Was Paris uns lehren sollte…

An wohl keinem Abend war Fußball so unwichtig, wie in der Nacht von Freitag, dem 13. November zu Samstag, den 14. Dass Deutschland im Freundschaftsspiel gegen Frankreich 2:0 verloren hat, interessiert wohl kaum jemanden.

Denn eine solche Sache ist in Anbetracht der Tatsache, was sich in Paris abspielte, vollkommen irrelevant. Schon vor zehn Monaten, als die Karikaturisten der Satire-Zeitschrift  “Charlie Hebdo” einem terroristischen Akt zum Opfer fielen, wusste man: Der IS und der Islamismus sind spätestens jetzt in Europa angekommen. Doch die Politik dachte, dass man mit verstärkten Kontrollen der Syrien-Rückkehrer, einer internationalen Zusammenarbeit gegen die IS, für die sich letztlich auch Russland entschied und noch mehr Bomben auf Syrien die Situation unter Kontrolle bringen würde. Aber weit gefehlt. Denn mit den Bomben stahl man den Menschen ihr Zuhause und zwang sie zur Flucht nach Europa. Aus der Bekämpfung des Terrorismus, wie es täglich in der Presse tönt, wurde eine Flüchtlingskrise.

Europa fiel in den letzten Jahren von einer Krise in die nächste: Erst die Bankenkrise, dann die Terrorismus-Krise und letztlich die Flüchtlingskrise. Und mit den Flüchtlingen wurden die Grenzkontrollen gelockert und zig tausend Menschen strömten nach Europa. Ohne wirklich zu wissen, wer sich genau unter den Flüchtlingen befindet, hat man sie mit offenen Armen empfangen. Und dabei vergessen, warum man eigentlich diesen Krieg in Syrien angefangen hatte: um die alte Frau Europa und ihre Werte zu beschützen.

Paris6Auch den Terroristen von Paris war es so möglich, unbemerkt Bomben und Kalaschnikows und sich selbst nach Frankreich zu schmuggeln. Und mehr als 120 Menschen eiskalt umzubringen. Es ist klar, dass diese Menschen nicht zum ersten Mal getötet haben. Niemand tötet so brutal, so gewissenlos, zig unschuldige Menschen. Und stürzt ein ganzes Land, die gesamte westliche Welt in tiefe Trauer.

Paris2Europa sollte aber nie vergessen, dass auch die US-amerikanischen, die französischen und die russischen Bomben jeden Tag hunderte unschuldige Syrer umbringen. Und ihre Tränen genauso schwer zu trocknen sind. Doch irgendwie, so scheint es, ist ein westliches Leben auf dieser Welt immer mehr wert. Und wo Krieg herrscht, da werden Zivilopfer sowieso nur als Kollateral-Schaden in einer Statistik erfasst.

In einer deutschen Tageszeitung sah ich heute Bilder vom Kriegsschauplatz Paris. Und ja, ich schreibe hier bewusst von Krieg. Denn mittlerweile fragt sich wohl jeder: Ist nun der Krieg in Europa angekommen? Kann man überhaupt noch irgendwo sicher sein? Natürlich bietet Frankreich einen besonderen Nährboden für terroristische Anschläge: In keinem anderen europäischen Land gibt es so viele Syrien-Heimkehrer. Menschen mit Migrationshintergrund leben oft in den Banlieues, haben wenig Perspektive auf eine gute Arbeit. Oder wenn überhaupt auf Arbeit. In terroristischen Zellen finden sie wohl zum ersten Mal einen Sinn in ihrem Leben. Und auch Frankreichs Rolle im Syrien-Krieg und dem Krieg gegen den IS ist nicht verkennen. Doch nichts von alledem rechtfertigt solch einen Massenmord. Und diesen Angriff auf die westlichen Werte.

Paris3Paris, das ich selbst zweimal besuchen durfte, ist für mich – und wohl auch für viele andere Menschen weltweit – eine der wundervollsten Städte. Nicht ihrer Schönheit wegen, sondern wegen des Charme, des unglaublichen Esprits, den diese Stadt ausstrahlt. Fromageries befinden sich neben niedlichen Cafés direkt an den Prachtstraßen der Stadt. Für Künstler ist die Stadt ein wahres Mekka, ebenso wie für Frischverliebte und Partygänger. In Paris, da ist das Leben irgendwie leichter, lebenswerter, jünger, kreativer. Ein Sinnbild für die westliche Kultur der Freiheit – und ein Dorn im Auge vieler Fanatiker.

Der Angriff auf Paris hat den Westen erneut in eine Krise gestürzt, eine Entscheidungskrise. Ruft man den Nato-Bündnisfall aus? Folgt man dem alten Testament und sagt sich “Auge um Auge, Zahn um Zahn” und bekämpft Krieg mit Krieg? Doch wurde der Krieg des IS gegen den Westen nicht erst durch andere, frühere Kriege begünstigt? Besser gesagt durch die Kriegstreiberei eines George W. Bush, der sich zum utopischen Ziel gesetzt hatte, die Welt nach seinem Vorbild zu formen und in Afghanistan das nächste Vietnam anzettelte?

Selbst ich als bekennende Pazifistin bin an solchen schwarzen Tagen hin- und hergerissen. Was nützt aber das ganze Gerede über kriegerische Vergeltung, wenn man dem IS nie einen Schritt voraus ist, sondern mindestens zehn Schritte hinterhinkt. Wenn man sich lieber um die nächste Bankenkrise kümmert, als seine eigene Bevölkerung gezielter zu beschützen.

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Paris hat uns, der westlichen Welt, gezeigt, wie verwundbar wir eigentlich sind. Und dass uns unsere Arroganz der letzten 15 Jahre irgendwann auf die eigenen Füße fällt. Dass man nicht ohne Konsequenzen in andere Länder einmarschieren kann. Dass man die Übermacht des Feindes unterschätzt hat. Und dass Geheimdienst-Arbeit wichtiger denn je ist. Denn nur so kann Europa den IS bekämpfen. Man muss die Terrorzelle verstehen, ihre Anführer ausfindig machen und ihnen keinen weiteren Nährboden für ein “neues Paris” geben.

Wir sollten nicht in Trauer versinken, sondern erhobenen Hauptes in die Zukunft blicken. Wir sollten nicht beten – denn religiöser Fanatismus hat uns erst dorthin gebracht. Wir sollten das Blut von unseren Kleidern waschen und auf die Straße gehen und tanzen. Wir sollten uns noch mehr feiern als jemals zuvor und jeden Menschen, jedes Leben, als lebenswert betrachten. Wir sollten uns niemals unterkriegen lassen und für die mehr als 120 Opfer in Paris, die 220.000 Opfer des Syrien-Krieges, die 40 Toten vom Libanon und all die anderen Opfer des islamistischen Terrors auf die Straße gehen. Wir sollten für sie lachen und tanzen. Denn genau das wollten die Menschen im Bataclan, im “Le Petit Cambodge” und auf den Straßen Beiruts auch: Einfach nur ihr Leben in vollen Zügen genießen.

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