich. Ich sagte zu ihm, dass man einen Menschen nicht wegen seiner Herkunft, seiner Religion, seines Status’ oder seiner Hautfarbe verurteilen könne. Meine Aussagen klangen wie Zitate aus einem Bertelsmann Lexikon. Ich war nicht sehr überzeugend in meiner Argumentation. Und ehrlich gesagt, wollte ich auch nicht mit ihm diskutieren.
Mein Freund, ein gebürtiger Brasilianer, verstand meine Empörung, erklärte aber, dass seine Landsmänner gegenüber Deutschen ebenso gewisse Vorurteile hegen. Kaltherzigkeit ist noch eines der nettesten. Andere denken, dass Deutsche schonungslos, intolerant und nicht sehr familienbezogen seien. Auch seine Familie hatte anfangs Bedenken mir gegenüber. Und all das, ohne mich zu kennen. Aber ich war das ja schon gewohnt. Fremdsein schürt Intoleranz. Das wusste ich. Doch ich ließ mich nicht unterkriegen. „Ich habe nichts mit den Sünden vergangener Tage zu tun. Ich bin Kosmopolit. Ich lebe heute, hier und jetzt“, versicherte ich mir selbst.

Natürlich wollte ich die Heimat meines Freundes persönlich kennen lernen. In Brasilien angekommen verhielt ich mich wie ein Chamäleon. Ich passte mich an, hüllte mich in brasilianische Kleidung und kämpfte mich durch den Alltagsdschungel – Sprache inklusive. Schon nach kurzer Zeit flog meine Tarnung auf. Meine Sprachkenntnisse erreichten ihre Grenzen und auch die Kommunikation mit Händen und Füßen war nur sehr dürftig. Ich versuchte mein Bestes, doch oftmals musste ich meinen Freund um Hilfe bitten. Manchmal fühlte ich mich sogar so, als ob ich mit Absicht nicht verstanden wurde. Ich versuchte diesen Gedanken von mir zu weisen. Doch selbst gebürtige Brasilianer bestätigen mir: „Wir sind einfach zu ungeduldig, um Ausländern zuzuhören.“ Ein weiteres offenes Geheimnis in Brasilien bestätigte sich mir in den folgenden Wochen: der unterschwellige Rassismus. Noch heute leben überdurchschnittlich viele Schwarze in den Favelas und den schlechteren Wohnvierteln. Und das nicht nur in Rio. Sie erhalten weniger Gehalt und haben im Allgemeinen schlechtere Bildungschancen. Ich konnte mich davon bei meiner Arbeit an einer Privatschule und meinen regelmäßigen Reisen selbst überzeugen. Brasilien – für mich das Land der absoluten Integration und Multikulturalität – offenbarte seine inneren Schwächen, die für mich gar nicht so neu waren. Xenophobie und Rassismus, so scheint es, sind wohl überall anzutreffen. Meine Hoffnung aber bleibt, dass vielleicht eines Tages nicht Hautfarbe und Herkunft, sondern Mitgefühl und Toleranz unser Miteinander bestimmen.

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