Er ist wieder da

Letztes Wochenende habe ich mir einmal eine kurze Auszeit aus dem Alltagsstress und der vielen Arbeit gegönnt und mich in die kinematographische Welt entführen lassen. Doch was ich da sah, war noch realer als alles, was ich in den letzten Wochen in den Nachrichten verfolgen konnte. Als passionierter Weltenentdecker und Querdenker konnte ich mir natürlich nicht den Film “Er ist wieder da” entgehen lassen. Von den Rezensenten hoch gelobt und der Presse als revolutionär bezeichnet, stand er auf meiner Must-Seen-Liste weit oben.

Und für alle, die den Film nicht gesehen haben oder noch nicht einmal kennen, nehme ich kurz die Handlung vorweg: Es handelt sich um eine Realsatire rund um die Person Adolf Hitler. Der Führer wacht im Berlin im Jahre 2014 auf, aus einer Art Dornröschen-Schlaf und ist plötzlich im Hier und Jetzt gefangen. Gefangen trifft es exakt, da er nicht ahnt, wie sehr sich die Welt gedreht hat. Denn in seiner Realitätswahrnehmung ist immer noch Kriegszeit und Deutschland dabei, die Weltherrschaft zu übernehmen. Dass der Krieg verloren wurde und dass das Berlin von heute ein multikulturelles Zentrum ist, das lernt der Führer erst im Laufe des Filmes kennen. Was am Anfang lustig erscheint, da er komplett verwirrt versucht, seine scheinbar veralteten Ansichten und seine durch und durch rassistische Meinung in die neue Welt zu transferieren, nimmt eine wahnsinnig tragische Wendung im Laufe des Films. Durch einen kurz vor dem Ruin stehenden TV-Sender und einen arbeitslosen Reporter gepuscht, erhält Hitler sogar eine Plattform um seinen Weltensicht zu propagandieren. Von vielen Zuschauern wird sein Auftritt als politische Satire abgetan. Dass der echte Hitler auf dem Bildschirm zu ihnen spricht, das können sie nicht glauben. Oder besser gesagt: Sie nehmen seine Äußerungen zuerst als Dummheiten eines einzelnen Spinners wahr. Als er dann aber Kritik am Fernsehen und dessen Funktion als Unterhaltungsmedium äußert, da pflichten ihm viele Zuschauer bei. Auch jene in den Kinosälen. Denn Hitler behauptet, dass der TV-Unterhaltung in Krisenzeiten ein höherer Stellenwert eingeräumt wird, um die Menschen vom eigentlichen Geschehen in der Welt abzulenken. Deshalb wurde 1944 der Film “Die Feuerzangenbowle” veröffentlicht. Auch heute sind der Film und das Fernsehen übersättigt mit Unterhaltung. Kochshows, Real Life Dokumentation und Scripted Reality Sendungen flimmern vom Aufstehen bis zur Prime Time über den Bildschirm und füllen den Kopf des Zuschauers mit sinnlosen Inhalten. Eine Massenverdummung à la carte, die vom Fernsehen initiiert wird, um scheinbar von den Krisenherden der heutigen Tage abzulenken: der Flüchtlingskrise, den zahllosen Kriegen und dem Terrorismus. Eine beeindruckende Parallele, die der filmische Hitler hier aufstellt. Sie ist der Ausgangspunkt einer Entdeckungsreise durch Deutschland, bei der die Frage im Raum steht: Wie viel Potenzial hätte Hitler im heutigen Deutschland?

Durch eine Sabotageaktion des stellvertretenden Senderchefs wird Hitler aus dem TV verbannt und tourt den Rest des Filmes mit dem besagten arbeitslosen Reporter durch Deutschland. Ab dem Zeitpunkt nimmt der Film surreale Züge an. Denn die weiteren Filmschnitte sind eine Vermischung von 380 Stunden Straßenaufnahmen mit einer großartigen, schauspielerischen Leistung des filmischen Hitlers und seines Reporters. Eine “Mockumentary” eben, eine fiktionale Dokumentation, die beim Zuschauer die Grenzen zwischen Realität und Schauspiel nicht mehr klar erkennen lässt. Während der Einmarsch in die NPD-Parteizentrale und das Gespräch mit dem früheren Parteichef Birne – der im echten Leben eigentlich Apfel heißt – als klarer Fake erkennbar ist, ist der Zuschauer sich bei Straßenaufnahmen nicht so sicher.

Der Roadtrip der besonderen Art quer durch Deutschland – von Berlin über die Ostseeküste bis ins tiefste Bayern hinein – entpuppt sich schnell als Fantour für Hitler. Personen jeglicher Nationalitäten grüßen ihn, sprechen ihn auf seine scheinbare Verkleidung an und wollen ein Foto mit ihm. Bereits das klingt für viele geschichtsbewusste Menschen sehr makaber. Als aber eine junge Kioskbesitzern ihrem Ausländerhass freien Lauf lässt und beim NPD-Stammtisch Parolen für die Wiedereröffnung der Arbeitslager geschwungen werden, da läuft es wohl den meisten Zuschauern eiskalt den Rücken herunter. Keinem Reporter gegenüber hätten diese Menschen so offen ihren Rassismus und ihre Demokratieverdrossenheit zum Ausdruck gebracht, aber vor einem Hitler zeigen sie keine Scheu mehr.

Den Zenit des Filmes bildet das Interview mit einem NPD-Funktionär. Hitler fragt diesen, ob er mit ihm in den Krieg ziehen möchte. Schließlich ist der Roadtrip nicht nur eine Fantour, sondern in erster Linie eine Rekrutierungsmission für einen weiteren, deutschen Krieg. Dieser antwortet dem Führer nicht sofort, sondern bittet ihn, die Kamera auszuschalten. Auf der Tonaufnahme, die weiterläuft, hört man den Funktionär dann sagen: “Wenn Sie der echte wären, schon.” Angeregt von all den Erfahrungen, die Hitler auf seinem Weg durch Deutschland gemacht hat, kommt er letzten Endes zu einem vernichtenden Fazit, nicht für sich, sondern für das deutsche Volk. Denn er ist sich sicher: “Mit diesem Material kann ich arbeiten!”

Und genau darin liegt das Problem dieser Tage. Wie hoch ist das rassistische Potenzial eigentlich in uns allen? Und ist ein solcher Krieg, wie er 1939 angezettelt wurde, in der heutigen Zeit angesichts der Flüchtlingsdramatik und des Kriegseintritts in Syrien wirklich noch so undenkbar?

4 Comments Add yours

  1. Sylvia Kling says:

    Nach dieser, Deiner Darstellung werde ich mir den Film nun doch ansehen. Ich hatte mich bisher vehement geweigert.
    DANKE für diese tiefen Einblicke und herzliche Grüße
    Sylvia

    1. A vida louca says:

      Das freut mich sehr, zu hören. Ich war anfänglich auch etwas skeptisch, musste es aber unbedingt anschauen. Liebe Grüße

      1. Sylvia Kling says:

        Ich hatte Deinen Blog in meinem gestrigen Beitrag erwähnt und einen Absatz von Dir zitiert. (http://wiedaslebenklingt.wordpress.com/ ). Ich hoffe, Du hast nichts dagegen?

      2. A vida louca says:

        Kein Problem. Ich freu mich 🙂

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