Weihnachten im indischen Waisenhaus

Es war am ersten Weihnachtsfeiertag 2013, als uns ein Meer von dunklen Augen hoffnungsvoll anfunkelte. Sie wussten nicht, wie ihnen geschah.

Denn für die Waisenkinder war es wahrscheinlich das erste Weihnachtsfest in ihrem Leben. In einem Land wie Indien gibt es tausende dieser kleinen, verlorenen Seelen, die ohne ihre Eltern auf der Straße leben, oder im besten Fall in einem Waisenhaus unterkommen. Kühe sind hier in manchen Familien heiliger als die eigenen Kinder – und man merkt das, besonders wenn es sich um die weiblichen Nachkommen handelt. Einige von ihnen werden schon im Mutterleib getötet – ein illegales Unterfangen -, andere verstoßen oder sogar ausgesetzt. Im Waisenhaus begegneten uns aber nicht nur Mädchen, sondern auch vor allem elternlose Jungen. Die Gründe, warum sie hier leben, wurden uns nicht erläutert. Doch ihre kleinen Gesichter waren wie Spiegelbilder ihres noch jungen, harten Lebens.

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Die Waisenkinder auf dem Holzboden sitzen

Langsam betraten wir das kleine Lehmhaus, irgendwo am Rande von Hyderabad, unweit von den Slumgebieten. Der Putz bröckelte bereits von den Wänden ab und auch die Wandfarbe stimmte in den Abrisstenor ein. Drei Räume, nicht mehr, das nannten die etwa zwanzig Kinder ihren Spiel- und Lernbereich. Vielleicht 30 Quadratmeter. Die Schlafsäle waren über einen separaten Eingang erreichbar – und wahrscheinlich auch nicht größer als das restliche Haus. Das Spielzimmer war komplett überfüllt mit Kindern. Hübsch zurechtgemacht saßen sie auf dem kalten, schmutzigen Holzfußboden. Ein kleines Mädchen erweckte besonders unsere Aufmerksamkeit. Sie war mit etwa einem Jahr das jüngste der Waisenkinder – und auch noch sehr schüchtern dazu. Ich erinnere mich bis heute an diese fast schwarzen, sensiblen Kulleraugen und ihr dauertriefendes Näschen. So wehrlos und schutzlos schmiegte sie sich in unsere Arme. Sie war mehr wie eine Puppe, als ein kleines Kind. Sie redete nicht, sie bewegte sich kaum, sie atmete ganz sanft. Man konnte nur erahnen, was sie bereits in ihrem kurzen Leben durchgemacht hatte. Ich möchte sie an dieser Stelle “Anshana” taufen, was auf Hindi so viel bedeutet wie “die tapfere Kriegerin”.

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Dinesh mit “unserer” Anshana

Dinesh, ein Inder, der uns für die Weihnachtsüberraschung im Waisenhaus begeistert hatte, ergriff das Wort. Er erzählte den Kindern, dass der Weihnachtsmann bereits vor der Tür warte – und er habe für jeden ein Geschenk mitgebracht. Ihre neugierigen Gesichter verwandelten sich sofort in ein breites Lächeln. Geschenke – etwas, das sie wohl sonst nie bekommen. Überhaupt ist in der indischen Kultur das Schenken zu Weihnachten unüblich. Denn für Hindus hat dieses Fest keine Bedeutung. Es ist nur ein weiterer freier Tag im Kalender zwischen all ihren heiligen Festen, zwischen dem Lichterfest Diwali und dem Frühlingsfest Holi. Doch um die Toleranz zu wahren – und die zwei Prozent Christen im Lande milde zu stimmen –  ist der 25. Dezember offiziell Weihnachtsfeiertag.

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Kuchen für die Waisenkinder – von “unserer” Weihnachtsfrau

Kurz darauf betrat “unser” Weihnachtsmann das Waisenhaus, und platzierte sich direkt vor den Waisenkindern. Die Ehrfurcht war sofort spürbar – und das Kindergemurmel verwandelte sich in tiefes Stillschweigen. Ein Kind nach dem anderen wurde nach vorne gerufen. Der Weihnachtsmann griff in seinen Jutebeutel und schnappte sich ein kleines Geschenk für jeden von ihnen. Vorab hatten wir alle ein paar Rupien gespendet, um jedem Kind einen kleinen Traum zu verwirklichen. Die Betreuerinnen des Waisenhauses hatten uns bei der Geschenkauswahl tatkräftig unterstützt – und uns die Kinderwünsche verraten. Autos, Puppen, Süßigkeiten und auch Kleidungsstücke verbargen sich hinter dem bunten Geschenkpapier. Ungeduldig rissen die Waisenkinder ihre Geschenke auf und fingen sofort an, damit zu spielen. Wir hatten unser Ziel erreicht: Die Kinder waren glücklich – und auch wir waren es. Denn es zeigte uns die wahre Bedeutung des Weichnachtsfestes: Nächstenliebe. Und dafür musste ich 8.000 Kilometer weit reisen, um dieses Gefühl in seiner pursten Form zu erleben. Irgendwo in Indien, umgeben von beinahe vergessenen Seelen, die an diesem 30°C warmen Tag nicht glücklicher hätten sein können.

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