Allein auf Reisen – Ein besonderer Blickwinkel auf das Leben

Und schon wieder sitze ich allein am Flughafen. Ich warte auf meinen Anschlussflug. Es ist ein langes Warten. Doch der Kaffee und das Croissant helfen mir, die Zeit etwas zu überbrücken. Ich beobachte Menschenmassen, die an mir vorbeistürmen, um ihren Flug noch pünktlich zu bekommen. Dann sehe ich das kleine Mädchen mit ihren rosa Schühchen, das einfach nicht essen möchte und den jungen Mann am Tisch gegenüber. Er ist fein gekleidet, mit seinem Sakko und seinem glatt gebügelten Hemd. Mit der einen Hand fasst er die Zeitung, in der anderen hält er seinen Kaffee. Ich liebe diesen Moment, wenn ich am Flughafen sitze. Denn für mich ist dieser Ort der wohl faszinierendste auf der ganzen Welt. Er steht für Veränderung, Abenteuer, Austausch und Freiheit. Und er lässt mich immer in meinen Erinnerungen schwelgen:

Alleinreisen2Es war im Jahr 2012, als ich die wahnwitzige Idee fasste, allein ins Ausland zu gehen. Es sollte nicht nur ein kurzer Urlaub werden. Ich wollte Wochen, gar Monate allein im Ausland verbringen. Was mir da blühen würde, wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Doch ich wollte ein neues Abenteuer. Ich hatte diesen Moment erreicht, in dem mein Leben mich komplett auffraß und ich einfach aus meiner Monotonie ausbrechen musste. Ich entschied mich bewusst, allein zu reisen. Auch wenn ich Angst hatte. Und ich sollte diese Entscheidung keinen Tag bereuen. Denn was ich damals noch nicht ahnte: Alleinreisen bedeutet nicht, dass man allein ist. Ganz im Gegenteil. Meine Soloreisen – später sollte ich noch einige weitere unternehmen – lehrten mich viele Lektionen. Und brachten mich mir selbst, anderen Menschen und dem Leben an sich ein Stück näher.

Selbstbewusstsein inklusive

Allein mit meinem riesigen roten Koffer und meiner Handtasche stand ich verloren am Flughafen von Hyderabad in Indien. Mein Pick-Up-Service erschien einfach nicht. Und auch mein Handynetz – wie sollte es auch anders sein – fand einfach kein Signal. Ich war der Verzweiflung nahe. Das erste Mal allein gereist und dann passiert so etwas. Doch ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und verließ den schützenden Kokon namens Flughafen. Schon Meter vor dem Ausgang erwarteten mich Duzende Taxifahrer, die wild auf mich einredeten. Natürlich hatte ich mich vorher informiert und wusste von Fake-Taxifahrern, die ihre Kunden abzocken oder ausrauben. Und irgendwie schaffte ich es dann auch einen halbwegs vernünftigen Fahrer zu finden. Der Preis war mir egal. Hauptsache weg von dieser Horde Verrückter. Ich bezahlte viel zu viel, aber ich kam an meinem Ziel an. Das war meine erste Herausforderung ganz allein auf fernem Boden.

Alleinreisen3Umso häufiger ich allein gereist bin, desto sicherer wurde ich im Umgang mit solch unerwarteten Situationen. Nun weiß ich, wie ich mit Straßenhändlern und Taxifahrern um den Preis feilsche. Ich habe gelernt, immer, wirklich immer, mein Hab und Gut im Auge zu haben. Mit voller Stolz muss ich zugeben, dass nie etwas abhanden gekommen ist. Und ich bin nun mutiger, offen auf fremde Menschen zuzugehen. Das ist auch gut so. Denn wenn man Alleinreisender ist, hat man nur sich selbst, und seinen Instinkt. Dinge, wie andere nach dem Weg fragen, Essen bestellen und die nächste Reiseetappe planen, all das muss man selbstständig erledigen. Anfänglich kann das sehr schwierig. Doch wenn man abends im Bett liegt, den Tag Revue passieren lässt und man irgendwie alle Schwierigkeiten meistern konnte, dann ist man unglaublich stolz auf sich selbst. Und genau dieses Gefühl stärkt das Selbstbewusstsein.

