Das Sumpfland Pantanal: Ein Reisebericht – Teil I

Mein erster Abend im Pantanal endete so spannungsreich, wie er angefangen hatte. Nach einem eher dürftigen Abendessen mit trockenem Brot und überreifen Obst war ein richtiges Highlight dringend nötig.

Jagdwerkzeug
Das Jagdwerkzeug des Gauchos bei der Krokodil-Tour

Und das bekam ich auch! Kurz nach acht Uhr abends trafen wir uns am Rio Paraguay. Präpariert mit literweise Anti-Mücken-Creme und festem Schuhwerk stieg ich in den wackeligen Holzkahn. Zusammen mit meiner Spiegelreflexkamera. Die Nacht hatte das Sumpfland bereits in einen dunklen Schleier gehüllt. Es war eine faszinierende und zugleich gruselige Atmosphäre. Denn viele Tiere sind nachtaktiv. Und schrecken nicht davor zurück, Menschen anzugreifen, falls sie Gefahr wittern. Die Geräuschkulisse wurde zunehmend lauter. Zum langsam verstummenden Vogelgesang gesellten sich die leisen Flughundschreie und das bedrohliche Summen der Libellen.

PantanaL_Flughunde in der Lodge
Fulghunde in der Lodge am Rio Paraguay

Wir – ich und sieben weitere Touristen – schipperten langsam über den Fluss. Weit und breit war nichts zu sehen. Nach einer endlos langen Zeit hielten wir plötzlich an, direkt an einer Uferböschung. Der Reiseführer leuchtete mit seiner Taschenlampe in das Schilf. Und siehe da. Ein schwarzer Stein öffnete allmählich seine Augenlider. Es war einer der riesigen Kaimane. Mir fuhr es eiskalt den Rücken herunter. Der Kaiman war größer als unser gesamtes Boot. Ich malte mir die schlimmsten Szenarien aus. Was wäre, wenn er nur auf die passende Gelegenheit wartet und dann urplötzlich unser Boot angreift?  Doch zum Glück passierte nichts. Ich habe bislang auch nie etwas von einem Angriff auf eine Reisegruppe gehört – oder es wird verschleiert, um den Tourismus nicht zu gefährden. Weitere eineinhalb Stunden schipperten wir die Uferböschungen entlang, auf der Suche nach den schuppigen Flussmonstern. Ich hielt ihre stille Macht auf meinen Bilder fest – und irgendwie schienen sie immer größer zu werden.

Pantanal_totes Krokodil
Kresilauf des Lebens – Fische verspeisen einen toten Kaiman

Als wir wieder festen Boden unter den Füßen hatten, war ich erleichtert. Doch ich drehte mich nochmals zum Rio Paraguay um. Mich selbst versichernd, ob mich nicht doch einer der Kaimane verfolgt hatte. Die Dunkelheit hatte meine Paranoia geweckt – und ich gab ihr nach. Doch alles schien ruhig, ungefährlich. Und so schlenderte ich leichten Gewissens zur Lodge zurück. Direkt auf mein Zimmer. Das war genug Nervenkitzel für einen Tag gewesen. Ich fiel todmüde ins Bett und freute mich, endlich – nach 48 Stunden – wieder auf einer Matratze schlafen zu können. Am nächsten Morgen – nach einer viel zu kurzen Nacht – wurde ich unsanft von Vogelgeschrei geweckt. Und auch eine riesige Kakerlake begrüßte mich am Bettende. Wehrlos strampelte sie auf ihrem Rücken liegend mit ihren dürren Beinchen. Nur darauf wartend, dass ich sie aus ihrem Leben reiße oder aus meinem Zimmer verbanne. Ich entschied mich für letzteres. Schließlich – so erzählten mir die einheimischen Gaúchos – fressen sie die Mosquitos. Und im Pantanal gibt es nicht wenige von diesen blutsaugenden Insekten.

Fliegender Vogel_Pantanal
Ein Schnappschuss bei der Vogeltour

Nach einer eiskalten Dusche freute ich mich auf das Frühstück – und ich wurde wieder bitter enttäuscht. Das Brot war viel zu hart, der Kaffee schmeckte nicht und das Geschirr war auch nicht wirklich hundertprozentig sauber. Doch in einem Land wie Brasilien sollte man bei solchen Sachen nicht pingelig sein. Denn Gastfreundschaft ist hier wichtiger, als ein erstklassiges Büffet und Sauberkeit. Und ich durfte auch nicht vergessen, dass ich mich hunderte Kilometer entfernt von der nächsten Stadt, von Campo Grande, befand. Wie ich im Laufe meines fünftägigen Aufenthalts erfuhr, werden nur einmal wöchentlich Lebensmittel in die Lodge gebracht. Immer dann, wenn neue Touristen aus der Stadt zum Rio Paraguay kommen. Das Brot und der Kuchen werden aber selbst gebacken. Alle paar Tage auf Vorrat. Schließlich sind die Angestellten nicht nur in der Küche beschäftigt, sondern sie kümmern sich auch um die Zimmer und die Organisation der Trips. Ein 24-Stunden-Job, den die meisten von ihnen saisonal mitmachen, um dann mit vollen Taschen zu ihren Familien zurück zu kehren. Volle Taschen im brasilianischen Sinne, versteht sich.

