Masse statt Klasse: Die Wahrheit über das Leben eines Texters

In den letzten Monaten und Jahren habe ich immer wieder als freie Texterin und Redakteurin gearbeitet. Eigentlich ein gutes Unterfangen, meint man.

Denn die Freiberuflichkeit ermöglicht einem Menschen so viele Optionen. Man kann das machen, was man wirklich liebt und will. Und damit sein Geld verdienen. Man ist eigenständiger und nicht von der Kritik eines Chefs abhängig. Was auf den ersten Blick unglaublich entspannt klingt, ist in der Praxis manchmal ein wahrer Höllentrip. Denn miese Klienten, ständige Unzufriedenheit und ein permanenter Zeitdruck haben mir viel Zeit, Schlaf und Energie geraubt. Und das alles für nicht einmal besonders viel Geld.

Ein exzellenter Texter muss sich erst einen Namen in der Branche machen. Und das bedarf viel Zeit und Ausdauer. Oder man findet auf Anhieb jemanden, der den Fleiß und die Qualität deiner Arbeit von Anfang an zu schätzen weiß. Bei der Masse an selbst ernannten Textern ist das aber nicht so einfach. Denn seien wir einmal ehrlich: Viele Unternehmen entscheiden mittlerweile nach dem Preis und nicht mehr nach der Qualität, ob sie einen Texter engagieren wollen. So kommt es vor, dass jemand aus Thailand, der Deutsch als Zweit-, vielleicht sogar Drittsprache gelernt hat, einen deutschen Werbetext für nicht einmal die Hälfte des deutschen Marktpreises verfasst. Diese neue Art des Outsourcings zur Kosteneinsparung ist natürlich Gift für alle engagierten Texter, wie ich es einer bin. Ich möchte nicht behaupten, dass dieser thailändische Schreiberling weniger talentiert ist, aber meiner Erfahrung nach ist es unmöglich einen Text mit 1.200 Wörtern für gerade einmal 11 Euro zu verfassen. Man bedenke, dass bei dem Preis die Recherche inklusive ist. Aber genau das ist mir und anderen Textern schon oft passiert. Die Konkurrenz unterbietet den Preis und bekommt den Zuschlag. Einfache marktwirtschaftliche Rechnung. Aber was im Endeffekt dabei herauskommt, ist teilweise katastrophal.

Ein Beispiel aus meiner Praxis: Ich habe mich dreieinhalb Stunden mit einem neuen Artikel für eine deutschsprachige Organisation befasst und vorher 60 Euro als Preis vereinbart. Die Anforderungen waren klar gestellt und auch die Inhalte wurden vorher festgelegt. Was sich sehr vielversprechend anhört, entpuppte sich aber als totaler Flop. Denn nachdem ich den Text geschickt hatte, beendete die Organisation umgehend die Zusammenarbeit. Die Begründung war für mich als Texterin extrem vernichtend. Schließlich ließ die Kommunikationsmanagerin kein gutes Haar an mir. So schrieb sie beispielsweise als Begründung: “Leider entspricht der Artikel überhaupt nicht unseren Anforderungen.” Und das obwohl ich die vorgegebenen Rahmenrichtlinien eingehalten hatte. Nach diesem Satz folgten weitere fadenscheinige und teils sehr sinnleere Begründungen, bis sie die Nachricht mit den Worten beendete: ” Ich denke, es ist das Beste, wenn wir die Zusammenarbeit hier abbrechen.” Die ganze Arbeit war also umsonst. Und ich konnte – um ehrlich zu sein – absolut nicht verstehen, was das Problem war. Also stellte ich Nachforschungen an und fand heraus, dass sich bereits mehrere Freischaffende auf diesen Posten beworben hatten. Und niemand von ihnen wurde angenommen, bis auf eine Texterin aus Osteuropa, die für einen Fünftel des Preises, den ich anbot, arbeitet. Da hatte ich nun meine wahre Begründung: Ich war zu teuer. Hätte die Organisation wirkliches Interesse an meiner Arbeit und auch an meiner Person gehabt, dann hätte sie mir Kritik gegeben und mich den Artikel ohne Mehrkosten für sie überarbeiten lassen.

Und das Ganze geht noch weiter. Schaue ich auf die Seite dieser besagten Organisation, so muss ich zu meiner Schadenfreude feststellen, dass in vielen Sätzen Kommata oder ganze Wörter fehlen. Jeder, wirklich jeder gute Texter liest seine geschriebenen Werke noch einmal gegen. Natürlich kann sich da der eine oder andere Fehler einschleichen. Aber wie kann es sein, dass in einem kleinen Absatz bereits fünf Fehler auftreten? Und das obwohl die Organisation ja so viel wert auf Qualität legt. Zumindest war das ihre Selbsteinschätzung und auch der vorgeschobene Grund für mein Karriere-Aus bei ihnen.

Durch diese Erfahrung lernte ich, dass ich ab sofort nur noch mit Leuten zusammenarbeite, bei denen die Chemie stimmt. Leute, mit denen ich vorher skype und nicht nur Nachrichten schicke. Und ich weiß meinen eigenen Wert zu schätzen. Lieber habe ich nur wenige Aufträge und dafür gut bezahlte, als dass ich zu Preisen von weniger als einem Cent pro Wort arbeite. Rechnen wir das einmal hoch: Arbeite ich für einen Cent pro Wort und möchte ich auf einen Monatslohn von bescheidenen 1.000 Euro kommen, so muss ich 100.000 Wörter monatlich schreiben. Das sind in der Woche etwa 25.000 Wörter und täglich 5.000. Klar ist das machbar. Aber wo bleibt das Geld für die Recherche und nachträgliche Änderungen? Und 1 Cent pro Wort ist bei vielen Jobangeboten noch hoch berechnet. Manche Unternehmen suchen nach Textern, die Texte von 1.000 Wörtern für 5 Euro und weniger erstellen. Das ist wahrhaftes Lohn-Dumping. Und wird durch die aus Übersee oder Osteuropa kommenden Zweitsprachler in Deutsch noch schlimmer.

Es scheint so, als sei Qualität in unserer heutigen Zeit ein Gut geworden, das nicht mehr bedeutend ist angesichts einer sich immer schnelleren drehenden Internetgesellschaft. Hauptsache viel Keyword optimierter Content, so dass das Unternehmen beim Google Ranking auf die erste Seite klettert. Das gibt mehr Klicks und täglich mehr Besucher. Dass der produzierte Content teilweise keinen Sinn macht und nur eine Aneinanderreihung von Keywords ist, das ist erst einmal Nebensache. Ganz ehrlich: Ich als potenzieller Kunde würde von einer Seite Abstand nehmen, die ausschließlich qualitativ minderwertige Texte publiziert. Denn wenn das Unternehmen bereits bei seinem Marketing – und Content ist schließlich ein Teil davon – keinen Wert auf Qualität legt, wie soll es dann bei der Kundenorientierung sein?

Viele Kommunikationsagenturen kämpfen auch mit dem zunehmenden Lohn-Dumping. Sie bieten nämlich für gewöhnlich Wortpreise von nicht weniger als 15 Cent an. Bei einem Text mit 1.000 Wörtern sind das stolze 150 Euro. Verständlich, denn die Mitarbeiter müssen auch von ihrer Arbeit leben können. Und so werden gute Agenturen und exzellente Texter immer seltener und zunehmend durch Schnelligkeit und Kurzlebigkeit ersetzt. Wahrscheinlich genau das, wonach die globalisierte Welt gerade sucht.

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