Eine Nacht in den Favelas – Teil I

Es war ein dunstiger, heißer Abend irgendwann mitten im Juli im Jahre 2013. Die Sonne hatte sich schon lang vom Himmel verzogen und den Blick auf ein rosafarbenes Wolkenmeer freigegebenen.

Rio de Janeiro präsentierte sich mal wieder, selbst im Winter, von seiner exotischen Seite. 19 Uhr und keine Abkühlung in Sicht. Wie wir drei, wir ein Carioca, ein Maneiro und eine Deutsche, wagten auch viele andere bei diesen Temperaturen den Aufstieg hinauf. Hinauf – das bedeutet hinein in die Favelas. Denn weit über den schneeweißen Stränden der Copacabana und von Ipanema spielt sich ein anderes, ein viel härteres Leben ab. Abseits vom Massentourismus und vom schönen Schein. Kaum ein Carioca, der nicht dort wohnt, hat jemals einen Fuß hineingesetzt. Doch unter Touristen ist ein Favelabesuch der absolute Trend. Ich war einer von ihnen. Und diese Nacht sollte unvergesslich werden.

In the favelas
Blick von den Favelas auf Rio de Janeiro

Schon der Weg in die Favela war spektakulär. Mit einem kleinen Taxi fuhren wir die schmalen Gassen hinauf, die immer enger und verschlungener wurden. Meter für Meter kamen wir unserem Ziel näher. Die Spannung stieg in mir. Von Gewalt, Drogen und Waffen war nichts zu spüren. Vielmehr sah ich kleine, halbnackte Kinder auf der Straße spielen. Mit ihren großen braunen Augen starrten sie hoffnungsvoll unserem Taxi hinterher. Die Erwachsenen unterhielten sich, kamen von ihrer 16-Stunden-Schicht heim oder säuberten ihre Häuser. Häuser, das waren Lehm- und Steinbauten, die sogar mit Elektrizität und fließend Wasser ausgestattet waren. Nicht ganz legal und weit weg von professionell, aber es funktionierte. Einige der Häuser waren kleiner, andere größer. Und irgendwie schien jedes von ihnen seinen eigenen Charakter zu haben, seinen Bewohner widerzuspiegeln.

Wäsche trocknen
Ein besseres Favela-Haus

Nach einer dreißigminütigen Fahrt erreichten wir unser Ziel. Eine Freifläche mitten in der Favela, an einer gepflasterten Hauptstraße gelegen. Von da an waren wir komplett auf uns allein gestellt. Zu Fuß gingen wir weiter durch enge Gassen und an dunklen Häusereingängen vorbei. Die Häuser waren kaum mehr als einen Meter voneinander entfernt. Privatsphäre war hier Fehlanzeige. Man konnte seinem Nachbarn buchstäblich auf den Esstisch schauen. Und auch sonst war kein Platz für Intimität oder Freiraum. Nur die vielen Schlösser an den Türen und die Gitter an den Fenstern schienen all das Übel, die Gewalt, draußen zu halten. Bei Anbruch der Dunkelheit flüchteten immer mehr Menschen in ihre Häuser zu ihren Nachbarn oder in eine kleine nahe gelegene Bar. Es war ein merkwürdiger Anblick. Auch wir verschwanden schnell in einem der Häuser, nämlich in dem leer stehenden Favela-Haus, in dem in jener Nacht eine Party stattfinden sollte.

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