In eigener Sache: #NoNazis

Heidenau ist das Synonym dieser Stunde. Die Kleinstadt in der Sächsischen Schweiz mit gerade einmal 16.000 Einwohnern war wohl vor den Flüchtlingen nur wenigen ein Begriff.

Doch heute kennt es wohl fast jeder in Deutschland. Und auch weit über die Grenzen hinaus. Selbst in den brasilianischen News konnte man die Nazi-Demonstrationen verfolgen, ebenso wie den Hiltergruß eines Frührentners in Freital. Pegida, Legida und Co. sind wohl auch keine Unbekannten mehr in der internationalen Berichterstattung. Traurig, aber bittere Realität.

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Anti-Nazi-Demonstrationen

Die Neo-Nazi-Welle überrollt nicht erst seit gestern die “blühenden Landschaften”, wie Helmut Kohl einmal die neuen Bundesländer bezeichnete. Denn glaubt man den Berichterstattungen, so sind besonders diese von einem übermäßigen Nationalstolz und einer feigen Fremdenfeindlichkeit durchzogen. Der erste Aufschrei ereignete sich wohl, als die NPD in den sächsischen Landtag einzog. Unternommen wurde seitdem einiges.
Nazi-Aufmärsche wurden untersagt, Gegendemonstranten formierten sich und Prozesse gegen nationalistische Funktionäre wurden öffentlich gemacht. All das war aber zu wenig.
Denn noch immer gehen Flüchtlingsunterkünfte in Flammen auf und auf  Facebook liest man Spott und Häme über fremde Kulturen. Soziale Medien bieten halt den perfekten Raum, um anonym seinem Hass freien Lauf zu lassen. Doch wer glaubt, ungeschoren davon zu kommen, der irrt. Auch Beleidigungen, Verleumdungen und Volksverhetzung in sozialen Netzwerken können die Grundlage für eine Strafanzeige bilden. Die meisten Nazis denken wohl aber nicht so weit. Oder ihnen ist es schlichtweg komplett egal. Hauptsache sie tun ihre Meinung kund und begründen es dann damit: “Ich bin zwar kein Nazi, aber…!” Wer schon so einen Satz anfängt, weiß ganz genau das rechtes Gedankengut in ihm schlummert.

Doch wer sind diese Personen, die ihren Hass auf andere projizieren? Da ich selbst aus einem – mehr oder weniger – so genannten Brennpunkt, pauschalisiert aus Sachsen-Anhalt, komme, will ich einmal in meinem Erfahrungsschatz graben. Da gibt es jene Neo-Nazis, die einfach von ihrem Leben frustriert sind, weil sie z.B. seit Jahren keine Arbeit finden oder mit drei Kindern alleine da sitzen und vom Staat leben müssen. Natürlich kann solch ein Alltag sehr ernüchternd sein, vor allem wenn man Angst um seine Grundsicherung hat. Doch weder die Renten noch das Kindergeld noch Hartz IV werden wohl in der nächsten Zeit gekürzt. Denn die Ausgaben für Flüchtlinge und Asylbewerber kommen aus einem anderen ganz Topf als die Sozialausgaben. Bei der Gelddebatte wird auch gern das Argument hervorgebracht, dass Flüchtlinge nicht arbeiten gehen. Und ja, das dürfen sie auch nicht. Schließlich fehlt ihnen eine Arbeitserlaubnis. In manchen Fällen kann die Erlangung dieser bis zu mehrere Jahre dauern, da vorher der Asylantrag genehmigt werden muss.

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Springerstiefel als Markenzeichen vieler Neo-Nazis

Zu den finanzschwachen Neo-Nazis gesellen sich jene, die Angst vor einer Islamisierung oder Entfremdung der deutschen Kultur haben. Die Furcht davor, seine eigene kulturelle Identität zu verlieren, zwingt sie dazu, polemisch und hämisch über andere zu urteilen. Was aber macht eigentlich die deutsche Kultur aus? Haben wir uns nicht selbst aus den verschiedensten germanischen Stämmen formiert, gepaart mit einem Hauch römischer Eroberung und slawischer Durchwanderung? Und selbst, wenn man auf diesem Kulturaspekt herumpocht, dann frage ich mich, warum kulturelle Vielfalt so falsch sein könnte. Insofern man das wahrt, was man als Deutsch ansieht, sollte man sich keine Sorgen machen. Gern würde ich von jedem selbst ernannten Kulturromantiker einmal ein vollständiges Goethe-Gedicht rezitiert haben oder wissen, wie viele deutsche Romane er im letzten Jahr gelesen hat. Die Spitze des (rechten) Eisberges zelebriert aber wohl das auf Facebook vielfach gepostete Bild eines blonden Kindes inmitten verschleierter Frauen, unter dem – so oder so ähnlich – “Wo kommst du denn her?” steht. Andere propagandistische Bilder sind jene von Flüchtlingen mit Smartphones in der Hand. Zwar können es sich einige Neo-Nazis nicht vorstellen, doch auch in anderen Ländern gibt es Zugang zu Strom, Internet und neuen Technologien. Und diese Handys sind meistens die einzige Möglichkeit, um Kontakt mit den Lieben im Ausland aufzunehmen. Es ist auch korrekt, dass viele dieser Flüchtlinge junge Männer sind. Doch auch dieses Argument ist schnell entwaffnet. Tagelang auf einem überfüllten Boot, ohne Hoffnung aufgenommen zu werden, ohne Nahrung und ohne Wasser, die meisten von ihnen sterben. Wer würde seine Kinder, seine Frau auf solch eine Reise schicken? Und da ist es wohl das kleinere Übel sie irgendwo in einem Unterschlupf in einem gefährlichen Land zu lassen, als sie auf eine höchstwahrscheinlich tödliche Reise zu schicken. Wer anderes behauptet, hat nie ein solches Flüchtlingsboot in Natura gesehen, geschweige denn sich in die Situation der Flüchtlinge hineinversetzt.

Die letzte Kategorie der Neo-Nazis sind die Funktionäre, die alle Mitläufer um sich scharen. Rhetorisch sind sie so fit, dass sie gutgläubige Menschen, Verstoßene und Kulturfaschisten leicht beeinflussen können. Und genau diese sind auch jene, die die Massen vor 1933 beeindruchten, mit simplen Parolen, den deutschen Verstand vernebeln konnten. Bei meinen Recherchen musste ich aber – mit Vergnügen – feststellen, dass ihre Grammatik und Rechtschreibung vor 80 Jahren noch auf einem höheren Niveau angesiedelt war – und sich wohl immer mehr dem gängigen Social-Media-Slang anpasst. Weg von der deutschen Sprache und hin zu einer Internationalisierung. Welch Ironie, wie sie nur das Leben schreibt. Und dann schäme ich mich gleich ein bisschen weniger, hier zu wohnen.

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