Mumbai: Slum und mehr – Part III

Eine Stunde entfernt von Mumbai liegt ein wahres Paradies: die Elephanta Island. Vom Gateway of India aus kann man mit dem Boot direkt zu dieser wunderschönen Insel fahren. Dutzende Touristen drängen sich jeden Tag – egal bei welchem Wetter – am Dock, um nur für wenige Stunden dem Festland zu entfliehen und um etwas Abenteuerluft zu schnuppern. Denn für viele Inder – und die meisten Touristen waren Inder – ist es nicht selbstverständlich, regelmäßig zu reisen und erst recht nicht mit dem Boot. Doch mit 100 bis 130 Rupien ist die Fahrt wohl für die meisten Inder – zumindest für jene, die zur Mittelklasse gehören – recht erschwinglich.

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Auch mein Brasilianer und ich wollten uns diesen Touristenspot nicht entgehen lassen. Gut zwanzig Minuten warteten wir in der senkenden Mittagshitze, bis endlich ein neues Boot den Hafen erreichte. Kaum hatte der Bootsmann angelegt, strömten schon die ersten Inder die großen Steinstufen hinunter – direkt zur Anlegestelle. Ohne ein großer Mathematiker zu sein, konnte man bereits erahnen, dass dieses Boot niemals für alle Wartenden ausreichend ist. Und so drängten auch wir uns durch die Massen, versuchten einen guten Platz zu erobern oder überhaupt mit auf dieses Boot zu kommen. Noch einmal warten – das kam für uns nicht in Frage. Schließlich verbrachten wir nur drei Tage in Mumbai und wir wollten unsere Zeit nicht mit Herumstehen vergeuden.

Hand in Hand bahnten wir uns den Weg zum Boot. Ich weiß, dass öffentliches Händchenhalten in Indien moralisch verpönt ist – außer als Mann. Denn gute (männliche) Freunde dürfen händchenhaltend die Straße entlang laufen. Was für viele andere Nationen ein Zeichen offen gelebter Homosexualität ist, ist in Indien Alltag und ein Ausdruck tiefer Freundschaft. Indische Liebespaare hingegen halten nie öffentlich Händchen, noch tauschen sie andere Zärtlichkeiten miteinander aus. Mein Brasilianer und ich überschritten also eindeutig eine Grenze. Doch ohne das Aneinanderfesthalten hätten wir uns in der Masse der Menschen wohl aus den Augen verloren.

Mumbai21Mit Mühe und Not ergatterten wir einen der letzten Plätze. Und schon konnte die einstündige Reise losgehen. Bereits am Hafen ereignete sich der erste kuriose Vorfall: Einer der Bootsmänner band die Leinen los. Durch die ungeheure Strömung in der Bucht bewegte sich das Boot sofort einige Zentimeter vom Dock weg. Zu viel für den kleinen, indischen Bootsmann, der nur noch mit einem beherzten Sprung die rettende Reling erreichen konnte. Uns stockte der Atem. Doch irgendwie schien es, als täte dieser Mann das jeden Tag. Und wahrscheinlich tat er das auch.

Auf unserer Bootsfahrt beobachteten wir, wie sich die Skyline von Mumbai immer weiter von uns entfernte. Das Taj Mahal Hotel und das Gateway of India schienen nur noch wie kleine Statisten, Miniaturbauten an der gewaltigen Küste Mumbais. Ich hätte nie erahnt, wie schön und friedlich diese turbulente, hektische und viel zu überfüllte Stadt vom Meer aus aussehen könnte.

Auf dem Wasser schien die Zeit plötzlich still zu stehen. Die Wellen peitschten hart gegen das Bug und das Boot bewegte sich synchron zum Wellengang. Es war wie ein heimlicher Tanz, den das Boot und das Meer miteinander tanzten – unbemerkt von all den Passagieren, die sich wild miteinander unterhielten. Viele von ihnen waren schon sehr aufgeregt, was sie wohl auf der Elephanta Island erwarten würde. Nach etwa einer Stunde war die Fahrt auch schon vorbei. Die Passagiere drängelten sich hektisch in Richtung Ausgang. Jeder wollte der erste sein – wie bereits beim Einsteigen.

Mumbai23Als wir das Boot verließen, betraten wir einen langen Steg, der scheinbar bis zum Horizont reichte. Zu beiden Seiten des Stegs konnte man das Meer sehen und später auch den Urwald. Kleine Affen turnten wie Leistungssportler durch die dichten Baumgipfel. Sie waren gar nicht scheu – ganz im Gegenteil. Sie kamen dicht an die Touristen heran und stahlen Essen, Sonnenbrillen oder auch andere kleine Gegenstände. Man musste echt aufpassen. Doch nicht nur die kleinen Affen machten Ärger. Auch die vielen Händler, die ihre Souvenirs loswerden wollten, waren echt aufdringlich. Am Anfang war es noch recht spaßig, sich von ihnen bequatschten zu lassen. Oder sich durch die verschiedenen Stände hindurch zu quetschen. Doch umso länger der Weg wurde, desto nerviger wurden die Händler. Vor allem weil der Holzsteg nach etwa 100 Metern von einer lang gezogenen Steintreppe abgelöst wurde.

Etwa eine halbe Stunde verbrachten wir mit unserem Aufstieg. Doch es lohnte sich. Der Blick von der Elephanta Island war atemberaubend. Vielmehr aber interessierten wir uns für die Elephanta Caves. Den meisten Europäern sind diese Höhlen kein Begriff.  Das ist wahnsinnig schade. Denn dieses architektonische Meisterwerk gehört bereits seit 1987 zum UNESCO Weltkulturerbe. Die in den Stein gehauenen Höhlen sind das Zuhause verschiedener Skulpturen und Figuren, von denen die größte etwa 6 Meter hoch ist. Unvorstellbar, dass diese Höhlen von Menschenhand geschaffen wurde – aber so war es! Die Haupthöhle wird auch als Shiva Cave bezeichnet – benannt nach der Gottheit Shiva, der ein Schrein am Höhleneingang gewidmet ist. Die anderen Höhlen auf der Elephanta Island sind weitaus weniger pompös und gut erhalten als die Shiva Cave.

Nach zwei Stunden auf der Insel – oder auch mehr (Mein Zeitgefühl schien irgendwie auszusetzen) – stiegen wir wieder den steilen Hang hinab, hinunter zum Steg. Dort wartete auch schon das nächste Boot auf uns, dass uns zurück nach Mumbai bringen sollte. Es machte uns traurig, diesen faszinierenden Ort wieder verlassen zu müssen. Irgendwie war er wie ein kleiner Ort der Entspannung im sonst so überfüllten und lauten Indien. Genau dieser Lärm, diese Menschenmassen sollten uns an Bord und auf dem Festland wieder erwarten.

 

 

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