Eine Woche in Rio: Reisebericht Teil II

Am vierten Tag in Rio begrüßte uns bereits am Morgen der Dauerregen. Und das sollte sich auch in den nächsten zwei Tagen nicht wirklich ändern. Der Wettersituation geschuldet, verbrachten wir diesen Tag ausschließlich in geschlossenen Räumen. Zuhause, im Restaurant und in verschiedenen Läden, sogenannten “Lojas”. Nachdem wir eine Regenpause abgewartet hatten, begaben wir uns zur Hauptstraße, der Rua Dias da Cruz, auf der Suche nach einem gemütlichen Restaurant. Letztlich begaben wir uns in ein typisch brasilianisches Restaurant mit “Serviço completo”. Das heißt, dass ein Garçom, also ein Kellner, die Gäste bedient und kein Büffet aufgebaut ist. In Brasilien gibt es nämlich zahlreiche Restaurants, die “self-service” (zu Deutsch Selbstbedienung) anbieten. Die Abrechnung erfolgt nach Gewicht. So kostet ein Kilo je nach Stadt und Restaurant zwischen zehn und dreißig Reais.

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Im Anschluss an den Restaurantbesuch machten wir uns auf die Suche nach einem Regenschirm. Denn dummerweise hatte weder ich noch mein Brasilianer einen mitgenommen. Schließlich regnet es ja in Rio de Janeiro zu dieser Zeit nicht so oft. Eigentlich. Wir gingen in drei verschiedene Läden und nirgendwo gab es einen Regenschirm. Uns wurde gesagt, dass aufgrund des Dauerregens die Regenschirme in fast der ganzen Stadt ausverkauft sind und die Restbestände zu überteuerten Preisen von 50 Reais und mehr angeboten werden. Das stimmte auch. Eine Verkäuferin wollte uns im Shopping-Center Nova América einen Knirps für 75 Reais, das sind umgerechnet 17 Euro, andrehen. Natürlich lehnten wir ab. Bei einem kleinen Straßenverkäufer hatten wir Glück und bezahlten nur zehn Reais. Das war aber erst am sechsten Tag. Also verbrachten wir noch zwei weitere Tage mit klitschnassen Klamotten und triefenden Haaren. Bei 30°C ist das aber nicht ganz zu schlimm.

Wir retteten uns nach der enttäuschenden Regenschirmsuche in Thiagos Wohnung. Schließlich war am nächsten Tag “São Sebastião”, ein gesetzlicher Feiertag im Bundesstaat Rio de Janeiro. Und so wollten wir vier, mein Freund, ich, Thiago und dessen Freundin, einen kleinen Ausflug wagen: nach Teresópolis. Die Kleinstadt liegt mitten im Serra dos Órgãos, einem Nationalpark, der bis zu 2000 Meter Höhe erreicht. Wir wollten eine Nacht in einer abgelegenen Fazenda verbringen, die sich auf das Leben im Einklang mit der Natur, dem Körper und dem Geist spezialisiert hat. Entsprechend hatten die einzelnen Zimmer indische Namen.Rio21

Gegen neun Uhr abends machten wir uns mit dem Auto auf dem Weg zur Fazenda. Etwa 90 Kilometer ist die Distanz zwischen Rio de Janeiro und Teresópolis. Wir brauchten mehr als eineinhalb Stunden, um uns durch den dichten Straßenverkehr, die Dunkelheit und den Regen zu kämpfen. Zu allem Überfluss liegt die Fazenda auch noch an einer unbefestigten Straße, die aufgrund des Aquaplanings zu einer unberechenbaren Piste wurde. Ein paar Mal setzte das Auto auf, doch wir überstanden die Fahrt unbeschadet. Übermüdet fielen wir ins Bett und freuten uns auf den nächsten Tagen. Der Regen peitschte die gesamte Nacht wie ein Trommelwirbel gegen das Holzhaus und ich machte kaum ein Auge. Nicht zuletzt auch, weil mein Brasilianer lautstark neben mir schnarchte. Komplett übermüdet quälte ich mich am nächsten Morgen aus dem Bett. Und es wurde noch schlimmer. Denn unser Aufenthalt fiel wahrhaftig ins Wasser. Der Regen hatte nicht aufgehört. Trotzdem beschlossen wir, nach dem Frühstück einen Ausflug in den Nationalpark und zum Wasserfall zu machen. In Brasilien gibt es wohl hunderte solcher kleineren Wasserfälle.

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Wir liefen einen kleinen Waldweg entlang in Richtung Naturschwimmbad, das natürlich bei diesem Wetter nicht nutzbar war. Weiter ging es dann zum besagten Wasserfall. Dieser lag etwas versteckt zwischen Bäumen und Felshängen. Er war so klein, dass ich mich nicht einmal an den Namen erinnern kann. Auch auf den Hinweisschildern stand lediglich “Cachoeira”, was so viel wie Wasserfall auf Portugiesisch bedeutet. Thiago und ich schossen ein paar Bilder und versuchten dabei nicht hineinzufallen. Schließlich war der Boden durchnässt und glitschig durch den Dauerregen. Auch einen Angriff einer schwarzen Wespe mit dem lateinischen Namen “Polybia paulista” überstand ich unbeschadet. Schließlich – und so hatte ich das in Brasilien gelernt – zählen Wespen zu den weniger gefährlichen Tierarten. Mehr Sorgen sollte man sich über Schlangen oder auf dem Boden kriechende Spinnen machen. Diese sind nämlich ausschließlich gefährlich. Welches Kleinsttier kriecht schon auf dem Boden herum, ohne einen Schutzmechanismus zu besitzen?

