Meine Rückkehr nach Brasilien

Es war eine dieser verrückten Reisen, die aus der Laune des Augenblicks entstehen. Vom Alltag frustriert und ganze 10 Urlaubstage vor mir entschied ich mich, nach Brasilien zu reisen. Es war keine wirkliche Reise. Vielmehr war es eine Rückkehr zu meinem alten Leben, meinem Sehnsuchtsland und meiner großen Liebe. Ich hatte gerade genug Geld auf meinem Bankkonto, um den Monat zu unterstehen. Mein Portugiesisch war auch komplett eingerostet. Und zu allem Überfluss erzählte ich niemandem von meiner Reise – ausgenommen meiner Familie. Alles sollte ganz spontan, in nur acht Tagen, über die Bühne gehen. Denn ich wollte, nein, ich musste noch einmal das Abenteuer Brasilien spüren.

Graffiti BrasilienMeine Reise begann in Deutschland, genauer gesagt am Josef-Strauß-Flughafen in München an einem Mittwochmittag. Ich wusste, als ich das United-Airlines-Flugzeug betrat, dass es nun kein Zurück mehr gibt. 14.000 Kilometer lagen vor mir, drei Umstiege und zwei schlaflose Nächte. Doch das war es mir wert. Von München ging es über Chicago und Houston nach Rio de Janeiro. Mehr als sechs Mal musste ich meinen Reisepass vorzeigen. Zwei Fingerabdruckchecks wurden von mir verlangt und ich musste mein Gepäck in den USA neu einchecken. Und auch als ich endlich wieder festen Boden unter den Füßen und den Flughafen verlassen hatte, wurde der Stress nicht weniger. Denn nun hieß es, mit meinen spärlichen Portugiesischkenntnissen von der Metropole Rio de Janeiro in das 130 Kilometer entfernte Juiz de Fora zu gelangen.

Als ich aus dem Terminal 2 trat, kamen mir gleich zwei Dinge vertraut vor: die fragenden Taxifahrer und die heiße, brasilianische Luft. Irgendwie schien es, als ob ich mit jedem Schritt, jedem Meter in Brasilien, mich an mehr und mehr Dinge aus meiner Vergangenheit erinnern konnte. Da war dieser Servicestand mit allen Informationen rund um den öffentlichen Nahverkehr. Die vollklimatisierten Busse, die dich an jeden erdenklichen Ort in Rio bringen. Und natürlich die kleinen Schilder, die auf deinen Koffer geklebt werden, sobald du ihn beim Busfahrer abgibst. Detail um Detail wurde wach in meiner Erinnerung – als ob ich nie weggewesen wäre. Und das sollte noch viel schlimmer werden!

Als ich den Flughafen verließ, nahm ich zuerst einen Bus zur Rodoviaria. So werden alle zentralen Busbahnhöfe in Brasilien bezeichnet. In jeder größeren Stadt gibt es einen. Und da die Brasilianer gern mit dem Bus reisen – der Preise wegen -, herrscht hier auch ein Andrang wie am Flughafen. CopacabanaIch ließ mich vom Strom leiten und rannte von einem Schalter zum nächsten, die Wartehalle auf und ab, um endlich “Juiz de Fora” zu lesen. Nach gut zehn Minuten war es dann soweit. Überglücklich reihte ich mich in die vergleichsweise kurze Schlange ein. Doch ich stand – wie nicht anders zu erwarten – falsch. Vier nette, grauhaarige Senioren wiesen mich darauf hin, dass hier der Schalter für ältere Menschen sei und ich mein Ticket gegenüber kaufen müsse. Gesagt, getan. Ich meisterte die Hürde mit Bravour. Jetzt hieß es nur noch den richtigen Bus erwischen und noch etwas Essen kaufen. Und irgendwie gelang mir das ohne größere Zwischenfälle auch – abgesehen von einer Imbissverkäuferin, die meine Bestellung nicht richtig verstand. Ob es an meiner Aussprache oder an der Tatsache lag, dass ich recht leise sprach, weiß ich leider nicht. Doch selbst diese Frau, die mich mit ihrem durchdringenden “Que?” ankeifte, schaffte es nicht, mich aus der Ruhe zu bringen. Ich war bereits 30 Stunden unterwegs gewesen und hatte 14.000 Kilometer geschafft. Da konnte mich nichts mehr aufhalten.

Also stieg ich diesen Bus nach Juiz de Fora, der mich zurück in meine Vergangenheit brachte. Auf der Fahrt schien alles noch viel schöner als in meiner Erinnerung. Vielmehr wusste ich gar nicht mehr, warum ich so in dieses Land verliebt war. Doch an diesem Tag verliebte ich mich neu – in die steilen Berghänge des “Corpo de Bombeiros”, in die kahlen Palmeiras und in die kleinen Churrascarias und Barzinhos am Rande der Rodovias. In meiner Aufregung hatte ich fast vergessen, zu schlafen. StraßenschildUnd so fiel ich wieder und wieder in einen minutenlangen Schlafzustand, aus dem ich schreckhaft aufwachte. Ich wollte keinesfalls etwas verpassen. Ich wollte die Berge sehen, die Einfahrt in die Stadt und natürlich wollte ich die Ankunft in Juiz de Fora nicht verpassen. Nach vier Stunden war es dann soweit. Die Einfahrt in die Rodoviaria ließ mein Herz bis zum Halse schlagen. Mir war schlecht, heiß und ich war unglaublich nervös. Denn jetzt trennte mich nur noch ein Bus von meinem Ziel – der Avenida Barão de Rio Branco.

An die nächste Stunde kann ich mich sehr gut erinnern, obwohl sie wie in einem Zeitraffer ablief. Die Busfahrt in das Centro, der Weg von der Bushaltestelle über die viel befahrene Hauptstraße zur Rua Antônio Dias und die What’s-App-Nachricht an meinen Brasilianer. Auch er wusste nichts von meinem Kommen. Und so schrieb ich ihm, dass ich “agora” (jetzt) “em frente” (gegenüber) seiner Arbeitsstelle bin. Er antwortete nur mit einem Fragezeichen. Doch wenige Sekunden später öffnete sich schon die Tür des Bürogebäudes. Unglaubwürdig stand er vor mir und drückte mich fest an sich – so fest, wie noch nie. Wir waren beide wahnsinnig aufgeregt und doch war es, wie früher. Als ob ich nie weggewesen wäre.

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