Das Sumpfland Pantanal: Der Weg in das Hinterland

In einem kleinen Hotel im Zentrum von Campo Grande entledigte ich mich meinen verschwitzten Klamotten. Ich hatte nur eine halbe Stunde Zeit, bis ich endlich zu meiner Lodge am Rio Paraguay fahren sollte.

Eine Katzenwäsche musste also genügen. Ich war nun schon mehr als 20 Stunden auf den Beinen – mit kurzen Sekundenschlafphasen im Flieger. Und irgendwie fühlte ich mich nicht müde. Mein Körper kannte keine Ruhe. Ich war viel zu aufgeregt, was mich dort im brasilianischen Hinterland erwarten würde. Noch nie war ich so tief drin im südamerikanischen Inland gewesen – weit weg vom Ozean, weit weg von den boomenden Großstädten und weit weg von der Zivilisation. Es kam mir so surreal vor, als ich auf den kleinen Jeep stieg, der mich und zwei andere Touristen – ein deutsches Ehepaar – ins Pantanal chauffierte. Eine, vielleicht sogar zwei Stunden dauerte die Fahrt. Irgendwie erinnere mich nicht mehr daran. Denn in Campo Grande hatte ich nicht nur mein Komfortgefühl aufgegeben, sondern auch jegliches Zeitgefühl verloren.

Panatanl-Capybara
Ein Capybara sitzt am Wasserloch

Wir fuhren aus Campo Grande heraus und schon bald waren wir im tiefsten Hinterland angelangt. Üppige Mangrovenbüsche und trockene Dornsträucher säumten unseren Weg. Die Straße war ein kleiner Schotterweg, der über mehrere Brücken führte, eine instabiler als die andere. Es war gerade Trockenzeit. Die Seen waren zu kleinen Wasserlöchern zusammengeschrumpft, in denen sich zig Krokodile tummelten, auf das nächste Festmahl wartend. Sie bildeten eine perfekte Symbiose mit den Wasservögeln und Capybaras, den brasilianischen Wasserschweinen – die auf ihrer Speisekarte weit oben stehen. Doch die Trockenzeit macht träge und die Capybaras wissen das. Und sie nutzen ihre Chance, um sich an den Flüssen und Tümpeln zu laben.

Pantanal_Krokodil
Ein Krokodil im Rio Paraguay

Auf unserer Fahrt hielten wir an einigen Wasserlöchern an und verließen unsere sicher gewonnene Schutzzone, den Jeep. Es war ein Nervenkitzel der besonderen Art. Krokodile kannte ich bis dato nur aus dem Zoo – oder aus einigen Dokumentationen. In Natura und ohne sichere Glaswand dazwischen, so war ich ihnen vorher noch nie begegnet. Bewaffnet mit meiner Kamera und meinem Makroobjektiv traute ich mich bis auf zwei Meter an diese Urzeit-Reptilien heran. Jede ihrer Zuckungen beobachtete ich mit Argusaugen, in der Angst doch ein Opfer ihrer messerscharfen Zähne und ihres zermalmenden Kiefers zu werden. Todesmutig ging unser Fahrer sogar ans Ufer des Wasserloches, uns andeutend, dass keinerlei Gefahr bestehe. Der Spaß hatte aber plötzlich ein jähes Ende, als ein Krokodil sich blitzschnell umdrehte und uns verfolgte. Mit einem gekonnten Sprung sprangen wir auf unseren Jeep auf und setzen unsere Fahrt fort – mit rasendem Puls und Angstschweiß auf der Stirn stehend.

Die restliche Fahrt war nicht ganz so gefährlich, aber auch nicht minder ereignisreich: Denn morsche Holzbrücken, eine unbefestigte Straße mit riesigen Schlaglöchern – ein Relikt aus der Regenzeit und immer dichter werdendes Dickicht erschwerten uns zunehmend das Weiterkommen. Doch trotz der Widrigkeiten erreichten wir nach einer gefühlten Ewigkeit den Rio Paraguay, unsere Endhaltestelle. Für mich sollte die Reise hier aber noch nicht zu Ende sein. Denn unsere Lodge befand sich noch mehrere Kilometer flussaufwärts.

Überfahrt Pantanal
Überfahrt über den Rio Paraguay zur Lodge

Ein kräftiger Gaúcho schnappte sich sofort unser Gepäck und verlud es auf ein kleines Holzboot. Das Einsteigen fiel mir schwer. Die Flussströmung des Rio Paraguay war an jenem Tag extrem und das Boot wippte im Takt mit den Wellen mit. Der Bootsführer schnappte sich meine Hand und zog mich letztlich in das schwankende Boot hinein. Und schon konnte die Überfahrt losgehen. Wir fuhren an mehreren Lodges und Werften vorbei, begegneten Piranhas, Aras und Riesenlibellen – und sogar einem einheimischen Angler mit seinem Freund und dessen Tochter. Piranhas sind nämlich eine der Leibspeisen der ansässigen Gaúchos und Ureinwohner, ebenso wie das selbst gezüchtete Rind und die Capybaras.

Angler im Pantanal
Einheimische Angler am Rio Paraguay

Nach einer halben Stunde hatten wir endlich das rettende Ufer erreicht. Mit einem beherzten Sprung verließ ich das Boot – und war endlich an meinem Ziel angekommen. Nach knapp 24 Stunden Flug-, Auto- und Bootsreise. Der Gang aufs Lodge-Zimmer fühlte sich wie eine Erlösung an. Doch schon am Eingang begrüßte mich eine Kakerlakengruppe mit ihren Sambakünsten. Ich ging geschafft an ihnen vorbei und sofort auf mein Zimmer. Eine Dusche war dringend nötig. Nachdem ich mein Gepäck abgestellt und mich meiner Kleidung entledigt hatte, freute ich mich auf das kühle Nass. Und wie nicht anders zu erwarten, war es eiskalt. Ein wahrer Schock für mich – und der Beginn einer mehr oder minder unkomfortablen Abenteuerepisode.

 

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s