Nach einer halben Stunde ging unsere Wanderung vom Wasserfall weiter zum Joga- und Massagehaus. Doch hatte auch dieses zum Feiertag geschlossen. Zu unserem Ärger fing es auch wieder stärker an zu regnen. Ich klemmte meine Kamera schützend unter mein T-Shirt und wir liefen eilig zum Zimmer. Natürlich kamen wir dort komplett durchnässt an. Subtropischer Regen ist nicht zu unterschätzen. Binnen von Sekunden kann aus einem Wassertropfen eine Wasserlawine werden. Genauso schnell hört es aber auch wieder auf, zu regnen.

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Also sprangen wir erneut unter die Dusche, ruhten uns etwas aus und wollten danach zum Mittagessen in den Speisesaal gehen. Irgendwie schien es, als ob wir beinahe die einzigen Gäste an diesem Feiertag waren. Denn der Speisesaal war – bis auf eine Oma mit ihrer Tochter und ihrem Enkel – komplett leer. Gar nicht schlecht. Denn so konnten wir in Ruhe unsere Mahlzeit genießen und einfach die wundervolle Lage der Fazenda bewundern. Schließlich liegt sie wie die Stadt Teresópolis inmitten des Nationalparks auf einem Berg. Die Aussicht ist traumhaft und wahrscheinlich an regenfreien Tagen noch spannungsreicher. Zwar sind regenverhangene Berglandschaften auch ein Bild, was man nicht alle Tage sieht, aber dieser Grau- in Grauton ist dann doch schon etwas trist.

Nach einem einfachen, aber sehr leckeren, brasilianischen Mittagessen bereiteten wir uns langsam auf die Rückreise vor. Das heißt auf Brasilianisch: Erst einmal eine Stunde schlafen gehen, in aller Ruhe die Sachen im Zimmer zusammensuchen und kurz vor der Abfahrt das Zimmer in Cash bezahlen und noch eine Plauderei an der Rezeption führen. In Brasilien, so scheint es, laufen die Uhren anders. Besser gesagt: Die Zeit wird außer Kraft gesetzt. Ein Termin um zwei Uhr nachmittags kann auch schon einmal um drei Uhr sein. Verspätungen werden mit einem Lächeln in Kauf genommen. Und selbst die Menschen auf der Straße scheinen im Zeitlupentempo ihrem Ziel entgegen zu laufen. Natürlich nicht, ohne sich anderen Personen in den Weg zu stellen, noch den einen oder anderen Bekannten zu grüßen oder über zwei Straßen Unterhaltungen zu führen. Ein seltsames Bild. Wie ein Marktschreier, der seine “Novidades”, seine Neuigkeiten, an den Mann bringen wolle.

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Die Rückreise gestaltete sich ähnlich wie die Hinreise, nur eben ohne Dunkelheit. Zwischenzeitlich machten wir noch einen Stopp in Nova Friburgo (zu Deutsch Neufreiburg), der Stadt, die den Beinamen “Zentrum der Unterwäsche” trägt. Wie auf einer Perlenkette aneinandergereiht, findet sich ein Unterwäscheladen nach dem anderen im Stadtkern. Und Thiagos Freundin wollte genau dorthin. Wir drei holten uns einen kleinen Snack – “Salgados”, wie man sie in Brasilien nennt. Mitten im nirgendwo und mehr als 10.000 Kilometer weit weg von Zuhause sprach am Nachbartisch von uns ein Mann auf Deutsch mit seiner Begleitung, über Geld, Immobilien und zukünftige Investitionen. Irgendwie komisch, dass man sich im weit entfernten Ausland immer wieder freut, eine vertraute Sprache zu hören. Vielleicht ist das eine andere Form des Heimwehs, jene des Globetrotters oder Auswanderers.

Nach einer Stunde fuhren wir endlich nach Rio de Janeiro zurück. Die Straßen waren überfüllt, eigentlich wie immer. Obwohl keiner mit uns in der Fazenda wohnte, schienen doch alle Menschen aus dieser Richtung zurück in die Stadt zu strömen. Schließlich war morgen wieder arbeiten angesagt. Und wer kann sich bei der gegenwärtigen Wirtschaftslage schon einen Tag mehr frei nehmen? Schließlich steuert das Land auf eine Hyperinflation zu und verliert gegenüber anderen Währungen zunehmend an Wert. So lag der Wechselkurs zwischen Real und Euro im Jahr 2013 noch bei 1 zu 3, jetzt liegt er bei 1 zu 4,5. Welch positive Entwicklung für alle ausländischen Touristen, die zu den Olympischen Spielen nach Brasilien reisen wollen.

