Mit dem Zug von Hyderabad nach Neu Delhi

Es gibt tausend Wege ein Ziel zu erreichen. Man kann zu Fuß gehen, mit dem Auto fahren – falls man eins hat, sich in einen Bus setzen oder sich auf das Fahrrad schwingen. Manche Wege sind aber so weit, dass es besser wäre, mit dem Flugzeug zu fliegen. Oder einfach mit dem Zug zu fahren, so wie ich es tat.

Für ganze 27 Stunden nannte ich nur zwei Quadratmeter mein Zuhause. Zwei Quadratmeter, das war meine Liege im klimatisierten Zugabteil von Hyderabad nach Neu Delhi. Unvorstellbar wenig Platz für viele Menschen. Doch wenn man bedenkt, dass in anderen Abteilen kaum Platz zum Stehen, geschweige denn zum Schlafen ist, dann kann man das wohl schon als Luxus bezeichnen. Die meisten Inder können sich diesen Luxus aber nicht leisten. 5000 Rupien, umgerechnet knapp 70 Euro, sind zwar für den europäischen Standard für eine solch lange Zugfahrt nicht viel, aber für Inder ist das ein Vermögen. In einigen Berufen, etwa als Sicherheitsmann, Gärtner oder Küchenhilfe, verdient man nämlich oftmals weniger als 10.000 Rupien im Monat und das bei einer wöchentlichen Arbeitszeit, die weit über 40 Stunden überschreitet.

Zugfahrt2Für diese Bevölkerungsschichten gibt es Extra-Waggons im hinteren Teil des Zuges. Diese sind mit weniger als 100 Rupien wesentlich erschwinglicher, aber auch deutlich unkomfortabler. Es gibt weder Platz zum Stehen noch Betten zum Schlafen noch genug frische Luft zum Atmen. Die Reisenden sind wie Vieh auf einem Massentiertransport zusammengepfercht. Sie können sich kaum bewegen. Jeder Gang zur Toilette ist ein Kampf durch die Massen, den man nur verlieren kann – denn man “verliert” seinen Stehplatz. Und auch auf das Hab und Gut muss man ständig aufpassen. Gerade in diesen Waggons verstecken sich nämlich zahlreiche Diebe, die nur auf ihre Chance warten, jemandem die Tasche zu klauen. Wenn man kurz einnickt, würde man das wohl nicht einmal merken. Doch auch in den anderen Waggons ist Vorsicht geboten. Denn man kann nirgendwo seine Wertsachen sicher unterbringen. Am besten ist es also, Geld, Schmuck, Handys o. Ä. direkt bei sich zu tragen – am Körper oder in einer Tasche, die man beim Schlafen als Kopfkissen benutzt oder unter seinen Füßen deponiert.

Zug 7Wenn ich an indische Züge denke, dann aber hat sich vor allem ein Bild in meinen Kopf gebrannt: die jungen Männer, die sich wagemutig von außen an die Waggons hängen, um doch noch mitreisen zu können. Bei mehr als einer Milliarde Menschen ist scheinbar nirgendwo genug Platz – auch nicht im Zug und gerade nicht in den billigen Waggons. Anstatt aber – je nach Ticketverkauf – weitere Waggons anzuhängen, schaut die Indian Railways lieber weg, solange der Umsatz stimmt und nicht zu viele Menschen auf der Fahrt sterben. Denn das ist nicht unüblich. Der Tod reist bei den ärmeren Schichten immer mit: einige kollabieren, andere fallen einfach auf die Schienen und werden überfahren. 30.000 im Jahr kann man ja verschmerzen.