Die höchste Auszeichnung ist aber, wenn man anderen von seinen Alleinreisen erzählt und positives Feedback erhält: “Was du bist allein gereist? Das hätte ich mir niemals getraut!” “Deine Fotografien sind ja wahnsinnig toll.” “Ich würde auch gern einmal dorthin reisen!” Genau diese Worte sind mein Motor und mein Antrieb. Man ist stolz, zu sagen, dass man es allein gemanagt hat – egal, wie widrig die Umstände waren.

Die unendliche Freiheit genießen

Es war so surreal, als ich den Rio Paraguay im Pantanal entlang lief. Die Sonne machte sich langsam zur Nachtruhe bereit und die ersten Tiere krochen aus ihrer Löchern. Mit meiner Kamera bewaffnet versuchte ich noch ein paar Fotos zu knipsen, bevor ich zur Lodge zurückkehren wollte, als sich in mir ein seltenes Gefühl breit machte: Ich fühlte mich ausgeglichen, zufrieden und frei. Irgendwo mitten in Brasilien in sengender Hitze. Dieses idyllische Panorama schien auch meine eigene Idylle hervorzurufen und mich nachdenklich zu stimmen. Bei meinen Alleinreisen musste ich mich diesem Charakterzug, meiner Nachdenklichkeit, wieder und wieder stellen. Doch es war keineswegs unangenehm. Denn mein innerer Monolog ist wie ein Freund, ein ständiger Begleiter, der mich immer dabei unterstützt hat, Situationen im Ausland abzuwägen und das Beste aus meinen Reisen zu machen. Auf die Hilfe Fremder vertraute ich nur selten.

Alleinreisen4Ich brauchte auch etwas Zeit, um das Alleinsein nicht als Isolation, sondern als persönliche Freiheit anzunehmen. Man glaubt es kaum, wie sehr man sich im Alltag von anderen abhängig macht, ohne auf die eigenen Bedürfnisse hören. Das Alleinreisen ist da eine gute Abwechslung. Schließlich entscheidet man individuell, was man wann, wie und wo machen möchte. Diese Freiheit hat mich anfangs sehr überfordert, weil es mir schwer fiel, mich zu entscheiden. Die Abenteuerlust liegt halt in meinem Blut und irgendwie wollte ich alles gleichzeitig erkunden. Doch mit der Zeit habe ich gelernt zuerst meine Herzenswünsche zu erfüllen und dann habe ich sicherlich auch noch Zeit für den Rest. Und wenn nicht, dann komme ich eben wieder. Diesen gesunden Egoismus gönne ich mir!

Dem Storm die Stirn bieten

Ja, und das Alleinreisen birgt auch so seine Gefahren. Denn was macht man, wenn man sich vollgepackt in eine kleine Toilette drängen muss? Oder wie verhält man sich bei Nacht? Geht allein aus oder bleibt man immer Zuhause? Und was passiert überhaupt, wenn man stundenlang im Kreis läuft und einfach kein Wort der Landessprache versteht? Fragen über Fragen, vor denen ich auch schon auf meinen Reisen stand.

Mein schlimmstes Problem aber war, als ich mich durch den indischen Bürokratiedschungel kämpfen musste. Das Foreigner Regional Registration Office ist für viele Ausländer, die längerfristig auf dem Subkontinent leben wollen, ein absoluter Horror. Man geht zu einem Schalter, erklärt sein Anliegen und bekommt dann einen Schein mit Nummer. Erst mit dieser Nummer darf man die Wartehalle betreten, in der man stundenlang hockt, bis man auf einen mehr oder weniger kompetenten Mitarbeiter trifft. Ich musste mehrmals zum FRRO gehen, da es bei meiner Registrierung Probleme gab. Immer fehlte irgendein Dokument, ob von meinem Unternehmen, meinem Vermieter oder der Studierendenorganisation, mit der ich in das Land kam. Niemand nahm mich an die Hand oder fühlte sich verantwortlich dafür, dass ich endlich meine Registrierung abschließen konnte. Und so passierte es, dass ich mich zu spät anmeldete und eine Extragebühr bezahlen musste. Wie viel weiß ich gar nicht mehr, aber seither steht in meinem Reisepass “late registration”. Ein Makel, der mir, als Perfektionist, schon etwas auf der Seele brennt.

Alleinreisen5Beim Alleinreisen habe ich gelernt mit solchen Schwierigkeiten umzugehen. Denn wenn ich in den falschen Bus steige, stundenlang in die gegensätzliche Richtung laufe oder etwas verloren geht, dann gibt es nur eine Person, die ich dafür verantwortlich machen kann: mich selbst. Man muss lernen, sich diese “Fehler” verzeihen zu können. Frustration kann man sich in solchen Situationen nicht erlauben, sondern man sollte nach einer kreativen Lösung suchen, da man sonst Minuten, Stunden, gar Tage verliert. Und das wäre beim Reisen wahnsinnig schade.

