Eine Woche in Rio: Reisebericht Teil I

In der letzten Woche waren Rio de Janeiro und der Karneval in der Millionenstadt das Gesprächsthema Nummer eins. Und das nicht nur in Brasilien. Auch die internationalen Medien verfolgten das Geschehen am Zuckerhut mit großer Begeisterung. Insbesondere die leicht bekleideten Königinnen der Sambaschulen, deren Hüftschwung schneller ist als so mancher Ferrari, blieben wohl vielen im Gedächtnis hängen. Ich selbst besuchte die Stadt Ende Januar: Eine Woche vor dem offiziellen Beginn der Karnevalsumzüge, der sogenannten “Blocos de Carnaval”. Ein großes Straßenfest, der heißen Sambaklänge, des überschwänglichen Alkoholkonsums und der schwitzenden Körper. “Suada” eben. Schließlich ist Karnevalszeit auch Sommerzeit in Brasilien. Und viele Umzüge finden am Nachmittag statt. Angeführt von einer Sambagruppe laufen, nein, tanzen die Menschen für eine Stunde oder sogar länger durch die Straßen der Stadt.

Rio14

Aber kommen wir zurück zum eigentlichen Thema: Rio de Janeiro. Über meine Karnevalserlebnisse werde ich später berichten. Man sagt in Brasilien, dass für gewöhnlich erst dann die Regenzeit beginnt, wenn der Karneval vorbei ist und offiziell der Spätsommer eingeläutet wird. Das mag ja auch stimmen. Doch dieses Jahr war es anders.

Ich kam am Samstagabend, dem 16. Januar, am Aeroporto Internacional Tom Jobim an. Es war dunkel, aber drückend heiß. So wie mir Rio de Janeiro noch in Erinnerung war. Bereits fünfmal – oder waren es sechsmal? – besuchte ich die Metropole. Und jedes Mal war es extrem schwül und sonnig. Also die besten Voraussetzungen für einen Strandbesuch, eine kleine Siesta mit Bier und Churrasco (dem traditionellen, brasilianischen Grillfleisch) und etwas Entspannung. Der erste Abend verlief auch dementsprechend. Wir kamen bei einem guten Freund namens Thiago in der Wohnung an, duschten und machten uns ausgehfein. Nun ja, ich hatte zwar einen 15-Stunden-Flug hinter mir, aber an Schlafen konnte ich nicht denken. Wir, Thiago, mein Freund und ich, gingen in eine nahe gelegene Bar und ließen den Abend genüsslich mit Bier und Fleisch ausklingen. Für den nächsten Tag machten wir bereits einige Pläne, wollten die “Igreja de Nossa Senhora da Penha” in der Zona Norte besuchen. Eine der grünsten und zugleich gefährlichsten Stadtbezirke.

Rio13

Aber seien wir mal ganz ehrlich: Gibt es überhaupt einen Stadtbezirk oder ein Bairro (der offizielle Name für Stadtviertel) in Rio de Janeiro, das nicht irgendwie gefährlich ist? Überall lauern potenziell Gefahren – und das vor allem bei Nacht. Raubüberfälle mit Waffen sind nicht nur in den Problemvierteln, den Favelas, an der Tagesordnung. Auch die Touristenspots wie die Copacabana und der Zuckerhut sind überlaufen von Taschendieben, die nicht davor zurückschrecken, auch für eine Zehn-Euro-Kette zu töten. Schließlich müssen Drogen, Alkohol und Nahrung irgendwie finanziert werden. Der Kampf gegen die Drogenkartelle und die alltägliche Gewalt in den Favelas kostet aber bei Weitem mehr Opfer. Hunderte Todesopfer. Allein im Jahr 2014 wurden laut der Tageszeitung “O Globo” 114 Polizeibeamte der Policia Militar im Dienst getötet. Die Zahl derer, die durch die Polizeihand gestorben sind, soll mehrere Hundert betragen. Oftmals ist es sogenannter “Widerstand mit Todesfolge”. Viele Fälle aber lassen den Zweifel aufkommen, dass es kein Widerstand, sondern ein Mord war. So auch der Fall des zehnjährigen Eduardo de Jesus, der in der Favela “Complexo do Alemão” vor seiner Haustür erschossen wurde. Er war weder im Drogenhandel verwickelt noch ist seine Familie kriminell noch geriet er zwischen die Fronten einer Schießerei. Er wurde einfach auf offener Straße vor seiner Wohnungstür exekutiert. Die Beamten sind beurlaubt, das Verfahren läuft noch.