Mir wurde von einigen Reisenden erzählt, dass die jungen Männer, die außen am Zug mitfahren, sich dort teils für Stunden festklammern müssen. Bis sich ein anderer erbarmt und den Platz einnimmt. Dieser Wechsel erfolgt fließend und zeugt von einem enormen Respekt unter den Reisenden. Man unterstützt sich gegenseitig und nimmt Rücksicht auf andere soziale Gruppen: Frauen, Kinder und ältere Menschen. All diese müssen nämlich nicht nach außen klettern, sondern dürfen im Waggon bleiben. Bedauerlicherweise hört dieser Respekt aber auf, wenn es um die Sexualität geht. RapeDie Indian Times berichtete vor Kurzem über eine Vergewaltigung einer 20-Jährigen an der Bahnstation  in Neu Delhi. Und auch im Zug kommt es immer häufiger zu Übergriffen. Mag man den Statistiken Glauben schenken, so haben sich die sexuellen Nötigungen und Vergewaltigungen auf den Schienen im letzten Jahrzehnt gar verfünffacht. Deshalb ist es immer ratsam, nicht allein zu verreisen und für seine Sicherheit lieber etwas mehr Geld auszugeben – insofern man die Wahl hat.

Die Klassendifferenzen zeigen sich während der Zugfahrt auch bei der Verpflegung. Ständig – bis auf einen kurze Nachtruhe – liefen Männer und Frauen durch die gehobeneren Abteile, um den Passagieren Essen anzubieten und es an sie zu verkaufen. Unter den Speisen waren zahlreiche Snacks, wie geröstete Erdnüsse mit Schale oder Hauptspeisen, etwa Chicken Biryani oder Currygerichte. Was mich erstaunte: Die Speisen im Zug waren nicht teuerer, als jene, die man in einem Restaurant irgendwo an der Straßenecke kaufen kann. In Deutschland wäre der Preisunterschied wohl deutlicher. Neben dem Essen wurden auch Getränke, darunter Chai, Kaffee und stilles Wasser, angeboten.

Indien ist generell ein Land, in dem Dienstleistungen groß geschrieben werden. In jedem Supermarkt, an jeder Straßenecke und sogar auf der Arbeitsstelle findet man immer wieder Menschen, die gern ihre Dienste für die kleinsten Aufgaben, bsw. Tütenschleppen, zur Verfügung stellen. Natürlich gegen ein Trinkgeld. Im Zug war mir der Service etwas zu viel, da die Verkäufer wie Marktschreier durch die Gänge gingen und möglichst jeden, aber wirklich jeden, auf sich aufmerksam machen wollten. Ihre Stimmen schrillen durch die kleinen Abteile und durchdrungen das Stimmenwirrwarr der Reisenden.

Zugfahrt3Meinen Ohrenstöpseln zum Dank konnte ich trotz des Lärms schlafen. Ich schlief fast die Hälfte der Fahrt, oder lies, oder schaute einfach aus dem Fenster. Als einzige Weiße zwischen all den Indern zog ich schon so die Blicke auf mich. Deshalb wollte ich keinesfalls auffallen. Ich flüchtete mich auf meine Schlafliege und zog den Vorhang zu. Er war wie ein kleiner Schutz für mich, erzeugte eine Geborgenheit und gab mir etwas Sicherheit. Denn nachts war – als die Lichter im Waggon ausgeschaltet und alles still war – da fürchte ich mich zwischen all diesen Fremden. Meine Reisebegleiter schlief ja schließlich auf einer anderen Liege, einen Meter entfernt von mir.

Die längste Reise meines Lebens war ein wahres Abenteuer: bei schaukelnden Bewegungen ein echtes indisches Klo zu besuchen, also sich über ein Loch im Boden zu hocken, unter der Bettdecke die Klamotten zu wechseln oder sich mit Mineralwasser die Zähne zu putzen. All das werde ich nie vergessen, obwohl ich dann doch froh war, endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

2 Comments Add yours

  1. Toll geschrieben! Genauso habe ich mich in den indischen Nachtzügen auch immer gefühlt, nur dass bei mir noch Kakerlakennester dazu kamen und mich am Einschlafen gehindert haben 😉 trotzdem würdevich es nochmal machen! Du auch?

    1. mawei26 says:

      Danke für deinen Kommentar. Ja, ich würde jederzeit immer wieder mit dem Zug reisen. Zum Glück hatte ich keine Kakerlaken, zumindest keine, die ich sehen konnte!

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