Über Zeit und Raum hinaus

In den letzten 26 Jahren habe ich mehr als 150.000 Kilometer auf meinem Weg zurückgelegt. Ich war in Indien und Brasilien, habe New York und London besucht, bin im Mittelmeer geschwommen und den Vesuv hinaufgestiegen. Aber ich bin noch lange nicht satt. Die Fernweh hat mich infiziert. Wie im Fieberwahn male ich mir bereits jene Orte aus, die ich noch bereisen möchte, die ich unbedingt sehen muss, damit mein Hunger etwas gestillt wird. Vollkommen befriedigt wird er wohl aber nie werden.

Raum Zeit2
Hausschild eines Favela-Gebäudes

Bei all meinen Reisen hatte die Zeit immer einen besonderen Stellenwert. Dies wurde mir vor allem dann bewusst, wenn ich mal wieder hektisch meinen Kram zusammenpackte, um noch rechtzeitig zum Flughafen zu kommen. Und dann musste ich am Check-In feststellen, dass ich doch tatsächlich meine Zahnbürste vergessen hatte. Doch wer ein echter Abenteurer sein möchte, kommt auch mit solch einer kleinen Notsituation klar. Ebenso habe ich gelernt, wie man mit vollen Händen einem Bus hinterrennt und mit zwei Koffern in einen Zug einsteigt. Irgendwie waren meine Reisen immer Stress, positiver Stress. Doch ich brauche diesen regelmäßigen Kick, diesen Thrill, dass, wenn ein Triebwerk ausfällt, man sofort tot sein könnte. Dass eine einzige Mücke, mich mit Malaria anstecken könnte oder ich Opfer eines Verbrechens werden könnte. Aber gerade diese gefährlichen, mystischen, verschrobenen Orte reizen mich besonders. Ich möchte das sehen, was noch niemand vor mir gesehen hat. So viel, wie möglich erleben, damit ich noch meinen Enkeln davon erzählen kann. Ich werde ihnen berichten, wie ich 27 Stunden im Zug nach Neu Delhi saß – umgeben von zig Augenpaaren, die mich wieder und wieder anstarrten. Ich werde meinen Spaziergang an der Copacabana erwähnen, als ich mich von meinem Brasilianer verabschieden musste. Einer der schwersten und traurigsten Momente meines Lebens. Und zugleich ein Moment, an dem ich merkte, wie bedeutsam Zeit wirklich sein kann.

Raum Zeit3
Blick aus dem Flugzeug-Fenster

Am Anfang meiner Reisen – wenn ich all den Taxis, Flugzeugen und Bussen erfolgreich hinterher gerannt bin – fühle ich mich immer ganz entspannt. Ich weiß, dass ich viele schöne Momente vor mir haben werde und genug Zeit, um sie auch auszukosten. Doch das ist ein großer Trugschluss. Als ich mich beispielsweise nach Indien aufmachte, dachte ich, dass sechs Monate echt lang sind. Ich glaubte sogar, dass ich Heimweh haben könnte. Aber nein. Ich war viel zu beschäftigt damit, die vielen neuen Eindrücke zu verarbeiten, Menschen kennen zu lernen und mein Leben zu genießen. Die Zeit rinn nur so dahin, wie Sand in einer Sanduhr. Und plötzlich musste ich mich auch schon von meinem neuen Leben verabschieden. Meine Abschlussfeier war einer der großartigsten und schmerzvollsten Momente meines Lebens. Denn, wenn ich ehrlich bin, fühlte ich mich zum ersten Mal in Indien vollkommen verstanden. Umgeben von Verrückten wie mir, die immer auf der Suche nach einem Abenteuer sind und 1.000 Kilometer für eine kurze Strecke halten. Raum und Zeit schienen völlig aufgelöst zu sein. Es war, als würde ich schwerelos durch den Tag gleiten. Doch dann, zwei Wochen vor meinem Rückflug, landete ich wieder auf dem Boden der Tatsachen. Es hieß Abschied nehmen und in das alte Leben zurückkehren. Ich hasse diesen Zeitpunkt jedes Mal – auf all meinen Reisen. Und das nicht nur, weil ein Auf Wiedersehen oft nur eine leere Versprechung ist, sondern auch weil mir meine eigene Begrenztheit bewusst wird. Denn ich kann reisen, wohin ich will, meine Erlebnisse speichern und mich zurückerinnern, doch gegen die Macht der Zeit werde ich niemals ankommen. Sie ist ein zu starker Gegner, den ich hin und wieder verdrängen, aber nicht besiegen werde.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s