Der tierische Weg Indiens

Mit seinen großen Knopfaugen starrte mich der graue Dickhäuter vom Straßenrand an. Und ich spürte sofort, dass er nicht glücklich ist.

Trägerelefant
Ein Trägerelefant mit seinem Besitzer

Schon oft hatte ich an lebhaften Straßen, in der Nähe von Sehenswürdigkeiten und an steilen Berghängen junge Männer gesehen, zusammen wartend mit ihren Elefanten und Kamelen. Wartend auf den nächsten Kunden, das nächste Geschäft. Ihre Masche ist so simpel, wie raffiniert. Und nichtsahnend tappt man hinein. Zuerst versuchen sie, deine Neugierde zu wecken. Sie fragen, ob man jemals auf solch einen exotischen Tier saß bzw. überhaupt einmal so nah an ihnen dran war. Skepsis begegnen sie mit Argumenten wie “Den Tieren gefällt das!”, “Da ist nichts Schlimmes dabei!” oder “Probier doch erst mal!” Und siehe da: Schon sitzt man auf einem Elefanten. Natürlich ist das Ganze nicht umsonst. Nachdem man abgestiegen ist, wird man um einen Obolus von mehreren hundert Rupien gefragt. Wer denkt, dass das Geld in die Versorgung der Tiere fließt, irrt gewaltig. Denn die Elefanten- und Kameljungen stecken fast alles in ihre eigene Tasche. Die Tiere sind nämlich nur ihre “Arbeitsinstrumente”.

Gerade in den letzten Monate lese ich vermehrt Berichte aus Indien, die von den Qualen solcher “tierischen Touristenattraktionen” erzählen. Jene Tiere, die dressiert werden, um faule Touristen kilometerweit steile Pfade hinauf zu transportieren oder um ihnen zur Belustigung zu dienen – als Show- und als Zirkustier. Ihre Dressur ist eine wahre Tortur für sie. Denn tagelanger Nahrungsentzug, brutale Peitschenhiebe und das In-Ketten-Legen sind nur einige von vielen Methoden, die sie über sich ergehen lassen müssen.

Kühe auf der Straße
Eine von vielen Straßenkühen in Neu Delhi

In Indien – so scheint es – krankt die Symbiose zwischen Mensch und Natur schon länger. Das beste Beispiel hierfür ist die Verehrung der Kuh. Als Reinkarnation des Gottes Vishnu angesehen, ist sie aus dem Hinduismus und von den Straßen aller indischen Großstädte nicht mehr wegzudenken. Jeder Tempel besitzt wohl seine eigene Kuhherde, die zu Festivitäten mit Naturfarben bemalt und mit Baumwolldecken und Schmuckstücken verziert wird. Und auch das Gesetz stellt die vorsätzliche und versehentliche Tötung einer Kuh unter Strafe. Hohe Geldbußen können die Folge sein. Doch die Heiligkeit der Kuh hat auch ihre Grenzen – und zwar beim Futter. Tagtäglich werde ich Zeuge, wie diese Tiere auf der Straße stehen und ihre vier Mägen mit Müll und Unrat vollstopfen. Denn Weideland und grüne Wiese sucht man in den großen Molochen Indiens vergebens. Vielmehr türmen sich dort die Müllberge aneinander und bieten ein Paradies für die hungrigen Kühe. Das aber ist ein tödlicher Trugschluss – und früher oder später wird die Müllernährung zur Todesfalle. Ich selbst habe schon von indischen Tierärzten gehört, die mehrere Kilogramm Müll aus Kuhmägen entfernt haben und ihnen mit einer Notoperation das Leben retteten.

Tiger
Eine aussterbende Tierart: der indische Tiger

Wesentlich schlechter als den Kühen in den Großstädten geht es den indischen Königstigern. Denn bei älteren, schwächeren oder bedrohten Tieren steht auf der Speisekarte ab und zu ein Mensch. Das sieht die Über-Spezies  natürlich nicht besonders gern. Doch Schuld daran ist der Mensch selbst. Durch die Ausdehnung von Wohnräumen bis in die Himalaya-Gebiete hinein und die zunehmende Rodung von Wäldern wurde der Tiger immer weiter zurückgedrängt. Früher erstreckte sich sein Lebensraum noch über den gesamten Subkontinent. Heute ist nicht einmal ein Zehntel davon übrig. So kommt es, dass sich der Tiger bei der Nahrungssuche auch in Siedlungen begibt – und dort das Nutzvieh reißt. Ganz zum Ärger der Farmer. Gezielte Angriffe auf den Menschen sind aber nur eine Seltenheit. Vielmehr werden Waldarbeiter, Bauern oder andere Inder nur dann getötet, wenn sie das Revier des Tigers bedrohen. Der “Menschenfresser Tiger” gehört also eher zu den neuzeitlichen Mythen – und ist dennoch in den Köpfen vieler Inder tief verankert.

Doch eine gute Nachricht ist in der kränkelnden Mensch-Tier-Symbiose in Indien zu verzeichnen: Der Mensch ist langsam aufgewacht. Die Population der Tiger hat sich in den letzten vier Jahren um ein Drittel vergrößert – glaubt man den indischen Medien. Und auch die vielen giftigen Schlangen werden noch als Mitbewohner in den Dung-Hütten geduldet.

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