Bem-Vindo No Brasil – Der portugiesische Sprachdschungel

“Bem-vindo no Brasil” – So begrüßte mich das Personal am Tom Jobim International Airport in Rio de Janeiro. Die ersten portugiesischen Worte auf brasilianischem Boden und ich konnte sie verstehen. Kein Wunder. Ich hatte ja auch drei Monate fleißig Portugiesisch gelernt, extra einen Basiskurs besucht, um endlich die Muttersprache meines Freundes verstehen zu können. Und es schien zu klappen. Vorerst.

Mein Freund stand bereits in der Wartehalle. Vier Monate hatten wir uns nicht gesehen. Und er kam freudestrahlend auf mich zu, umarmte und küsste mich. Es war einer dieser Momente, wie man sie nur aus Filmen kennt. Es fehlte nur noch die passende Hintergrundmusik. “Nothing Else Matters” von Metallica wäre wohl ideal gewesen. Denn nur wir zwei zählten in diesem Augenblick. Und wir vergaßen die Welt um uns herum.

Bem VindoNach unserer Begrüßung lernte ich dann auch seinen Bruder und seine Schwägerin kennen. Beide hatten ihn zum Flughafen begleitet. Und redeten natürlich nur Portugiesisch. “Oi”, “muito prazer” und “meu nome é” konnte ich zwar noch verstehen, doch als sich die drei dann im Auto wild miteinander unterhielten, verstand ich absolut nichts. Ich schob es erst mal nur auf meine Müdigkeit. 18 Stunden Flug mit Zwischenstopp am JFK Airport im Big Apple schlauchten ganz schön und brachten mich an meine körperlichen Grenzen. Ich fragte meinen Freund ständig auf Englisch, über was sie sprachen. Doch ich kam mir so dumm vor, so unbeholfen. Und der Perfektionist in mir fühlte sich auch gekränkt. Ganze drei Monate hatte ich intensiv, beinahe Tag und Nacht Portugiesisch gelernt und jetzt verstand ich nicht einmal einen einzigen Satz. Und dann dieses “ta” die ganze Zeit! Was sollte das denn überhaupt sein? Mein Handy war überfragt und auch das Wörterbuch, das ich immer bei mir hatte. Ständig stolperte ich über dieses “ta” und letztlich traute mich – trotz meines bereits angeknacksten Stolzes – meinen Freund zu fragen, was es bedeutet. Die Antwort war so einfach, wie plausibel: Es ist eine Abkürzung. Brasilianer lieben Abkürzungen, denn so kann man in kürzester Zeit noch mehr sagen.

Bem Vindo2In den nächsten Wochen stolperte ich fast täglich über weitere umgangssprachliche Ausdrücke. Und ich begriff: Mit meinem kleinen Wortschatz komme ich hier nicht weit. Selbst ein Einkauf im Supermarkt wurde für mich zu einer wahren Tortur. Wie hungrige Wölfe hingen die Verkäufer an meinen Fersen und warteten nur darauf, dass ich einmal ratlos erschien. Dann, nämlich dann passten sie den Moment ab und fragten mich, ob ich Hilfe brauchte. Selbst die Antwort darauf, und war es nur ein simples “Nein”, kostete mich anfänglich so viel Überwindung. Ich legte mir manchmal schon, bevor den Supermarkt betrat, Sätze parat, die ich zu Verkäufern oder an der Kasse sagen konnte. Sollte ich nun “até logo” wünschen oder ist ein unverfängliches “tschau” bei der Verabschiedung besser? Und wie spricht man eigentlich “cartão credito” richtig aus? Ich versuchte mein bestes, doch manchmal verstanden mich die Verkäufer erst beim zweiten oder dritten Mal. Das war echt frustrierend. Irgendwie wurde ich auch das Gefühl nicht los, dass mich manche von ihnen mit Absicht nicht verstehen wollten. Mit der Zeit schrieb ich sogar meine Einkaufslisten auf Portugiesisch. Das brauchte natürlich etwas Vorbereitungszeit. Doch es erleichterte mir den Einkauf enorm, denn brasilianische Supermärkte sind kleine Labyrinthe, in denen man viele Produkte nicht findet, die man regelmäßig in Deutschland konsumiert. So gehörte das minutenlange Suchen zu jedem guten Einkauf von mir dazu. Oder ich fragte einen der Verkäufer.

Bem Vindo4Auch das Zusammenleben mit der Familie meines Freundes war ein tägliches Abenteuer. Fünf Menschen auf nicht mal 50 Quadratmetern. So wenig Platz war ungewohnt für mich. Vor allem in den Momenten, in denen mich all das Portugiesisch um mich herum fertig machte und ich einfach nur einen Rückzugsraum gebraucht hätte. Doch den gab es nicht. Und so wurde ich bereits beim Frühstück mit Fragen bombardiert: “Tudo bom?” “Como você dormiu?” Natürlich verstand ich meistens nur die Hälfte, obwohl seine Familie bereits extrem langsam mit mir sprach. Mir fehlten einfach zu viele Vokabeln und ein gutes Hörverständnis. Und so kam es, dass ich meinen Freund immer wieder als meinen persönlichen Übersetzer missbrauchte. Er wurde zu meinem Schutzschild, hinter dem ich mich bei Restaurant- und Barbesuchen verstecken konnte, falls es mir zu viel wurde.

Bem Vindo5Die portugiesische Sprache schien ein unbezwingbarer Berg für mich zu sein. Sie raubte mir den Schlaf und machte mich panisch, wenn ich mal wieder allein auf die Straße gehen musste. Denn was mache ich, wenn ich mich verlaufe oder wie frage ich, welcher Bus der richtige ist? Fragt man “que ônibus” oder “qual ônibus”? Fragen über Fragen. Und irgendwie schaffte ich es nach einigen Wochen, meinen Alltag immer besser zu meistern. Ich verstand langsam Konversationen zwischen Einheimischen und ich traute mich selbst nach dem Weg, der Toilette oder einem neuen Bier zu fragen. Obwohl mich die Unsicherheit immer noch fest in der Hand hatte.

Bem Vindo6Als ich schließlich nach drei Monaten am Ort, wo alles begann, am Tom Jobim International Airport in Rio de Janeiro meinem Freund “bem-vindo” sagte, war es, als schritte ich in meine alte Welt zurück. Doch ich war nicht mehr der Mensch, der nach Brasilien gereist war. Ich war eine mutigere, reifere Version von mir selbst mit einer Mission: Ich werde die portugiesische Sprache bezwingen!

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