Rio3

In der Nähe dieser Favela befindet sich auch die “Igreja de Nossa Senhora da Penha”. Am frühen Nachmittag des 17. Januars begaben wir uns mit dem Auto zu der katholischen Kirche, die sich wie ein Mahnmahl über die Anhöhen der Stadt erhebt und nur durch eine äußerst steile Treppe mit 382 Stufen oder einen sehr langsamen Lift erreichbar ist. Doch der Ausblick belohnt für die Strapazen, die man beim Hinaufgehen in Kauf nimmt. Man kann nämlich bis zur Ilha do Governador und zur Bucht von Guanabara blicken, eine Meeresbucht, die mit dem Atlantischen Ozean verbunden ist und die beiden Satellitenstädte Rio de Janeiro und Niterói voneinander trennt.

Wie die meisten der brasilianischen Kirchen ist die “Igreja de Nossa Senhora da Penha” auch in der Kolonialzeit während des 17. Jahrhunderts entstanden. Charakteristisch ist die mit portugiesischen Fliesen, “Azulejos”, verzierte Fassade. Direkt neben der Kirche befindet sich eine Art Gebetsraum, indem man für verstorbene Seelen eine Kerze anzünden kann. Auch ein riesiger Nachtfalter – größer als meine Handfläche – hatte sich dorthin verirrt. Natürlich musste ich einige Fotos vom ihm schießen. Und er starrte mich die ganze Zeit dabei an. Irgendwie schaurig. Das war aber nicht das einzig Merkwürdige an dieser Kirche. Zumindest nicht für mich als Nicht-Katholikin. Denn an der Ostseite des Gebäudes entdeckte ich eine Armee an kleinen Wachsfiguren. Wie sich später herausstellte, sind es Danksagungen der Gläubigen, die für ein gesundes Bein, ein neues Herz oder etwa ein Kind gebetet hatten. Wurde ihr Gebet erhört, so wird ein symbolischer Abdruck des Körperteils oder eine Kinderfigur auf einen der Gabentische platziert. Komischerweise befanden sich unter diesen Gaben auch Brüste und Hintern.

Rio2

Während unseres Aufenthalts an der “Igreja de Nossa Senhora da Penha” begann es zu regnen. Und damit wurde die Woche des Regens in Rio de Janeiro eingeläutet. Es verging kein Tag ohne überraschend einsetzenden, flutartigen Regenfall. Mehr als einen Monat zu zeitig laut Kalender. Deshalb verbrachten wir die folgenden fünf Tage zumeist damit, durch Museen zu schlendern, gemütlich in einer Bar zu entspannen oder komplett durchnässt nach Hause zu flüchten.

Rio7

Nach dem Besuch der Kirche fuhren wir zum Mercado Municipal im Bairro Benfica in der Zona Central. Es war 15:30 Uhr an einem Sonntag. Fast alle Geschäfte waren bereits geschlossen. Nur mit Mühe fanden wir in der Markthalle ein offenes Restaurant mit warmer Küche. Und es gab wie so oft Churrasco mit Pommes, Farofa (ein geröstetes Maniokmehl), Salada (geschnittenes Gemüse) und Salsa (eine Zwiebel-Tomaten-Soße). Im Anschluss daran fuhren wir wieder in Thiagos Wohnung. Schließlich mussten er und seine Freundin am nächsten Tag arbeiten. So ließen wir den zweiten Tag in Rio mit Bier und Filmen auf dem Sofa ausklingen.

