Mumbai: Slum und mehr – Teil I

Mumbai ist mit über 12 Millionen Einwohnern die bevölkerungsreichste Stadt Indiens und auch eine der ärmsten. Denn mehr als die Hälfte der Stadtbewohner lebt in Slums. Das sind erschreckende 6,5 Millionen Menschen. Als größter Slum Mumbais gilt Dharavi im Zentrum der Stadt. Dieser ist zugleich der größte Slum Asiens. Direkt durch dieses Elendsviertel fährt die Mumbai Suburban Railway, Linie 1 und Linie 2. Auch ich bin mit dieser teils unter-, teils überirdischen Bahn gefahren und konnte mich selbst von dem ganzen Leid und Elend überzeugen. Jeder, der einmal einen Slum besucht oder live gesehen hat, weiß, wovon ich spreche.

Mumbai1Kleine Hütten, notdürftig aus Stein, Holz, Lehm oder Pappe gebaut, reihen sich dicht an dicht nebeneinander auf. In schmalen Gassen spielen Kinder miteinander, Frauen unterhalten sich und waschen ihre Wäsche. In manchen Gassen, so genannten Geschäftsgassen, sieht man auch Händler sitzen, die Lebensmittel oder Kunsthandwerk zum Verkauf anbieten. Natürlich sind diese Händler fast immer selbst Slumbewohner, und sie verkaufen oft illegal Waren. Denn wer einmal im Slum wohnt, kommt hier nur noch schwer raus. Das ganze Leben spielt sich auf nur einem Hektar ab – wenn überhaupt so viel. Besonders die größeren Slums, wie etwa Dharavi, sind kleine Enklaven, die wie ein Wermutstropfen aus dem übrigen Stadtbild herausfallen. Und sich irgendwo doch integrieren.

Vor allem die hygienischen Umstände sind in den Elendsgebieten katastrophal: Auch sonst glänzt Indien nicht gerade durch eine einwandfreie Abwasserversorgung, doch hier haben nur die allerwenigsten Menschen Zugang zu Sanitäranlagen oder fließend Wasser. Die Straße wird zur öffentlichen Toilette. Frauen, die sich nachts zum Toilettengang nach draußen bewegen, werden in den indischen Slums nicht selten Opfer sexueller Gewalt. Doch die wenigsten Fälle kommen zur Anzeige. Wer würde denn schon einer Slumbewohnerin glauben? Deshalb setzen sich immer mehr (ausländische) Organisationen für den Ausbau der Sanitäranlagen in den Elendsvierteln ein. Neben der mangelnden sanitären Infrastruktur leidet Gesamtindien noch unter einem weiteren Problem: Bei 1,2 Milliarden Menschen fällt so einiges an Müll an. Die städtische Müllabfuhr kommt gar nicht hinterher, all den Unrat wegzuräumen. Und so türmen sich gerade in den vergessenen Vierteln, in den Slums, die Müllberge meterhoch.

Mumbai2Als ich mit der Metro von Navi Mumbai zum Chhatrapati Shivaji Terminus, einem der bekanntesten Bahnhöfe Mumbais, fuhr, durchquerten wir auch Dharavi. Um sexuelle Übergriffe zu vermeiden, waren die Waggons  nach Geschlechtern getrennt – vorne die Frauen, hinten die Männer. Türen hatte der Zug nicht. Die Sitzreihen wurden von klaffenden Löchern, die sich Ausgang nannten, zu beiden Seiten unterbrochen. Bei der Fahrt musste man aufpassen, dass man sich ja nicht zu nah an diese Löcher herantraute oder sich gut genug festhielt. Doch das war nicht das Kurioseste: Zum ersten Mal in Indien sah ich einen Transvestiten, der – so wie er sich kleidete und wohl auch fühlte – im Frauenabteil Platz nahm. Die Frauen beobachteten ihn argwöhnisch und baten ihm weder einen Platz an noch ließen sie die Augen von ihm. Eine unglaubliche Intoleranz spielte sich direkt vor meinen Augen ab und ich konnte nichts dagegen tun.

Mumbai3Doch das war noch nicht alles aus dem Kuriositätenkabinett “Mumbai”. Der Zug hatte – wie sollte es auch anders sein – keine Papierkörbe. Und was macht der reisende Inder, wenn er Müll, aber keinen Papierkorb hat? Er schmeißt ihn einfach irgendwohin, vorzugsweise aus dem Fenster direkt in den Slum. Und genau dieses Bild spielte sich vor meinen Augen ab: Eine junge Mutter zeigte ihrem schätzungsweise sechsjährigen Jungen, wo er sein Schokoladenpapier entsorgen kann. Sie schmiss es bei der Durchquerung von Dharavi achtlos aus dem Fenster und erklärte ihrem Sohn, dass er das auch machen könne. Es war nicht der einzige Müll, der sich neben den Gleisen sammelte. Vielmehr schien es, als lebten die Slumbewohner im Müll der Zugreisenden. Und es störte sie nicht einmal. Denn sobald der Zug vorbeigefahren war, rannten sie zu dem weggeworfenen Müll und schauten, ob sich nicht noch der eine oder andere Essensrest finde. Es wirkte wie eine eingespielte Symbiose und trotzdem erschrak es mich.

Mumbai4Ich werde nie vergessen, wie die kleinen Jungen mit ihren blanken Füßen die Müllberge erklommen, die Mutter mit ihrem Baby im Tragebuch nach Essenresten suchte und der grauhaarige Mann mit seinen traurigen Augen richtig Zug starrte. So als könne er nur durch diesen einen Blick seine ganze Realität ändern, ihr entfliehen. All das sind Bilder, die sich für immer in mein Gedächtnis eingebrannt haben.

Wenige Minuten nach unserer Slumdurchfahrt erreichten wir Chhatrapati Shivaji Terminus. Ich wartete bis der Zug fast komplett leer war und die Menschenmassen an mir vorbeigezogen waren. Irgendwie haben Inder nie Zeit, wenn es um das Aussteigen geht. Busse halten nicht an, sondern man muss sich wagemutig bei langsamer Geschwindigkeit hinausstürzen und in Zügen, da möchte jeder der erste sein, der aussteigt. Nun betrat ich als eine der letzten den Bahnsteig. Und es war maßlos überfüllt. Ich bahnte mir meinen Weg durch die Menschenmassen und irgendwie fand ich dann auch meinen Reisebegleiter, meinen Brasilianer, endlich wieder.

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