Eine Reise durch Indien

Bei meinen Reisen durch Indien stand ich vor vielen Herausforderungen: dem Monsunregen, zu scharfes Essen, penetrant starrende Inder, zu großer Menschenandrang – um nur einige von vielen zu nennen. Doch am schwierigsten war für mich immer die Entscheidung, welches Transportmittel ich nehmen werde, um von meinem Ausgangspunkt zum Zielort zu gelangen. Klar, wenn man innerhalb einer Stadt reist bzw. sich auf den Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen macht, dann ist die Auswahl noch recht begrenzt. Man kann z.B. einfach mit dem Bus fahren. Was aber bereits in Deutschland an heißen Tagen unangenehm ist, kann in Indien schnell unerträglich werden. Auf der Straße 3Denn besonders in der Rush Hour, zwischen neun und zehn Uhr morgens und 18 und 19 Uhr abends, sind die Busse maßlos überfüllt. Menschen drängen sich wie bei einem Viehtransport dicht an dicht aneinander. Man kann kaum Stehen und auch das Atmen fällt schwer. Klimaanlagen sind natürlich Fehlanzeige. Möchte man an einer bestimmten Haltestelle aussteigen, so kann das schnell schwierig werden. Die stehende Menschenschlange blockiert den gesamten Gang. Steht man weit weg vom Ausgang, so ist ein Durchkommen manchmal gar unmöglich. Ich habe schon einige Inder gesehen, die verzweifelt ihre Haltestelle verpasst haben, nur weil sie nicht durchgelassen wurden bzw. einfach nicht durchkamen.

Durch die brütende Hitze im Bus kann gerade für ältere Menschen oder Kranke die Fahrt besonders beschwerlich sein. Ich habe schon einige Inder erlebt, die sich im überfüllten Bus übergeben mussten oder kollabierten. Das Problem in Indien ist, dass viele Menschen gar nicht wissen, dass sie krank sind. Oder einfach kein Geld haben, um zum Arzt zu gehen. Ob Typhus, Cholera oder Gelbsucht – In Indien sind einige Krankheiten stark verbreitet, die in Deutschland nur noch selten, etwa bei Suchtkranken, diagnostiziert werden. Manche Unternehmen beugen dem vor, in dem sie monatlich oder zweiwöchentlich einen Arzt einladen, bei dem sich alle Angestellten – falls notwendig – kostenfrei untersuchen lassen können.

In den öffentlichen Bussen sind aber nicht nur die Hitze und die Überfüllung große Probleme. Auch das Aussteigen gleicht einem Abenteuer. Viele Busfahrer halten an der Haltestelle nämlich nicht an, sondern fahren langsam an sie heran. ElephantWer aussteigen möchte, muss sich dann mit einem beherzten Sprung auf die Straße retten. Da einige Mopedfahrer gern die Busse auf allen Seiten überholen, kann es schon einmal zu Kollisionen kommen. Oder man knickt beim Sprung um und fällt hin. Mit den Wochen habe ich meine Sprungtechnik perfektioniert. Ich weiß nun, dass ich immer in Fahrtrichtung springen muss und am besten mit beiden Füßen gleichzeitig lande. Einige Busfahrer hatten sogar Erbarmen mit mir und hielten extra für mich an.

Ein weiteres beliebtes Transportmittel in Indien ist das Zweirad. Aber nur das motorisierte. Das hat mehrere Gründe: Mopeds und Motorräder sind vergleichsweise erschwinglich. Denn die Benzinpreise sind günstig und TÜV-Normen existieren nicht. Bei dichtem Verkehr kann man auch schon mal auf dem Fußweg fahren oder sich durch die kleinsten Lücken zwängen. Und natürlich findet man immer einen Platz zum Parken. Auf der StraßeAbsolut praktisch also. Ich kenne viele Inder, die mit ihrem Zweirad zur Arbeit oder gar in den Urlaub gefahren sind. Ein Gefühl von Unabhängigkeit, da man weder auf öffentliche Verkehrsmittel noch auf Mitfahrgelegenheiten angewiesen ist. Und man kann auch schon einmal zu dritt oder zu viert auf dem Zweirad fahren. Solange man genug Platz und Geld hat, um gegebenenfalls den Polizisten zu bestechen.

Das unmotorisierte Modell, das Fahrrad, sieht man hingegen kaum auf der Straße – abgesehen von den Fahrradrikschas, die etwa in Neu Delhi herumfahren. In manchen Großstädten existieren auch Fahrradleihstationen. Man steckt eine Münze in das Fahrrad und kann wenige Kilometer fahren. Ich selbst bin in Indien nie Fahrrad gefahren. Es ist einfach viel zu gefährlich. Bei dem Verkehr – ohne jede Regel – gliche eine Fahrradtour wohl einem Suizidversuch. Darauf konnte ich – und auch alle Ausländer, die ich kenne – gut und gerne verzichten. Schließlich wollten wir wieder lebendig nach Hause kommen.

