Was wäre wenn … – Die Angst vor der Rückkehr

In ein anderes Land zu reisen, ist für viele Menschen ein ganz besonderes Highlight. Ihren Jahresurlaub aufzubrauchen, dem Alltag zu entfliehen und endlich mal eine Woche – oder auch mehr – abzuschalten.

Doch was ist, wenn dieser Urlaub dein ganzes Leben durcheinanderbringt? Was ist, wenn er den Beginn der Zukunft markiert und du plötzlich nicht mehr heim möchtest?

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Zuhause an einem grauen Wintertag

Ich erlebte viele solcher Momente. Man lernt, ein neues Land zu lieben; und das Zuhause scheint auf einmal so langweilig, so unspektakulär zu sein. Vor allem dann, wenn man Wochen, Monate, gar Jahre woanders lebt. Und dann kehrt man zurück und der Schock ist riesengroß. Ich, in der Provinz irgendwo in Mitteldeutschland aufgewachsen, hatte das Gefühl, dass sich hier nichts, rein gar nichts verändert hatte, in der Zwischenzeit, als ich die Welt bereiste. Alles war beim Alten geblieben, außer ich. Ich war plötzlich eine völlig neue Person, eine Fremde in meiner Kindheitswiege. Es war, als hätte ich in Indien meine Kinderschuhe abgelegt. Und dafür waren mir Flügel gewachsen. Jene Flügel, die mich auch nach Südamerika begleiteten und mir auf meinen Heimwegen immer wieder verloren gehen. Denn irgendwie – und ich kann nicht beschreiben warum – fühlt sich noch heute jede Rückkehr nach Hause wie ein Schritt in die Vergangenheit an. Ich hänge meinen Rucksack voller Erfahrungen in den staubigen Wandschrank und tausche ihn gegen das Dorfgetratsche, die familiäre Vertrautheit und das “Einfach-wieder-Mädchen-sein-Gefühl”. Was für Andere wahnsinnig verlockend klingt, ist für mich eine Beschneidung meiner Träume. Ich fühle mich wie ein Papagei, der im brasilianischen Regelwald lebte und dann – zur Belustigung einer europäischen Familie – in einen Käfig gesperrt wurde. Man soll mich nicht falsch verstehen: Ich bin gern Zuhause, aber nur der Menschen wegen. Doch ich habe zu viel gesehen, zu viel erlebt, um mich hier angekommen zu fühlen. Es ist zu grau, zu trist, zu leise – und ich bin noch viel zu jung, um solch einen Ort mein Endziel zu nennen. Denn ein Mensch ist nicht dazu gemacht, sein ganzes Leben lang an einem Ort zu leben.

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Ein Schwan in der Isar

Es ist, als wandele ich wie ein Träumer durch die weite Welt auf der Suche nach meiner neuen Heimat. Doch bislang war meine Suche erfolglos. Denn eines fehlt mir, mich endgültig von meiner Kindheit und meinen Erinnerungen zu lösen: der Mut. Die Angst vor einem Neubeginn ist groß, da so viele Dinge schiefgehen können. Neubeginn bedeutet schließlich Organisation – und bin ich als kreativer Kopf überhaupt gut darin? Die Angst steigt mit der unüberschaubaren Masse an Dokumenten, die ich brauche. Wie ein Ehepaar, das sich aufgrund unüberbrückbarer Differenzen trennt, trenne ich mich von meinem Traum wegen der unüberwindbaren Bürokratie. Natürlich braucht man alle Dokumente übersetzt in die Landessprache, mit zig Stempeln beglaubigt, vom Konsulat überbeglaubigt und fristgerecht eingereicht. Man muss ein regelmäßiges Einkommen nachweisen – oder ein Vermögen. Leider wurde ich damit nicht gesegnet, und meine Vorfahren erst recht nicht. Als typisches Arbeiterkind weiß man, wie man jeden Cent zweimal umdreht und effektiv spart. Auch meine vielen Reisen habe ich mir durch Aushilfsjobs neben dem Studium finanziert. Es war nicht immer leicht. Wo andere Freizeit hatten, auf Ersti-Partys gehen konnte, saß ich an der Kasse oder hinter dem Bildschirm und verdiente mir mein eigenes Geld. Denn auch das BaföG-Amt hatte nichts für mich übrig. Und nun – nach all den Jahren des Studiums, der Arbeit und des Weltenbummelns – packt mich plötzlich die Angst.

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Werbung in der Münchner Innenstadt

Das Auswandern scheint auf einmal so real zu sein, direkt vor meiner Tür zu stehen. Aber bin ich schon bereit für diesen Neuanfang? Ich höre die Stimmen in meinem Kopf fragen: Wie willst du das alles finanzieren? Wirst du jemals unabhängig und sorgenfrei leben können? Mutest du dir nicht zu viel zu? Was ist, wenn dir im Ausland etwas passiert? Wenn du Opfer eines Überfalls oder gar eines Mordes wirst? Und die Stimmen werden zu Menschen – und nehmen die Form meiner Familie und Freunde an. Sie freuen sich für mich, stehen mir bei, aber sie haben Angst – genauso wie ich. Ich weiß, dass ich immer wieder zurückkehren kann, falls irgendetwas schief laufen sollte. Doch es wäre eine erneute Niederlage für mich.