Das Zuhause schätzen lernen

Nach drei Monaten in Indien gab es eine Sache, die ich wahnsinnig vermisste: das deutsche Brot. Wie gern hätte ich einfach in eine Scheibe Sonnenblumenkernbrot mit Marmelade gebissen. Was hätte ich dafür gegeben. Doch es gab nur Cornflakes, indisches Frühstück oder Sandwichbrot. Und natürlich vermisst man nicht nur die materiellen Dinge, sondern auch seine Freunde und Familie, vor allem dann, wenn es Probleme gibt, man allein im Hostel sitzt oder man einfach nur eine Umarmung bräuchte. Niemand mit dem man face-to-face in seiner Muttersprache kommunizieren kann. Zu Beginn zumindest nicht, denn mit der Zeit trifft man  neue Menschen, freundet sich mit ihnen an und irgendwie werden sie zu Wegbegleitern auf den Soloreisen. Und egal, wo ich auch war: Immer und überall lernte ich einen deutschen Touristen kennen. Manchen von ihnen waren nur kurzzeitig unterwegs, andere waren so verrückt wie ich und verbrachten mehrere Monate im Ausland.

Alleinreisen6Beim Alleinreisen begreift man, wer und was einem wirklich am Herzen liegt. Man erkennt, wie viel Luxus man doch Zuhause hat, auch wenn man es oft bei all dem Alltagsstress nicht sehen mag. Und man ist dankbar für die kleinen Dinge: für das stabile Internet- und Stromnetz, das man in Indien vergebens suchen konnte, für ein weiches, kuscheliges Bett, wenn man wochenlang auf einer Matratze schlief und einfach dafür, dass man deutscher Staatsbürger ist. Denn welches Land kann schon ein solch intaktes Sozial- und Versorgungssystem aufweisen? Man glaubt gar nicht, wie viele Inder Deutschland als das ultimative Land zum Leben ansehen. Und irgendwie macht das auch stolz. Gerade dann, wenn mal wieder ein Bombenanschlag in Hyderabad (Indien) verübt wird und man Zeuge davon wird oder dir ein Bekannter aus Afghanistan erzählt, wie viele seiner Verwandten im Krieg ums Leben gekommen sind.

Das Fernweh-Fieber

Das Problem vom Alleinreisen ist: Man wird süchtig. Man wird süchtig nach dem Abenteuer, nach dem Neuen oder einfach danach, die eigenen vier Wände mal wieder verlassen zu müssen. Für mich ist jede Soloreise auch immer eine Reise zu mir selbst. Ich entdecke mich immer wieder neu. Und das ist mir tausendmal lieber, als all mein Geld in vergängliche Dinge, wie Autos, Klamotten und Schmuck, zu stecken. Denn ich bin davon überzeugt, dass es unserem Leben mehr gibt, als arbeiten und Geld verdienen. Klar, arbeite ich auch, um mir meine Reisen zu finanzieren. Aber ich versuche einen Ausgleich zum Alltag zu finden, um nicht in der täglichen Routine zu ersticken.

Alleinreisen7Die Generation Y ist voll von Träumern wie mir. Menschen, die – der Globalisierung sei dank – keine geographischen Grenzen mehr kennen und gern vom Leben, von den eigenen Erfahrungen, lernen. Ich möchte alles entdecken, mit meinen eigenen Augen sehen und für immer in meinem Gedächtnis einspeichern. Dafür lasse ich gern auch etwas RAM in meinem Kopf übrig, die ich vielleicht aus rationalen Gesichtspunkten lieber für mein Studium freigeben sollte. Und ganz ehrlich: Ich habe Angst davor, eines Tages nicht mehr reisen zu können. Deshalb gönne ich mir jetzt diesen Luxus, bevor ich im Familien- und Arbeitsalltag zu sehr verstrickt bin und nicht mehr so einfach ausbrechen kann.

Doch solange man die Möglichkeit und etwas Geld auf der hohen Kante hat, empfehle ich jeden, durch die Welt zu reisen. Man kann dabei so viel über sich selbst, seine Wünsche und Ziele lernen, was man sonst wohl nie erkannt hätte.

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