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Am Abend wollten mein Freund und ich noch etwas Zweisamkeit genießen und gingen Sushi essen, eine unserer Lieblingsspeisen. Natürlich planten wir schon den nächsten Tag. Und er hatte eine tolle Idee: das Museu de Amanhã. Dieses Museum liegt im Zentrum der Stadt, direkt neben der Ilha das Cobras in der Bucht von Guanabara. Übersetzt bedeutet der Name das “Museum von morgen”. Zukunftsvision und -entwicklungen der Erde werden ebenso thematisiert wie mögliche Bedrohungen und Chancen für die Menschheit. Natürlich alles interaktiv dargestellt. Wie es schien, waren nicht nur wir an dem Museum interessiert. Die Schlange war so lang, dass wir beinahe drei Stunden anstehen mussten. Ein erbärmlicher Zustand. Denn zum ersten Mal seit Tagen zeigte die Sonne ihr schönstes Strahlen. Und meine Füße begannen, unglaublich weh zu tun.

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Der Eintritt kostet pro Person zehn Reais. Kein Schnäppchen, wenn man bedenkt, dass viele Museen in Brasilien staatlich oder von privaten Investoren gefördert werden und dadurch für die Besucher kostenlos sind. Doch es lohnt sich. Neben einer Videovorführung über die frühere und künftige Entwicklung der Erde wird auf Themen wie die zunehmende Urbanisierung, die Erkundung des Weltraums und die Vernichtung der Flora und Fauna eingegangen. Ein sehr bedeutendes Thema, vor allem hier in Brasilien. Denn in den letzten 25 Jahren wurden mehr als 600.000 Quadratkilometer des Regenwaldes – etwa die zweifache Fläche von Deutschland – vernichtet. Ein Ende der Rohdung ist nicht in Sicht. Und das kann schlimme Folgen haben. Schließlich ist der Regenwald im Amazonas-Becken der Lebensraum vieler einzigartiger Tierarten und ein wichtiger Faktor bei der Regulierung des Klimas. Genau auf diese und weitere Probleme macht das Museu de Amanhã aufmerksam. Und das auf faszinierende Weise. Meterhohe Leinwände schauen auf die Besucher herab wie furchteinflößende Riesen, mit Bildern, die noch furchteinflößender sind. Eine Bildergalerie mit Spiegeln zeigt den Grund, für was wir leben. Die kulturelle, politische und natürliche Vielfalt auf dieser Erde. Auch der sensorische Sinn wird angesprochen, indem Atome, nachgestaltete Mini-Planeten und Materialien angefasst werden können.

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Nach dem Besuch des Museums fuhren wir wieder in Thiago’s Wohnung. Dasselbe Schema wie die letzten Tage. Metro, Taxi und ein paar Meter zu Fuß. Am nächsten Tag wollten wir eigentlich eine Favela-Tour machen. Aufgrund der Wetterverhältnisse war dies aber nicht möglich. Wie wir später erfuhren, kommt es in den Favelas bei Starkregen oft zu Erdrutschen oder Überflutungen. Ein lebensgefährlicher Zustand. Und so begaben wir uns an unserem letzten Tag in Rio de Janeiro zur Escadaria Selarón im Zentrum der Stadt, die die beiden Bairros Lapa und Santa Teresa miteinander verbindet. Diese Treppe ist mehr als 125 Meter lang und besteht aus 215 Stufen, die mit bunten Fliesen aus über 60 Ländern der Welt verziert wurden. Ein farbenprächtiger Kleks in der sonst recht tristen Gegend. Das Kunstwerk wurde von dem gleichnamigen chilenischen Maler und Keramikkünstler Jorge Selarón ins Leben gerufen, der am Fuße der Treppe wohnte und im Januar 2013 dort tot aufgefunden wurde. Die Todesumstände sind bis heute nicht geklärt. Die Polizei geht von einem Suizid aus. Selarón selbst erzählte nur einen Tag vor seinem Tod in einem Interview mit “O Globo”, dass er von einem früheren Mitarbeiter bedroht werde. Sicher ist aber, dass sich Selarón mit dieser Treppe ein Denkmal für die Ewigkeit gesetzt hat.

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NACHTRAG: Letztes Wochenende bin ich nach Rio de Janeiro zurückgekehrt und ich habe zwei Highlights erlebt, die definitiv in meiner Top 10 von Brasilien landen werden. Am Samstagabend war ich bei der Olé Tour 2016 der Rolling Stones im Estadio Marcanã. Ich sah Legenden in einer legendären Kulisse, die seit dem Sommer 2014 für viele Deutsche noch mehr zur Legende wurde. Unglaublich und voller Emotionen. Nicht einmal 12 Stunden danach erfüllte ich mir einen weiteren Traum: die ersehnte Favela-Tour. Zusammen mit einem Reiseführer besuchten ich und mein Freund die Favela Rocinha. So viel sei schon einmal gesagt: Es war verrückt, beängstigend und voll mit verrückten Menschen. Ich habe das größte Gewehr meines Lebens gesehen. In der Hand eines Dogendealers. Doch diese beiden Themen werden erst in meinen kommenden Post ausführlich thematisiert.

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