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Auf dem Feld hinter meine Geburtshaus

Und so träume ich weiter und versuche meinen leisen Dämon, die Angst, stückweise loszuwerden, indem ich plane, indem ich spare und indem ich langsam über mich hinauswachse. Den Staub habe ich bereits abgeschüttelt und meine Kinderschuhe eingemottet. Denn es ist Zeit, erwachsen zu werden und aus meinen Winterschlaf aufzuwachen. Brasilien wartet schon auf mich. Dieses Mal gibt es kein Zurück mehr. Und so laufe ich leisen Schrittes angespannt meiner Zukunft entgegen. Mit meinen Flügeln im Gepäck.

11 Comments Add yours

  1. Gefangen in der eigenen Angst. Paralysiert wie das Kaninchen auf die Schlange schaut man auf seine Träume. Nur wir selbst können uns daraus lösen. Du hast schon so viel erreicht, Dir so viel erarbeitet/ermöglicht, so viele Hindernisse aus dem Weg geräumt. Könnte Dir das nicht die Überzeugung geben, auch das vor Dir Liegende zu meistern? Wenn Du es wirklich willst, aus tiefstem Herzen, ohne Wenn und Aber, dann wirst Du es erfolgreich tun.
    Und was schon, wenn die anderen auf Feten sind? Stört Dich das in Deinen “Kreisen”? Sie haben andere Wünsche, andere Ziele.
    Ich wünsche Dir viel, viel Erfolg und dass Dich der Mut niemals für lange verlässt.
    Liebe Grüße
    Belana Hermine

    1. A vida louca says:

      Danke für Deine lieben Worte, Belana Hermine. Ich glaube, dass es wohl weniger der Gedanke ist, dass Gleichaltrige auf Feten sind oder Anderes tun. Vielmehr ist das Scheitern ein kleiner oder großer Begleiter der letzten Monate gewesen; und ich möchte diesen Neuanfang so sehr, dass ein Scheitern gefühlt tragisch wäre.
      Beste Grüße,
      Maria

      1. Aber was bedeutet “Scheitern”? Das definierst doch ganz allein Du. Und selbst wenn sich herausstellt, dass Brasilien nicht Dein Land ist, dann ist das kein Scheitern, sondern hat Dir eine Erkenntnis gebracht.
        Wenn Du magst, könntest Du ja mal versuchen aufzuschreiben, was Du als Scheitern empfinden würdest. Dann kannst Du überlegen, wie wahrscheinlich das ist, welche Vorbeugemaßnahmen es gäbe und welche wirklich negativen Konsquenzen das hätte. Aber man kann auch überlegen, was es an positiven Konsequenzen hätte.
        Nicht zu viel sorgen – machen!!! Du schaffst es, Dir Dein Leben so einzurichten, wie Du es möchtest.
        Liebe Grüße
        Belana Hermine

      2. A vida louca says:

        Deine Worte sind wie Seelenbalsam für mich. Ich habe mir natürlich viele Gedanken gemacht, wo ich hinmöchte udn wie man “Scheitern” definiert. Ich weiß auch, dass das Hinfallen und das Aufstehen ein Bestandteil des Lebens sind, aber ich würde mich freuen, wenn es zukünftig weniger Stolperer gebe. LG, Maria

  2. Gabi says:

    Wunderbare Worte! Mitten ins Herz!
    Ich wünsche dir ganz viel Kraft unter deinen ♥Flügeln!
    Liebe Grüße, Gabi

    1. A vida louca says:

      Vielen lieben Dank, Gabi. Die Krafte brauche ich sehr. Schön, dass es Dich und andere Menschen erreicht hat.
      Ganz liebe Grüße, Maria

  3. kinder unlimited says:

    ich glaube, wenn Du den richtigen Ort gefunden hast, wirst Du auch den Schritt wagen. Es muss nur alles in seinen Platz fallen. Ich kenne Dein Gefühl!

    1. A vida louca says:

      Danke für Deine lieben Worte. Es gibt wohl viele, die ständig umhergeistertn auf der Suche nach diesem Heimatgefühl. Ich glaube oder hoffe, dass irgendwo der Ort liegt, der mich so fesselt, dass ich nie wieder woanders sein will.
      Liebe Grüße

      1. kinder unlimited says:

        oder viele Orte, man bleibt nur eine Zeit…das Leben bietet viele Möglichkeiten und mit dem Alter ändern sich auch die Vorlieben! Liebe Grüße, Ann

      2. A vida louca says:

        Das mit dem Alter muss ich noch austesten 🙂 LG, Maria

      3. kinder unlimited says:

        ja, das ist das Tolle am Leben…alles ausprobieren, es wird schon in seinen Platz fallen und Du weisst, Du bist richtig! Ich habe an einigen Orten gelebt und alles passte zu seiner Zeit. Geniess jeden Moment, Liebe Grüße, Ann

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