Das Sumpfland Pantanal: Ein Reisebericht – Teil II

Am selben Abend lernte ich auch die Mitarbeiter der Lodge besser kennen. Sie baten uns in die Küche und boten Bier und frisch gebackenes Brot an.

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Piranha-Grillen über dem Lagerfeuer

Wir unterhielten uns auf Englisch und Portugiesisch über meine Brasilien-Rundreise und unser Alltagsleben. Ich erfuhr, dass einer der Reiseführer eine Tochter hat, die er fast nie sieht, da er mehr als die Hälfte des Jahres im Pantanal arbeitet. Ein anderer war mit 18 Jahren zum ersten Mal verheiratet, mit einer 35-Jährigen. Und einige der Mitarbeiter besuchten niemals eine Schule. Eine Frau erzählte mir sogar, dass sie sich für ihre vierjährige Tochter ein besseres Leben wünscht, als sie jemals hatte. Deshalb arbeitet sie fast rund um die Uhr hier, weit weg von der Heimat.

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Ein Reiseführer mit einem ausländischen Touristen

Gesättigt und sehr nachdenklich verließ ich den Speisesaal und ging in mein Zimmer. Die Kakerlaken tanzten mal wieder Samba auf der Terrasse. Der Anblick erregte mich schon gar nicht mehr. Ich wollte nur duschen und ins Bett. Ein großer Fehler. Denn am nächsten Morgen wachte ich übersäht mit roten Flecken am ganzen Körper auf. Wie sich später herausstellte, hatte es sich eine Bettwanzen-Familie in meiner Matratze gemütlich gemacht und mich nächtlich massakriert. In meinem Schlafrausch merkte ich das aber nicht. Egal, dachte ich. The show must go on. Und so trat ich meinen vierten Tag in der Lodge an. Dieses Mal erwarteten mich gleich zwei spannende Trips: Ich machte eine Urwald-Wanderung und eine Reittour mit.

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Der prächtige Piuva-Baum – ein wahrer Schattenspender

Mit dem Jeep ging es tiefer in die ausgedörrten Sumpfgebiete hinein. Die Trockenzeit hatte überall ihre Spuren hinterlassen. An einer Pferderanch wurden wir abgesetzt – und gingen von dort aus zu Fuß weiter. Etwa eine halbe Stunde durchquerten wir die Dornstrauch-Savanne, bis wir endlich Unterschlupf in einem der tropischen Wälder fanden. Der Piuva-Baum bot uns Schutz vor dem erbarmungslosen Sonnenlicht. Auch viele Tierarten, wie der Hyazinth-Ara und die Guariba-Affen, schätzen das schattige Plätzchen. Sie präsentierten sich uns mehr oder weniger unfreiwillig vor der Kamera und wurden zu unseren neuesten Fotomodellen. Zu meinem Schock verweilten im Urwald auch Kaimane. Diese legen für gewöhnlich ihre Eier in die morastigen Böden. Auf unserer Tour begegneten wir auch einem eher seltenen Gast, dem Tukan. Sein farbenfrohes Gefieder strahlte uns schon von Weitem an.

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Hyazinth-Aras bevölkern die tropischen Wälder des Pantanals

Eineinhalb Stunden liefen wir suchend durch das Hinterland Brasiliens, den Blick auf jedes Tier fokussiert, das uns über den Weg lief. Doch dann erst kam das eigentliche Highlight. Ein kleiner Fluss durchkreuzte unseren Weg und wir mussten auf die andere Seite. Natürlich hatten wir weder ein Floß noch ein Boot zur Verfügung. Also krempelten wir unsere Hosen hoch, zogen die Schuhe aus und hielten die Taschen über die Köpfe. Das Wasser ging mir bis zur Hüfte. Der Boden des Flusses war von Schlick und Algen übersäht. Zur Dämmerungszeit, so erklärte unser Reiseführer, befinden sich Anakondas in diesen Gewässern. Begegnet bin ich zwar keiner, aber die Indios erzählen sich, dass auch schon kleine Kinder von diesen Riesenschlangen gefressen wurden. Kein Wunder bei einer Länge von bis zu neun Metern.

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Sattel auf der Pferderanch

Vom Urwald aus fuhren wir zu einer abgelegenen Ranch – mit Hängematte und typisch brasilianischem Mittagessen. Nach einer einstündigen Siesta ging unsere Tour weiter. Besser gesagt: meine Tour. Denn ich fuhr allein mit dem Reiseführer zur Pferdefarm. Die anderen Touristen waren bereits zu Pferd unterwegs gewesen. Und hier, auf der Farm, lernte ich – wie so oft in Brasilien – dass man viel Geduld mitbringen sollte. Die Gaúchos machten eine halbe  Ewigkeit keine Anstalten, die Pferde zu satteln. Sie unterhielten sich lieber, rauchten noch eine weitere Zigarette oder öffneten das nächste Bier am kleinen Farmkiosk. Irgendwann rief mich der Reiseführer zu sich – und endlich konnte es losgehen. Wir stiegen auf unsere Pferde und schon konnte es losgehen. Die Pferde im Pantanal werden “Cavalo Pantaneiro” (Pantanal-Pferd) genannt, da es sich um eine weltweit einzigartige Rasse handelt. Ursprünglich leben sie größeren Herden in der Dornstrauch-Savanne. Einige Gaúchos haben aber schon vor hunderten von Jahren angefangen, sie zu domestizieren und zu züchten. Um die heimischen Tiere von den Wildpferden zu unterscheiden, werden ihnen ihre wallenden Mähne zu einem Irokesen gestutzt.

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Ein Wildpferd mit langer Mähne

Wir ritten tiefer und tiefer in das Pantanal hinein, noch weiter weg von jeglicher Zivilisation – und immer näher zur bolivianischen Grenze. Auf unserer Reittour begegneten wir den Sumpfhirschen, den Pekaris (Nabelschweinen) und den Capybaras. Auch eine Herde von Cavalos Pantaneiros kreuzte unseren Weg. Einen Jaguar oder einen Ozelot sahen wir leider nicht. Die Raubkatzen sind so selten in der Gegend geworden, dass selbst bei speziell angebotenen Touren nur wenige von ihnen gesichtet werden. Der Reiseführer und ich durchritten auch die nassen Sumpfgebiete, jene Orte, wo die Anakondas nächtlich auf Jagd gehen. Doch alles war ruhig. Nach einer viel zu kurzen Zeit kehrten wir zur Pferderanch zurück. Das Pantanal hatte mich nun vollends in seinen Bann gezogen. Und ich gewöhnte mich langsam an das Leben im Einklang mit der Natur.

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Jaguar-Abdrücke im Sand

Bei unserer Heimkehr zur Lodge machten wir eine wahnsinnige Entdeckung: eine Jaguar-Fährte. Die Tatzen waren unverkennbar im staubigen Sandboden abgebildet. Wir erfuhren sogar, dass just an jenem Tag eine Tourgruppe einen Jaguar gesichtet hatte. Eine wahre Seltenheit. Als wir wieder an der Lodge ankamen, war mein Herz mit Sehnsucht erfüllt. Denn ich wusste: Morgen wird das Abenteuer Pantanal vorbei sein und ich werde zurück in die Zivilisation kehren. Also legte ich mich in mein Bettwanzen verseuchtes Bett und versuchte etwas Schlaf zu finden. Am nächsten Morgen wachte ich schon zeitig auf – und präparierte mich mental auf meine Rückkehr. Denn nach dem Frühstück sollte es auch schon losgehen.

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