Der Mythos vom brasilianischen Karneval

Es ist wohl ein unbestreitbarer Fakt, dass die Brasilianer gern Karneval feiern. Zumindest der Großteil von ihnen. Und der Rest der Welt schaut mit Erstaunen, Freude und auch teils Empörung zu. Denn die leicht bekleideten Damen sind für eher prüde Gemüter etwas schwer zu ertragen. Doch bei den wilden Sambarhythmen, den noch heftiger schwingenden Hüften und der quälenden Hitze, die die Karnevalisten über die Festwoche verfolgt, ist diese Kostümierung nicht allzu verwunderlich. Als “Fantasia” werden diese Kostüme bezeichnet. Übersetzt heißt das so viel wie Fantasie. Bei halbnackten Körpern wird der Fantasie aber nicht mehr viel Futter gegeben. Aber es gibt sie auch, die richtigen Fantasias. Diese werden bevorzugt von den Kindern und Heranwachsenden getragen. So sieht man Mäuse zusammen mit Katzen friedlich herumtollen, ebenso wie sich Hexen mit Prinzessinnen verbrüdern. Zum Karneval ist das alles möglich.

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Genau deshalb mögen die Brasilianer diese Festivität. Schließlich können nicht nur verfeindete Tierarten plötzlich Freunde werden, auch Reiche und Arme, Farbige und Weiße, Hausmädchen und Hausherrin feiern bei den sogenannten “Blocos de Carnaval” gemeinsam auf der Straße. Der Karneval kennt also weder rassische noch klassenspezifische noch demographische Grenzen. Und genau das mögen die Menschen. Einfach mal Mensch sein und nicht Vorurteilen gegenüberstehen. Denn genau diese bestimmen, wenn auch oft unterschwellig, noch immer die brasilianische Gesellschaft. So sind beispielsweise in den überaus beliebten Telenovelas auf “Rede Globo” und co. eindeutige soziale Disparitäten zu erkennen: Die reichen Familien sind in der Regel immer hellhäutig, Hausangestellte, größtenteils farbige Darsteller, werden diskreditiert und Straßenhändler mit ihren Carretinhas als minderwertig betitelt. Wer keine Telenovela schaut, der kann natürlich bei Kantinengesprächen und auf sozialen Netzwerken nicht mitreden. Und wird schnell selbst zum Außenseiter. Der Hype der Telenovelas geht sogar so weit, dass zur letzten Folge der Prime-Time-Novela “Amor á Vida” die Straßen wie leer gefegt waren. Die sonst so ausgehwütigen Brasilianer verbrachten den Abend in den heimischen vier Wänden, um mitzuerleben wie Pilar, die Frau von César, die Schuld für den tödlichen Unfall von Alines Mutter auf sich nimmt.

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Gewalt, Intrigen, Hoffnungen, hemmungsloser Konsum und sexuelle Eskapaden: Diese Themen bestimmen nicht nur die Telenovelas, sondern auch den brasilianischen Karneval. Bei keiner anderen Festivität wird so viel Skol, Brahma, Itaipava und anderes “Cerveja” getrunken. Und das hat seine Folgen. Taschendiebe haben leichte Beute, genauso wie notgeile, angetrunkene Männer, die eine der leicht bekleideten Damen mit nach Hause oder zur nächsten Straßenecke entführen wollen. Nicht selten endet ein solches Techtelmechtel in einer ungewollten Schwangerschaft. Andere finden nicht einmal den Weg nach Hause oder steigen volltrunken in ihr Auto. Allein in diesem Jahr gab es in ganz Brasilien während der Karnevalszeit 1,5 Millionen Autounfälle mit 94 Todesopfern. Ein erschreckender Wert. Im vorangegangenem Jahr waren es sogar fast doppelt so viele Unfälle. Die Polícia Federal griff insgesamt 1,3 Millionen betrunkene Autofahrer auf, von denen 153 vorläufig festgenommen wurden. Zur Ausnüchterung, versteht sich. Kein Wunder. Schließlich lauert an jeder Ecke die Versuchung. Und bei einer feierwütigen Masse lassen sich die meisten gern zu dem einen oder anderen Bier verleiten.

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Auch bei den “Blocos de Carneval” sieht man die fleißigen Händler mit ihren Kühlwagen durch die Massen ziehen, um “Refrigerante”, also Cola oder Guaraná, Bier oder Wasser an den Mann zu bringen. Dieses ist nicht das einzige lukrative Geschäft rund um den Karneval. Einzelne Geschäfte bieten die Toilettennutzung zu Preisen ab fünf Reais, etwa 1,50 Euro, an. Was an sich nicht teuer klingt, ist in Brasilien absoluter Wucher. Doch gerade für die Damen ist es nicht so leicht, sich in freier Wildbahn zu erleichtern. Insbesondere die Großstädte haben nämlich mit diesen Wildpinkler enorm zu kämpfen. Ob Häuserwände, Sträucher oder Fußwege: Nichts ist vor ihnen sicher. Und so riecht es nach den Karnevalsumzügen erbärmlich nach altem Urin und teils auch nach Erbrochenem in den Straßen. Konfetti, benutzte Kondome und sogar Slips findet man auf den vermüllten Straßen. Eine Szenerie wie nach einem Rockkonzert. Leere Dosen sucht man aber vergebens. Denn hierin liegt ein weiteres Geschäft des Karnevals. Sogenannte “Catadores de Latinha” sammeln jede noch so kleine Dose auf und machen sie zu wahrem Geld. An Sammelstellen tauschen sie das Altmetall gegen Reais ein und können sich dafür etwas Essen kaufen.

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Nach den “Blocos de Carnaval” hört die Party aber keineswegs auf. Am Endpunkt der Karnevalsparade, zumeist ein großer Platz in der Stadt, versammeln sich Sambagruppen zum gemeinsamen Musizieren. Mit Churrasco und Cerveja feiern dann die Karnevalisten zu Sambaklängen bis in die Nacht hinein – und weit darüber hinaus.

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Ich selbst habe den Karneval, die fünf Festtage, in drei verschiedenen Städten verbracht und ich erlebte zwei Festumzüge, einen in Tiradentes und einen in São João del Rei. Mein erster Karneval in Brasilien. Es war heiß. Es war überfüllt. Es war “suada” (verschwitzt). Es war großartig. Und scheinbar bin ich ein Naturtalent im Sambatanzen. Denn ein älterer Herr, ein gestandener Brasilianer, ging zu meinem Freund und sagte ihm, dass ich ausgezeichnet tanzen könne. Ich, eine Weiße, eine Deutsche. Eigentlich unmöglich. Schließlich ist Samba schwarz. Es ist der Tanz der Sklaven, derjenigen, die schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihren Karneval auf der Straße feierten. Die noblen Herrschaften begnügten sich mit geschlossenen Veranstaltungen in edlen Ballsälen und Clubhäusern, dem “Carnaval de Salão”. Heutzutage sind diese Salonveranstaltungen nur noch selten anzutreffen. Das, was aber überlebt hat, ist die afrobrasilianische Kultur. Oder besser gesagt: Das, was das Milliardengeschäft Karneval ausmacht, hat seinen Ursprung im Karneval der ehemaligen Sklaven. Warum also existiert weiterhin solch eine Diskriminierung der afrobrasilianischen Bevölkerung?

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