Auf nach Brasilien

Als es an der Tür klingelte, hatte ich bereits eine leichte Vorahnung. Langsam öffnete ich das Fenster im Erdgeschoss unseres Hauses und schaute hinaus. Die Postfrau stand vor der Tür und hatte ein Einschreiben für mich. Mit zitternden Händen nahm ich langsam den Stift in die Hand und unterschrieb. Ich konnte schon auf dem braunen Umschlag die Schrift erkennen. Das Einschreiben war von meinem Freund direkt aus Brasilien gekommen. Mehr als acht Wochen hatte ich auf diesen Tag, auf diesen Brief gewartet. Und jetzt konnte ich ihn endlich in Empfang nehmen. Meine Anspannung war kaum auszuhalten. Mein Knie zitterten und ich konnte mein breites Grinsen kaum zurückhalten.

Schnell, aber behutsam öffnete ich das Einschreiben. Schließlich wollte ich keinesfalls etwas zerstören. Vier Dokumente fielen mir entgegen, alle auf Portugiesisch, alle unterzeichnet und alle von der Meldebehörde beglaubigt. Diese vier Dokumente, die Geburtsurkunde, die Meldebescheinigung, die Ledigkeitsbescheinigung und die Reisepasskopien meines Freundes sind für mich das Symbol meiner Zukunft. Ein erster Schritt auf meinem Weg nach Brasilien. Denn ich habe mir ein Herz gefasst, nein, besser gesagt, habe ich eine Entscheidung getroffen: Brasilien wird meine neue Heimat sein. Für sechs Monate, drei Jahre oder mein restliches Leben. Ich weiß es noch nicht. Doch eines ist sicher: Mit diesen Dokumenten halte ich meine Zukunft in der Hand.

Dokument2Um eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung in Brasilien zu erwerben, habe ich drei Optionen: Ich bleibe illegal für zwei Jahre im Land und bin dann automatisch eingebürgert, ich gehe eine Lebenspartnerschaft mit meinem Freund ein oder wir heiraten. Nach dem Heiratsantrag meines Freundes im Juli war dann alles klar, welche Option ich wohl wählen würde. Doch diese vier Dokumente sind erst der Anfang. Ich selbst muss noch weitere Dokumente beantragen, diese übersetzen lassen, beglaubigen lassen und dann zum Konsulat schicken. Und wenn ich nur eines, eines dieser vielen Dokumente vergessen werde, dann wird auch meine Zukunft wie ein Scherbenhaufen zerbrechen.

In meinem Kopf ist bereits alles vorgeplant, vielleicht zu gut geplant. Ich male mir schon meine Flugreise aus, wie ich voller Vorhoffnung meine zwei Koffer – so viele, wie man immer auf einen Brasilienflug mitnehmen darf – einchecke, meine Bordkarten bekomme und mit einem Lächeln auf meinem Gesicht meinen Sitzplatz einnehme. Wie ich mich in meinem Sitz einniste mit meinem Lieblingskissen und gespannt aus dem Fenster des Flugzeugs schaue. Wie ich nachts vor Aufregung nicht schlafen werde, wenn wir den Atlantik überqueren und ich dafür das Frühstück verschlafen werde. Wie ich einen Film nach dem anderen an Board verschlingen werde oder in Panik noch einmal meine Portugiesisch-Vokabeln auffrischen werde. Und wie ich dann letztendlich wieder das brasilianische Festland betreten werde, meine Koffer schnappe, am Zoll vorbeilaufe und hoffnungsvoll in die Wartehalle des Antônio Carlos Jobim in Rio de Janeiro schreite. Und dann in das strahlende Gesicht meines Freundes schaue.

Dokumente3Doch diese Bilder sind bislang nur Bruchstücke. Erinnerungen von dem, was in den letzten drei Jahren passiert ist und hoffentlich bald ein Ende hat. Ich möchte keine “Auf Wiedersehen” mehr, von denen ich nicht weiß, ob es wirklich ein Wiedersehen geben wird. Ich möchte nicht mehr in eine ungewisse Zukunft schauen und meinen Träumen weiterhin hinterherrennen. Und ich möchte niemals wieder eine schlaflose Nacht haben, weil ich nicht weiß, ob diese eine Person am Ende der Welt wirklich an mich denkt. Ich möchte endlich mein persönliches Abenteuer. Mein Sehnsuchtsland Brasilien zu meinem Land machen. Mehr Fotos knipsen, mehr Texte schreiben, wieder kreativ sein. All diese Wünsche, Hoffnungen, in diesen vier Dokumenten. Ob sie nur ein surrealer Traum oder wunderschöne Realität werden, das allein liegt nun in meinen Händen.

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  1. kinder unlimited says:

    das klingt doch wunderbar……lebe im Moment….Du hast nur ein Leben !

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