Eine Nacht in den Favelas – Teil II

Ich betrat das dreistöckige Steingebäude. In meiner Erinnerung sind die Bilder etwas verschwommen. Aber ich kann mich noch ganz genau an jedes Detail erinnern.

Dieser Geruch – eine Mischung aus modrigem Backstein, stickiger Partyluft und schwitzenden Menschenmassen. Der Eintritt über die Schwelle in dieses Haus, dieses Favela-Haus, war wie ein Übergang in eine andere Welt. Es war, als sei ich in die Unterwelt eingetreten, in die versteckten Katakomben Rio de Janeiros. So klein das Haus war, so verwinkelt war es auch – und voller Überraschungen. Die engen Treppenaufgänge ließen kaum Platz für eine Person. Und doch drängten sich zwei Personen gleichzeitig aneinander vorbei – oder noch mehr. Leere Becher rollten die Treppen herunter. Drinks landeten auf den Kleidern Unbekannter. Aber all das war egal. Es zählte nur der Augenblick. Die Faszination dieses Ortes und dieser unvergesslichen Nacht.

Kartenspieler
Kartenspieler in Juiz de Fora

Der Aufgang in die erste Etage war beschwerlich. Wir gingen an kalten Steinwänden vorbei die glatten Steinstufen hinauf. Und plötzlich präsentierte sich uns ein unerwartet großer Raum. Dutzende, fast hundert Menschen standen dort auf nur wenigen Quadratmetern verteilt. Es schien, als sei die Favela der neue In-Treff geworden. Und wir waren mittendrin. Unser erster Gang war – wie bei jeder guten Party – zur Bar. Etwas abseits des Raumes, unscheinbar in einer kleinen Nische kauften wir uns ein Bier. Der Andrang war so groß, dass man minutenlang anstehen musste Danach erkundeten wir das Favela-Haus etwas tiefgründiger. Denn keiner von uns, weder der Maneiro noch der Carioca noch ich, waren je zuvor in einer Favela gewesen, geschweige denn hatten wir ein solches Haus von innen gesehen.

Säulen ragten in dem großen Raum bis zur Decke. Sie teilten ihn in mehrere Abschnitte und gaben ihm einen labyrinthartigen Charakter. Kleine Wände – ohne Türen – verwiesen auf einen neuen Raum, eine neue Nische, einen neuen Gebäudeteil. Ich hatte noch nie so etwas gesehen.

Klamotten_Favela
Wäschetrocknen in den Favelas

Es war, als wäre ich in einem Hundertwasserhaus gefangen, dass sich mit einer kleinen schmutzigen Hütte gepaart hatte. Und das mitten in Rio de Janeiro. Besonders die kleinen Fensternischen mit den alten Holzbänken sind mir in Erinnerung geblieben. Den halben Abend verbrachten wir dort, blickten aus den schmutzigen Panoramafenstern hinaus in die Nacht und hinein in den Hinterhof. Wir wurden Zeuge vom Alltagsleben, wie eine junge Frau spätabends die Wäsche abnahm und sich viel zu junge Kinder nachts nach Hause schlichen. Unser Favela-Haus überragte all die andern Häuser auf diesem Hof. Und irgendwie waren sie doch alle miteinander verbunden, standen Wand an Wand und bildeten eine Symbiose. Die Schäbigkeit dieser Häuser, die Ungemütlichkeit wurde durch ihre Faszination weggemacht. Denn diese Häuser entwickelten für mich in jener Nacht eine eigene Seele.

Favela house
Brand in den Favelas

Nicht nur die Fensternischen, sondern auch die – nennen wir es einmal – Dachterrasse war ein Highlight. Man ging einen noch schmaleren Gang die Treppe hinauf, vorbei an zig Menschen. Das Bier fest umklammernd bahnten wir uns unseren Weg nach oben. Die frische Luft umwehte unsere Nasen und gab uns ein Gefühl von Freiheit. Genau das machte diese Nacht aus: dieses Befreitsein von den Konventionen, der Norm und dem da unten, dem Kessel der Großstadt. Die Favela hatte uns eingenommen.

Wie in Trance tanzten wir zu den Sambaklängen bis in die Morgenstunden. Erst als sich der Himmel rot färbte und die Sängerin ihre letzte Silbe verschlungen hatte, machten wir uns auf den Rückweg. Hinab durch die engen Gassen, vorbei an den vielen braunen Augenpaaren, die uns hinterher schauten. Wir waren völlig erschöpft – aber unendlich glücklich, diese einzigartige Nacht erlebt zu haben.

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