Das Sumpfland Pantanal – Die Ankunft

Einfach nur die Seele baumeln lassen und komplett entspannen. Ohne Handy, ohne Internet, ohne Komfort mitten in der Wildnis leben. Eine Vorstellung, die für viele Workaholics, Dauerstudierende und Familienmanager sehr verlockend ist, gerade, wenn man genug vom Alltagsstress und dem Großstadtdschungel hat.

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Vogelbeobachtung am Rio Paraguay im Pantanal

Den meisten Menschen genügt es wohl, nur einmal herauszukommen, einen Kurzurlaub für die Seele, im Grünen oder auf einer Wellness-Farm, zu verbringen. Doch komplett alles hinter sich zu lassen, für Tage, Wochen, das trauen sich wohl die wenigsten. Ich aber habe genau das getan. Für eine Woche lebte ich im Outback Brasiliens, im Pantanal. Den meisten, die nicht für die Geografie leben oder damit ihr Geld verdienen, ist diese Region wohl kein Begriff. Erstaunlich eigentlich, da es sich beim Pantanal um das größte Sumpfgebiet der Welt handelt.

Schon meine Reise dorthin gestaltete sich sehr abenteuerlich. Nach drei Partytagen und -nächten in Rio de Janeiro stieg ich in ein kleines Linienflugzeug der brasilianischen Hausmarke TAM. Wer glaubt, dass solche Inlandsflüge so günstig wie in Deutschland sind, der irrt gewaltig. Nur die reicheren Brasilianer können sich nämlich das Fliegen leisten. Der Standard-Brasilianer muss sich mit einem Busticket begnügen. Zwar spart man bei einer Bustour bis zu 90 Prozent des Preises ein, muss aber viel Sitzfleisch mitbringen. Deshalb reisen die meisten Brasilianer lieber in nahe gelegene Städte oder Regionen. Und viele von ihnen werden wohl niemals das Pantanal, geschweige denn das Amazonas-Gebiet, mit ihren eigenen Augen sehen.

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Schwimmende Vögel im Rio Paraguay

Von Rio de Janeiro flog ich erst einmal nach São Paulo, wo ich eine Nacht am Flughafen verbrachte. Die erste und einzige Nacht in meinem Leben in einem Terminal. Das schwor ich mir danach. Es war bitterkalt und ich fand keine Sekunde meinen Schlaf. Viel zu groß war meine Angst, dass ich den Anschlussflug verpasse oder jemand mein Gepäck stiehlt. Schließlich hatte ich schon so viele negative Sachen über Brasilien und die dortige Kriminalität gehört – besonders von Brasilianern selbst. Es scheint, als ob sie, wenn es um ihr eigenes Land geht, gern übertreiben – auch bei schlechten Dingen. Nun saß ich da, wach, allein und umgeben von zig schlafenden Menschen, eingemummelt in ihre Schlafsäcke, die Taschen umklammernd. In mir stieg ein Gefühl des Neids hoch. Und auch der Langeweile. Mein Buch hatte ich bereits ausgelesen und Hunger hatte ich auch keinen. Also machte ich mich auf eine Nacht des sinnlosen Wände- und Menschenanstarrens gefasst. Doch dann kam meine Rettung – oder auch nicht. Ein netter junger Inder – seine Nationalität war unverkennbar – setzte sich direkt neben mich und zwang mir ein Gespräch auf. Anfänglich sehr nett, dachte ich. Aber nach kurzer Zeit fragte er nach meiner Telefonnummer. Natürlich nur, falls er sich in Brasilien nicht zurecht findet. Irgendwie schaffte ich es, ihn loszuwerden und ich war so froh, wieder mit mir allein zu sein.

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Bootsanlegestelle am Rio Paraguay

Nach sechs ewig langen Stunden begab ich mich zum Check-In, um endlich nach Campo Grande zu fliegen. Ein dreistündiger Flug, auf dem ich immer wieder in Sekundenschlaf verfiel. Mein Körper war so geschafft von den letzten Stunden. Und ich war so froh, als wir endlich landeten. Eine Busreise dorthin hätte sogar noch länger gedauert, 18 Stunden oder mehr. Als ich nun wieder festen Boden unter den Füßen hatte, schnappte ich sofort mein Gepäck und verließ das Terminal. Brütend heiße Luft strömte mir entgegen. Ich schaute nach links. Da war kaum eine Menschenseele zu sehen. Ich schaute nach rechts. Dort waren zwei, drei Häuser. Sonst nichts. So etwas war ich nicht gewöhnt. Denn an jedem brasilianischen Flughafen, an dem ich bislang war, herrschte totales Chaos – nur hier nicht.

Ich nahm das erste Taxi und fuhr direkt in das Stadtzentrum, oder wie auch immer man dieses Gebiet nennen konnte. Campo Grande ist die Hauptstadt des Bundesstaates Mato Grosso do Sul, einem der größten und weniger bewohnten Staaten Brasiliens. Und das konnte man auch spüren. Denn die Hauptstadt hat eher einen Kleinstadt-Charakter. Es gibt ein oder zwei Hauptverkehrsstraßen, viele Nebenstraßen und zur Mittagszeit sind die meisten Läden sogar geschlossen. Ob der extremen Hitze oder kultureller Ursachen geschuldet – Das kann ich mir bis heute nicht beantworten. Eines weiß ich aber: Diese Stadt hat mich anfänglich so schockiert und zugleich war sie der Ausgangspunkt einer meiner faszinierendsten Reisen in Brasilien.

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