Pantanal_Jabiru
Ein Jabiru – Das Symbol des Pantanals

Am frühen Nachmittag beschloss ich, eine weitere Bootstour mitzumachen. Doch dieses Mal bei Tageslicht. Bei senkender Hitze und 28°C bewaffnete ich mich mit meiner stärksten Sonnencreme: LSF 50, australischer Standard. Eine gute Wahl, wie sich später herausstellte. Denn viele andere Touristen unterschätzten die Frühjahrsonne im Pantanal. Und kehren mit einem rosa-roten Teint in die Heimat zurück. Auf unserer dreistündigen Rundfahrt beobachteten wir die Flora und Fauna am Rio Paraguay. Viele einheimische Vögel, wie der Eisvogel, der Hyazinth-Ara und der Jabiru, das Symbol des Pantanals, verirrten sich vor meine Linse. Ich sah Capybaras, die sich im Schlamm suhlten und Riesenotter, die sich eilig im Schilf versteckten. Unser Motorboot war ihnen wohl viel zu laut. Unsere altbekannten Freunde, die Kaimane, störte das aber nicht. Sie trieben wie immer fast regungslos in der Strömung. Bei Tageslicht aber wirkten sie fast friedfertig und gar nicht mehr so monströs wie am Abend zuvor. Irgendwie – so hatte es den Anschein – freundete ich mich langsam mit ihnen an. Im Wasser entdeckte ich auch einige Fisch-Schwärme, darunter den Pacú, den Dourado und den Piranha. Am nächsten Tag sollte ich mich auf die Jagd nach ihnen machen. Denn mein Reiseleiter hatte mir das Piranha-Fischen wärmsten empfohlen. Ich hatte vorher noch nie geangelt – und plötzlich sollte ich es tun, mehr als 10.000 Kilometer entfernt von Zuhause.

Indio beim Angeln
Unser Indio beim Piranha-Angeln

Also begab ich mich am dritten Tag meiner Pantanal-Reise nochmals auf einen der schwimmenden Holzstämme. Ein einheimischer Indio führte uns vor, wie man den Räuber unter den Fischen fängt. Anfänglich köderten wir sie mit Rinderfleisch, dass wir am Angelhaken befestigen. Später, als wir die ersten gefangen hatten, nahmen wir Piranha-Fleisch zum Angeln. Piranhas sind kannibalisch veranlagt. Ihnen ist es völlig egal, welches Fleisch sie fressen. Hauptsache sie bekommen etwas in den Magen. Ich erwies mich als wahres Naturtalent und holte einen Piranha nach dem anderen aus dem Rio Paraguay. Entweder hatte ich wahnsinniges Glück an dem Tag oder ein gutes Gespür dafür, wo die Piranha-Schwärme anbeißen. Mein Fangerfolg lag am Ende des Tages bei etwa 15 Stück. Damit knackte ich sogar den wöchentlichen Touristenrekord. Natürlich sollten die Piranhas nicht umsonst gestorben sein. Wir grillten und verspeisten sie zum Abendessen. Es ist schwer zu beschreiben, wie dieser Fisch schmeckt. Denn es ist kein typischer Fischgeschmack. Vielmehr erinnert der Piranha an das Fleisch eines Hais.

Pantanal_Indio mit Piranhas
Der Indio mit den geangelten Piranhas

Beim Dinner freundete ich mich mit einer Multi-Kulti-Reisegruppe von jungen Studenten an. Einer war aus den Niederlanden, ein anderer aus der Schweiz, eine junge Frau stammte aus Italien und das Pärchen aus Spanien. Sie reisten gemeinsam durch Brasilien und hatten sich auf einem Reiseforum kennen gelernt. Eine verrückte Idee mit Unbekannten durch ein fremdes Land zu reisen, dachte ich mir. Doch was machte ich mir eigentlich vor. Ich reiste ja komplett allein. Was davon gefährlicher ist, mag ich nicht einzuschätzen.

4 Comments Add yours

  1. Super interessanter Reisebericht mit sehr schönen Fotografien!

    1. A vida louca says:

      Vielen lieben Dank für Dein Feedback. Der zweite Teil folgt noch 😊

  2. Hello Portuguese Crazy life. Love the featured photo. In my next life, I want hair like that bird’s.

    1. A vida louca says:

      It is Mohawk style for advanced people 🙂

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