Leben einmal anders: Leben international

Ich habe noch nie alleine gelebt, weder als kleines Kind noch als Erwachsene. Und ich liebe dieses Gefühl. Das Gefühl, dass immer jemand da ist. Ob man einfach nur reden will oder abends weggehen möchte. Man ist eigentlich nie allein. Und das ist auch gut so. Gerade im Ausland ist ein WG-Leben ausgesprochen praktisch. Denn man kann seine Erfahrungen teilen und sich bei Problemen und Fragen an seine Mitbewohner wenden.

Meine erste WG-Erfahrung sammelte ich in Indien – und das gleich in drei verschiedenen WGs. Zuerst lebte ich für fünf Tage in einer Übergangsbehausung. Und man muss hier wirklich von Behausung sprechen! Wir schliefen auf Matratzen in einem fast unmöblierten Apartment, das man nicht einmal abschließen konnte. Die Kakerlaken tanzten Walzer auf dem Balkon, der beide Wohnungsteile miteinander verband. ÜbergangsbehausungBlickte man aus dem Fenster, so sah man Armutsbauten, eingefallene Häuser und schmutzige Straßen. Unsere Dusche funktionierte nicht, ebenso wenig wie das Licht. Und die Toilette war – wie in Indien üblich – ein Loch im Boden. Ein wahrer Kulturschock für mich und selbst für indische Verhältnisse unterster Lebensstandard. Meine drei Mitbewohner – aus Portugal, China und den USA – sollten auch nur noch wenige Tage in dieser Behausung leben. Sie waren mir anfänglich eine große Hilfe. Sie erklärten mir, wo es im Viertel gutes Essen gibt, wo ich im Internet surfen kann und welche Sehenswürdigkeiten interessant sind. Da sie alle aber arbeiten mussten, verbrachte ich fast die ganze Zeit bis zu ihrer Abreise und meinem Umzug allein. Allein in einem fremden Land. So hatte ich mir das nicht vorgestellt!

Ich war wahnsinnig froh, als ich einen Tag später endlich in eine andere WG in Hyderabad ziehen konnte. Eine absolut großartige WG in traumhafter Lage im Stadtteil Banjara Hills. Nun endlich lebte ich mitten im Geschehen, mitten in der Stadt. Meine Mitbewohner hießen mich sofort willkommen. Schon am ersten Wochenende gingen wir zusammen auf Party. Es war einer von vielen Abenden, die wir in den nächsten Wochen zusammen verbringen sollten. Das Nachtleben Hyderabads beginnt – wie in fast ganz Indien – Gruppenbildfür den europäischen Geschmack sehr früh gegen 18 Uhr. Doch es hat einiges zu bieten. Und wir kosteten es vollends aus. Ob im Rain Club oder im Kismet – Mit meiner WG hatte ich immer Spaß. Doch damit nicht genug. Sie kümmerten sich auch darum, dass ich in den ersten Tagen zur Arbeit kam. Mit dem Motorrad wurde ich von meinem indischen Mitbewohner bis vor das Eingangstor meiner Arbeitsstelle chauffiert. Welch ein Luxus! Nach einer Woche trauten sie mir etwas mehr zu. Sie brachten mich zur Bushaltestelle und erklärten mir detailliert, welchen Bus ich nehmen und wo ich aussteigen muss. Natürlich verirrte ich mich prompt und stieg irgendwo mitten im Nirgendwo aus. Und schon bombardierte ich meinen Mitbewohner mit Anrufen. Denn mein GPS wollte auch nicht so richtig funktionierten. Dank seiner Hilfe kam ich schließlich etwas zu spät im Büro an. Doch in Indien ist das völlig egal. Zu-Spät-Kommen gehört hier fast schon zum guten Ton.

Wie ein kleines Kind nahmen mich meine Mitbewohner stetig an die Hand. Sie halfen mir beim Einkaufen, gingen mit mir zum Foreigner Regional Registration Office und brachten mich zum Arzt, als ich einmal erkältet war. Es war als seien sie meine Lehrer, nein, meine Gurus. Sie erklärten mir, das Einmaleins Indiens. Denn sie wussten bereits, wie man die Kultur, die Menschen und das Land liest.

NFußgängerach drei Wochen war es dann soweit. Wir entschwanden dem Alltag und fuhren mit dem Bus nach Goa. Mein erste Reise in Indien und ich hatte Fieber. Doch das hielt mich nicht davon ab, mitzufahren. Meine Mitbewohner kümmerten sich rührend um mich. Sie besorgten Medikamente, legten mir kalte Waschlappen auf die Stirn und bewachten mich, während ich schlief. Wir waren wie eine große Familie. Und regelmäßig kamen weitere Personen dazu. Dies änderte sich auch nicht, als ich meine dritte WG in Indien zog. Aus logistischen Gründen – und später auch der Liebe wegen – verließ ich das gemachte Nest und versuchte auf eigenen Beinen zu stehen. Und ich bereue es bis heute keineswegs. Denn meine neuen Mitbewohner wurden zu neuen Freunden und einer von ihnen zu meiner großen Liebe. Mit den meisten von ihnen habe ich noch heute Kontakt. Es ist großartig, auf der ganzen Welt Freunde zu haben. Spielende KinderReisen bedeutet nunmehr besuchen. Man fühlt sich fast überall Zuhause, solange man einen Freund vor Ort hat. Und Freunde finden ist im Ausland gar nicht so schwer. Schließlich gibt es eine Gemeinsamkeit, die alle Reisenden und Auswanderer miteinander verbindet: das Fernweh.

In Deutschland angekommen fiel es mir schwer, nicht mehr international zu leben. Mein Englisch musste ich gegen Deutsch eintauschen und mein Reiserucksack wurde erst einmal an den Nagel gehangen. Wie ich es vermisste, aus meinem Zimmer zu gehen und mit meinen afrikanischen Mitbewohnern ein Bier zu trinken. Oder diese kleinen Wochenendreisen nach Mumbai oder Goa. Irgendwie war halt immer jemand da, jemand, genauso verrückt wie ich. Und plötzlich war ich allein, als sei alles nur ein wunderschöner Traum gewesen.

 

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