Das Abenteuer Neu Delhi

Nur wenige Wochen nach der Gruppenvergewaltigung der jungen Studentin Jyoti bin ich in das vermeintliche Moloch Neu Delhi gereist. Ich war mir über all die Zeitungsberichte, die tagelangen Demonstrationen und die gewaltigen Mobs bewusst. Ich kannte die Risiken, aber ich nahm sie in Kauf. Denn ich hoffte, dass es nach dem ganzen Medienrummel endlich ein Umdenken in den Köpfen und auch in der Politik geben würde. Also packte ich meinen Rucksack, schnappte mir all mein Hab und Gut und trat meine letzte Reise in Indien an. Niemals hätte ich darauf verzichtet, einmal in die indische Hauptstadt zu reisen. Schließlich war es schon immer mein Wunsch, seitdem ich in das Land gekommen war. Es war der Ausgangspunkt meines siebenmonatigen Aufenthalts und es sollte meine letzte Station sein, vor meiner Rückkehr in das kalte Deutschland.

27 Stunden reiste ich mit dem Zug von Hyderabad nach Neu Delhi – zusammen mit mAuf der Straße Neu Delhieinem Brasilianer. Direkt nach unserer Ankunft machten wir uns auf die Suche nach einer Unterkunft. Und wir fielen sofort in eine kleine Touristeninformation ein. Versteckt zwischen zwei anderen Türen befand sich ihr Eingang. Der Besitzer war sofort offen und freundlich zu uns. Doch das waren wir bereits gewöhnt. Inder sind eigentlich immer freundlich zu Ausländern, da sie in ihnen das große Geschäft wittern. Ob beim Einkauf auf dem Wochenmarkt, bei einer Rikscha-Fahrt oder auf der Straße – Man muss ständig damit rechnen, übers Ohr gehauen zu werden und viel zu viel zu bezahlen. Dieses Mal aber war es uns egal. Es sollte unsere letzte gemeinsame Reise in Indien sein und wir waren durchaus bereit, mehr auszugeben. Denn zu diesem Zeitpunkt wussten wir nicht, ob wir uns jemals wiedersehen werden oder uns das Schicksal noch einmal nach Indien verschlägt.

Nun standen wir da, vollgepackt in einer Touristeninformationen, mitten in Neu Delhi. Die Straße vor dem Gebäude hatte schon einiges versprochen. Sie war laut und schmutzig. Kleine Müllhaufen türmten sich an den riesengroßen Löchern, Obsthändlerdie sich Kanal nannten. Die Gebäudefassaden bröckelten allmählich herab. Sie verrieten, dass sich hier wohl niemand besonders für die Architektur interessiert. Ein alter Mann mit einem Handkarren lief an uns vorbei. Ein Händler wahrscheinlich, der sich gerade auf den Weg zum Markt machte, um seine Familie zu ernähren. Mit diesen Bilder im Kopf wartete ich nun im kleinen Foyer der Touristeninformation.

Nach wenigen Minuten kam der Besitzer auf uns zu und bat uns in sein Büro im hinteren Teil des Gebäudes. Irgendwie merkwürdig. Doch in Indien wunderte mich schon Vieles nicht mehr. Wäre ich allein gewesen, wäre ich wohl niemals mitgegangen. Generell empfehle ich es auch niemanden, sei es Mann oder Frau, allein in Indien zu verreisen. Es ist schlichtweg zu gefährlich und man kann schnell auf Schlitzohren hereinfallen.

Nun, da saßen wir beide in einem kleinen Hinterzimmer bei einer Tasse Tee und diskutierten mit einem Wildfremden über unsere Reisepläne. Der Besitzer machte uns ein Angebot nach dem anderen. Letztlich entschieden wir uns der Zeit und des unschlagbaren Preises wegen – zumindest dachten wir, dass er unschlagbar sei – für ein Rundumpaket “Neu Delhi – Agra – Jaipur”. Wir bezahlten für zwei Personen etwa 10.000 Rupien, umgerechnet 140 Euro. Ein eigener Fahrer und die Übernachtungen im Hotel inklusive. Mit Handshake besiegelten wir unseren Deal und verließen sofort danach die Touristeninformation. Natürlich wollten wir keine weitere Zeit verlieren. Endlich sollte das Abenteuer Neu Delhi beginnen!