Fahrradrikscha 2Das wohl typischste Fortbewegungsmittel Indiens ist die Rikscha, ob als Auto- oder Fahrradrikscha, ob für Einheimische oder Touristen. Man kann sich den Stadtverkehr gar nicht mehr ohne dieses kleine Gefährt vorstellen. Die Rikscha-Fahrer arbeiten für einen Hungerlohn und bringen ihre Kunden wohl an jedes erdenkliche Ziel – auch wenn der Motor ausfällt oder der Berg noch so hoch ist. Ich bin sogar schon einmal bei einem betrunkenen Rikscha-Fahrer mitgefahren. Jede Kurve war gleich doppelt so gefährlich und ich war so froh, endlich angekommen zu sein. Natürlich versuchen die Rikschafahrer immer das beste Geschäft zu machen. Sie verhandeln schlitzohrig mit den Touristen um jede Rupie und transportieren diese zu viel zu überteuerten Preisen zu ihrem Ziel. RikschafahrerManchmal sind sogar die Kilometerzähler manipuliert. Ich empfehle also jedem nicht nach Kilometer zu zahlen, sondern eine Festpreis auszumachen. Eine Strecke von drei Blöcken sollte nicht mehr als dreißig Rupien kosten und Preise wie vierhundert Rupien schreien schon von Vornherein nach Betrug – außer man muss die gesamte Stadt durchqueren.

Bei mehrstündigen Fahrten oder Überlandfahrten nutzen die Inder meistens Reisebusse, Sleeper oder den Zug. Ein einziges Mal bin ich mit dem Zug gefahren. Und es war wohl das bequemste Fortbewegungsmittel, das ich in Indien überhaupt kennen lernen durfte – insofern man genug Geld investiert. In den günstigen Waggons herrscht nämlich dasselbe Klima wie in den öffentlichen Busses. Es ist maßlos überfüllt, man hat Angst vor Diebstahl und sexuellen Übergriffen und Hitze sowie Krankheiten nehmen den Raum ein. Menschen hängen sich von außen an die Waggons, um doch noch mitfahren zu können. Alter FlughafenTeilweise auch illegal, da sie nicht einmal die hundert oder zweihundert Rupien für die Überfahrt aufbringen können. In den klimatisierten Waggons bekommt man von diesen Problemen nichts mit. Es ist wie eine manifestierte Klassengesellschaft. Im vorderen Teil des Zuges reisen die Reichen, jene, die genug Geld und Raum zur Verfügung haben. Jeder von ihnen hat eine eigene Schlafliege, die an der Wand befestigt ist und einem Vorhang geschlossen werden kann. Damit auch hier etwas Privatsphäre wahren kann. Stündlich – außer nachts – laufen Verkäufer durch die Abteile, die gegen etwas Geld Essen und Trinken verkaufen. Alles sehr erschwinglich für den europäischen Geschmack. Je weiter hinten man im Zug einen Platz bucht, desto günstiger sind die Tickets und desto schlichter die Bedingungen. In den hintersten Abteilen reisen die Armen, jene, die auf weniger als einem halben Quadratmeter dicht an dicht mit Fremden schlafen müssen. Sitzplätze sind Mangelware. Man sitzt einfach auf dem Boden. Die Luft staut sich und der Geruch von stinkenden Menschen macht sich breit. Ein unzumutbarer Zustand für viele, aber es ist die Realität für die meisten Reisenden. Denn Indien ist nach wie vor ein wahnsinnig armes Land.

Gern bin ich auch mit dem Sleeper gereist, einem Reisebus mit Schlafkabinen. Wie in einem Doppelstockbett gibt es zwei Kabinen, die übereinander gestapelt sind. Jede Kabine ist mit einem purpurfarbenen Vorhang verschließbar. Ich weiß nicht mehr, wie groß jede Kabine ist, aber es waren etwa zwei Quadratmeter. Beinfreiheit ist Fehlanzeige. MönchDenn die Kabinen sind etwa 1,60 Meter lang. Für eine durchschnittliche indische Frau mit 1,55 Meter groß genug, aber für mich war das ein wenig zu klein. Doch im Vergleich zu normalen Reisebussen ist das absolute Luxusklasse. Hat jemand von euch schon einmal versucht, nachts in einem Bus zu schlafen? Meistens ist die Klimaanlage viel zu kalt, man weiß nicht, wie man sich betten soll und alle halbe Stunde wacht man auf. In einem Sleeper hingegen ist es wie einem etwas zu kleinen, rollenden Bett. Man schläft wirklich richtig gut und kann sogar noch durch das Fenster die Nacht und die Straße beobachten – bevor man sanft einschläft. Ich bin zum ersten Mal mit dem Sleeper nach Mumbai gefahren. Das war eine meiner letzten Reisen in Indien. Hätte ich vorher gewusst, wie bequem diese Reisebusse sind, wäre ich schon viel früher damit in Indien gefahren. Doch diese Form des Reisens war mir vorher nicht bekannt, nicht in Indien und in keinem anderen Land, das ich bis dato bereist hatte.

FüßeDie Transportmöglichkeiten in Indien sind wahnsinnig vielfältig. Ich habe wohl jede von ihnen ein- oder mehrmals genutzt. Und würde das auch immer wieder tun. Denn die Erfahrungen, die ich dabei erleben durfte, machten mich für meine weiteren Indien- und Weltreisen resistenter und auch selbstbewusster.

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