Am 18. Januar, dem dritten Tag in Rio de Janeiro, wollten wir in die Innenstadt fahren, um das Centro Cultural und die dortige Ausstellung über abstrakte Kunst anzuschauen. Dafür mussten wir die Metro nehmen. Und natürlich kannten wir uns nicht aus. Mithilfe von Thiago und Google Maps fanden wir aber die richtige Route. Zuerst mussten wir mit dem Taxi zum Shopping Nova América fahren und von dort aus die Linha 1 zur Haltestelle Cinelândia nehmen. Da das Centro Cultural etwa einen Kilometer von der Metro entfernt liegt, legten wir die restliche Strecke zu Fuß zurück. Durch Hochhäuserschluchten hindurch, an Menschenmassen vorbei und mit ständigem Straßenlärm als Hintergrundgeräusch. Spätestens jetzt wussten wir, dass wir uns wirklich im Zentrum der Millionenstadt befanden.

Natürlich – und wie sollte es auch anders sein – verliefen wir uns. Und was macht der Brasilianer, wenn er sich verläuft? Er befragt nicht etwa sein Telefon. Er geht auf den nächsten Passanten zu und fragt nach dem Weg. Doch nicht immer kann man sich auf diese Beschreibung verlassen. Ich habe sogar bereits erlebt, dass uns eiskalt ins Gesicht gelogen und ein falscher Weg erläutert wurde. Ob aus Unwissenheit oder anderen Motiven – Das kann nicht sagen. Nach einer Stunde Fahrzeit und einem dreißigminütigen Fußweg erreichten wir endlich das Centro Cultural. Zu meiner Enttäuschung war das Gebäude wesentlich schöner als die Ausstellung selbst. In drei Räumen wurden abstrakte Installationen und Kunstwerke von indigenen Völkern und anderen Künstlern ausgestellt. Und ich war wirklich enttäuscht: Wenige Kunstwerke, noch weniger Installationen und ein eiskalter Raum mit einer experimentellen Videovorführung, der auch als Kühlkammer in einem Restaurant hätte dienen können. Irgendwie übertreiben es die Brasilianer gern mit der Klimaanlage. Entweder ist es viel zu kalt und man holt sich eine Erkältung oder es gibt keine und man ertrinkt an seinem eigenen Schweiß. Nach der Ausstellung ließen wir uns in einem Straßencafé an der Avenida Rio Branco nieder und aßen Salgados. Kleine Gebäckstücke, die mit Käse, Fleisch und anderen herzhaften Zutaten gefüllt sind. Üblicherweise werden sie als Snacks in Lanchonetes oder Bäckereien zubereitet und zusammen mit gezuckertem Kaffee oder stark gesüßtem Saft verspeist.

Rio11

In der Metrostation angekommen, war es bereits Rush Hour. Wir warteten eine Bahn ab, dann die nächste und noch eine weitere. Schließlich hatte ich den Einfall, dass wir mehrere Stationen zurückfahren und uns dort eine leerere Bahn schnappten könnten. Zum Glück klappte das. An der Station Glória wurde es aber extrem voll, so voll, dass man weder Platz zum Stehen noch Raum zu Bewegen hatte. Mein Freund und ich zählten bereits die Stationen, bis wir endlich aus diesem Viehtransport ausbrechen und in die Freiheit gelangen konnten. An der Station Nova América/Del Castillo war es dann endlich soweit. Wir drängten uns durch die Massen hinaus auf dem Bahnsteig. Der sinnflutartige Regen hatte wieder eingesetzt. Wir schnappten uns ein Taxi und fuhren in Thiagos Wohnung zurück. Und so endete Tag drei in Rio.

2 Comments Add yours

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s