Als wir unser Hotel betraten, konnten wir es kaum glauben. Ich hatte in Indien noch nie eine so prunkvolle Unterkunft gehabt. Und das soll schon etwas heißen. Schließlich bin ich viel und gerne gereist. Doch dieses ZimmerStraßenfrisör übertraf alles – obwohl es wohl lediglich einem Zwei-Sterne-Hotel in Deutschland entsprechen würde. Solch einen Luxus, solch eine Sauberkeit kannte ich einfach nicht mehr. Seitdem ich in Indien angekommen war, hatte ich meine Erwartungen an den Lebensstandard wöchentlich, vielleicht sogar täglich, heruntergeschraubt. Anders überlebt man hier nicht.

Dieses Zimmer stand im Kontrast zu dem, was uns außen erwarten sollte. Denn in Neu Delhi ist die Armut allgegenwärtig. Dutzende Kinder leben ohne ihre Eltern auf der Straße und betteln um jede Rupie. Man sieht sie mit ihren zotteligen Haaren und den verklebten Augen den Passanten hinterherlaufen. Sie ziehen an den T-Shirts und Hosen der Vorbeilaufenden und schauen sie mit ihren großen traurigen, braunen Augen an. Ich habe noch nie in meinem Leben solch traurige Augen gesehen. Ich wurde gewarnt, diesen Kindern Geld zu geben. Denn gibt man einmal jemanden etwas, dann kommen viele weitere an und wollen auch eine Rupie haben. Und Schweine in Neu Delhi2das Problem Volksarmut, wie es sie in Indien gibt, wird sich wohl nicht durch eine kleine Spende ändern.

Armut und Reichtum scheinen gerade in Neu Delhi Hand in Hand zu gehen. Während die Studenten der Jawaharlal-Nehru-Universität fleißig für eine bessere Zukunft lernen, leben nur wenige Meter entfernt von ihnen Menschen in kleinen Hütten, die nicht größer als ein Stall sind – ohne fließend Wasser. Viele junge Männer fahren täglich mit dem Fahrrad auf Arbeit. Sie sind oft Tagelöhner, verdienen gerade so viel, dass ihre Familien überleben können. Auf dem großen Basar in Old Delhi und auf anderen Basaren der Stadt bieten sie ihre Waren zum Verkauf an. Oder sie gehen eben betteln, vor den Sehenswürdigkeiten, auf der Straße oder in der Nähe des Connaught Place. Der Connaught Place ist ein Rondell, in dem sich teure Läden und Fast-Food-Restaurants niedergelassen haben. In seiner Mitte befindet sich ein großer Park, der rund um die Uhr überwacht wird. Denn armen Menschen und Obdachlosen ist der Zutritt zu diesem Platz strikt verboten.

Neu Delhi hat neben der Armut noch ein anderes Problem: den Müll. Besonders neben den Slums türmen sich die Müllberge und Exkremente ihrer Bewohner. Auf der Straße Neu Delhi 2Der Gestank ist kaum auszuhalten. Doch die Slumbewohner kennen es nicht anders. Regelmäßig sieht man sogar, wie die im Hinduismus als heilig geltenden Kühe diesen Müll fressen und elendig daran zugrunde gehen. Ihre Kadaver liegen dann auf der Straße und verrotten. Und erzeugen noch mehr Gestank. Sogar vor den Türen unseres Hotel lag Müll herum. Irgendwie empfand ich Neu Delhi als wohl dreckigste Stadt, in der ich jemals war. Und dieser Eindruck sollte sich in den nächsten Tagen noch zusehends verstärken.

5 Comments Add yours

  1. Janine says:

    Danke für die tollen Eindrücke aus Indien. Auch wenn es dabei um viel Armut geht 😦

    1. mawei26 says:

      Danke für Deinen Kommentar. Ja, leider gibt es viele schlimme Dinge zu sehen, vielmehr als in Deutschland. Dafür ist aber die Kultur in großen Teilen sehr spannend und mehr als nur Bollywood und – das Negativbild – Vergewaltigung. Ich werde auch noch positivere Texte schreiben 😊

  2. sabihass says:

    Echt ein toller Beitrag, hat mich richtig gefesselt, Indien muss faszinierend sein. In jeglicher Hinsicht, positiv und negativ. Viel Spaß auf deiner Reise und Pass gut auf dich auf!

    1. mawei26 says:

      Vielen Dank für Deinen Kommentar. Indien ist wirklich eine Reise wert und es gibt noch so viel zu sehen und zu erleben. Um das Land zu erkunden, bräuchte man wohl zwei Leben.

  3. sabihass says:

    Hat dies auf passionwings rebloggt und kommentierte:
    Ein wirklich toller Beitrag über Indien/Neu Dehli! Lest ihn euch doch mal durch, mich konnte er wirklich fesseln.

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