Goa – Das indische Paradies?

Wunderschöne Sandstrände, mediterranes Essen und eine westlich angehauchte Kultur. So wird Goa auf Reisewebseiten und in Prospekten beworben. Auch viele Inder rieten mir, wenigstens einmal in dieses kleine Paradies zu fahren und etwas Sonne, Strand und Meer zu genießen. Denn dort – im Gegensatz zu jedem anderen Ort, den ich in Indien besuchte – kann man ganz ungeniert in Bikini, Badehose oder Badeanzug ins kühle Nass springen. Normalerweise ist das gesellschaftlich höchstens verpönt. Einmal wurde ich im Schwimmbad in Hyderabad sogar dazu aufgefordert, mich etwas mehr zu bedecken und über meine Badekleidung ein T-Shirt und eine kurze Hose zu ziehen. Natürlich keinesfalls transparent – Das versteht sich ja von selbst. In Goa also sollte ich mich wieder etwas heimischer fühlen und meiner liberalen Seele etwas Freiraum gewähren – so das Versprechen.

Bevor ich dorthin fuhr, nach Velha Goa, der Hauptstadt des Bundesstaates, informierte ich mich etwas über die dortigen Gepflogenheit und das Wetter. Schließlich wollte ich meinen Rucksack möglichst effizient packen und keine unnötigen Dinge mitnehmen. Eine Angewohnheit, die ich mir nach mehreren Reisen angewöhnt habe. Denn mehr Gepäck bedeutet auch immer, mehr zu schleppen. Und bei einem solch tropisch-heißem Klima fühlt sich jedes Gramm an Mehrgewicht wie ein Kilo mehr an.

Was ich damals noch nicht wusste: Der Bundesstaat Goa war auch der Schauplatz eines der wohl furchtbarsten Verbrechen an einem ausländischen Touristen in Indien. Es ist sieben Jahre her, als eine 15-jährige Touristin tot am Strand von Anjuna aufgefunden wurde. Die Leiche war halbnackt und wies deutliche Gewaltspuren auf. Trotzdem stellte die Polizei fest, dass es Tod durch Ertrinken gewesen sei. Erst bei einer zweiten Autopsie wurde diese Todesursache als nichtig erklärt. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass das Mädchen vergewaltigt und danach ermordet wurde. Kein Einzelfall in Indien, wie man mittlerweile aus verschiedenen Medien weiß. Und auch in Goa kommt es immer wieder zu sexuellen Übergriffen an ausländischen Touristinnen, weshalb einige Zeitungen den Bundesstaat zum “verlorenen Paradies” umgetauft haben.

Goa1Doch verloren ist Goa keineswegs. Bis heute füllt der Tourismus die Kassen der ansässigen Hotel-, Restaurant- und Barbesitzer. In der Hochsaison leben in Velha Goa sogar mehr Touristen als Einwohner. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Die Alkoholpreise sind günstig, das Thermometer klettert ganzjährig nur selten unter 20° Celsius und das soziale Klima ist liberaler als im Rest des Landes. So liberal, dass der Bundesstaat zu einer Pilgerstätte für Hippies und Aussteigern wurde. Heute genießen diese Gesellschaftsgruppen nur noch wenig Ansehen. Und auch gegen den Drogenkonsum und – verkauf wird vergleichsweise hart vorgegangen. Selbst der Besitz von Kleinstmengen an Drogen kann zu einer Gefängnisstrafe führen – so das regionale Gesetz. Trotzdem sterben hier jedes Jahr über 100 Touristen an einer Überdosis. Auch ich muss zugeben, dass es für meine indischen Freunde ein Leichtes war, an Gras o. Ä. heranzukommen und es in aller Öffentlichkeit bei einer Strandparty zu rauchen. Irgendwie scheint man den Hippie wohl doch nicht so ganz aus Goa herauszubekommen – trotz der drakonischen Strafen.

Für mich hat sich dieser kleine Bundesstaat definitiv ins Gedächtnis gebrannt. Ich erlebte den besten Sylvesterabend meines Lebens hier. In einem großartigen Restaurant, direkt am Strand, mit Blick über das gesamte Meer. Es war ein stürmischer Abend. Die Wellen peitschten hart gegen die Klippen und die Nacht war sternenklar. Um Mitternacht bahnte sich das Feuerwerk seinen Weg durch die dunkle Nacht und erstrahlte den gesamten Strand in Regenbogenfarben. Ich werde das niemals vergessen, wie ich am Geländer gelehnt hinaus in die Nacht schaute und das Feuerwerk beobachtete.

Goa2Aber nicht nur diese Nacht war besonders in Goa: Denn wo sonst kann man in Indien um vier Uhr nachts in einer Pizzeria essen gehen? Sich bis in die Morgenstunden am Strand mit Kingfisher und Cobra Beer betrinken? Oder den ganzen Tag an einer Strand-Bar Cocktails schlurfen und Haifisch in gebratenem Knoblauch essen? Sonst wird der Alkoholkonsum in Indien nicht so offen ausgelebt. Und auch die Sperrstunde ist in den meisten Bundesstaaten um Mitternacht. In Andrah Pradesh beispielsweise schließen alle Clubs und Bars um 24Uhr. Denn wer länger offen hat, macht sich strafbar und muss eine hohe Geldbuße bezahlen. Obwohl man könnte die Polizisten ja einfach auch bestechen?!

Goa3Auch in anderen Aspekten unterscheidet sich Goa gewaltig vom Rest Indiens. Und das hat seinen Grund: Vierhundert Jahre lang wurde der Bundesstaat von den Portugiesen beherrscht und erst im Jahre 1961 nach einer kriegerischen Auseinandersetzung in die Unabhängigkeit entlassen. Noch heute erinnern Straßen- und Familiennamen an den ehemaligen Kolonialherren. Ebenso ist Goa der christlichste Bundesstaat in ganz Indien. Ein Viertel der Bewohner ist christlichen Glaubens, ein sehr hoher Wert für ein Land, in dem vorwiegend Hindus und Moslems wohnen. Mit großem Erstaunen musste ich auch feststellen, dass man hier im Restaurant Rinderfleisch bestellen kann. Ein absolutes Tabu in fast allen anderen Bundesstaaten. Aber in Goa, wo die Luft etwas salziger und die Seele offener ist, scheint alles möglich zu sein. Und selbst fliegende Kakerlaken auf der Hoteltoilette, ein weiterer Sonnenbrand und eine Schar an Moskitos können diesem Bundesstaat seinen besonderen Zauber nicht nehmen. Trotz der einen oder anderen Schreckensmeldung in den Medien. Doch wer nach Indien reist, muss sich den lauernden Gefahren, wie Raub und Vergewaltigung, wohl einfach immer bewusst sein.

 

2 Comments Add yours

  1. cosimajana says:

    Guter Bericht!!

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