Die niemals schlafende Schönheit: Hyderabad

Sonntagmorgen, gegen acht Uhr. Ein lauter Schrei holt mich aus meinen Träumen. Er ist schrill, grell, synthetisch. Ich fühle mich, als befinde ich mich mitten auf einem Wochenmarkt – mit nur einem Marktschreier. Die Rufe sind auf Arabisch und kommen von der nahe gelegenen Moschee. Es ist der Imam, der zum Gebet aufruft – fünfmal täglich. Normalerweise halte ich die meisten Geräusche draußen, schirme mich in meinem Zimmer ab und schaffe einen Raum der Ruhe. Doch dieses Mal vergaß ich wohl, das Fenster zu schließen. Und schon nimmt die Geräuschkulisse Hyderabads auch mein Zimmer ein.

Es scheint, als würde diese Stadt niemals schlafen. Mitten in der Nacht wandeln zwielichtige Gestalten durch die Straßen auf der Suche nach Drogen, Alkohol, Frauen oder einfach nur, um nicht zu erfrieren, wenn sie einschlafen. Rikschas sind rund um die Uhr unterwegs. Viele Fahrer schlafen sogar in ihren Autos, um für Kunden immer verfügbar zu sein. Und natürlich auch, um möglichst viel Geld zu machen. Schließlich lebt diese Berufsgruppe in ständiger Armut und Angst, die eigene Familie nicht einmal ernähren zu können. Mit etwa 50€ Nettoeinkommen im Monat können sie sich keine normale Wohnung leisten. Sie wohnen normalerweise in ärmeren Vierteln der Stadt, den so genannten Slums oder Semislums.

Party Hyderabad
Eine Party-Nacht in Hyderabad

Ich lebe in einem fünfstöckigen Gebäude direkt neben einem solchen Semislum. Babygeschrei, Motorengeräusche und lautstarke Streitereien durchdringen oft die nächtliche Luft. Tagsüber sind diese Geräusche aber kaum wahrnehmbar. Denn – wie die meisten Großstädte auf dieser Welt – ist auch Hyderabad eine sehr laute Stadt. Wohnt man einige Wochen dort, so gewöhnt man sich schnell an die immer herrschende Geräuschkulisse, die nur manchmal, nur nachts, eine kleine Pause einlegt. Und dann hört man die leiseren Stimmen sprechen: Die Frau, die mal wieder weint, weil sie mit einem Alkoholiker verheiratet wurde. Das Baby, das nicht aufhört, zu schreien, weil es nicht genug zu essen bekommen hat. Und der kleine Junge, der nervös durch die Wohnung rennt, weil morgen endlich sein erster Schultag ist.

Für mich ist Hyderabad nachts am schönsten, nicht nur der Stille wegen, sondern auch weil sich nicht – wie sonst – alle 7,5 Millionen Menschen scheinbar gleichzeitig auf der Straße befinden. Solch Menschenmassen können zuweilen zu klaustrophobischen Anfällen führen. Man ist nirgends, wirklich nirgends allein. Außer nachts. Die Straßen sind dann nahezu wie leergefegt. Und die Gebäude, Sehenswürdigkeiten und Parks erstrahlen plötzlich in den schönsten Farben. Ein beeindruckender Anblick. Besonders die NTR Gardens sind nach Sonnenuntergang sehr zu empfehlen. Dieser kleine, urbane Park am Hussain Sagar See ist schon bei Tag eine Augenweide mit seinem bunten Blütenmeer aus Sträuchern und Blumen. Sobald die Sonne untergeht, werden zusätzlich die Wasserspiele in ein Farbenmeer getaucht. Dieser Kontrast aus natürlicher und künstlich geschaffener Schönheit ist umwerfend und auf jeden Fall einen Besuch wert.

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Nachts im Park in Hyderabad

In einer Stadt, die niemals schläft, spielt natürlich das Nachtleben auch eine bedeutende Rolle. Doch beginnt es – eher untypisch für viele Ausländer – schon gegen sieben Uhr abends und endet mit dem Beginn des nächsten Tages. Null Uhr ist Schluss mit dem Feiern. So will es das Gesetz von Andrah Pradesh. Duzende Menschen strömen dann aus dem “Kismet” und dem “Rain” auf der Suche nach einer Rikscha oder um sich noch selbst hinters Steuer zu setzen. Oftmals auch volltrunken. Freunde verabschieden sich mit lautem Geschrei und Hupen. Es herrscht eine erneute Rush Hour auf Hyderabads Straßen, bis schließlich – weit nach ein Uhr – die Letzten ihren Weg nach Hause gefunden haben. Jetzt endlich kommt die Stadt für einen kurzen Moment zur Ruhe – bis vier Uhr, wenn der nächste Tag anbricht und die ersten Arbeiter zur Frühschicht trotten.

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