Innerhalb der Favela Rocinha

Liest man die Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes, so findet man zu Brasilien eine seitenlange Liste an Warnungen, die man dringend beachten sollte. So wird besonders darauf hingewiesen, dass es im Norden des Landes und in den Großstädten wie Rio de Janeiro und São Paulo häufiger zu bewaffneten Auseinandersetzungen und Raubüberfällen kommt. Touristen sollten sich im Falle eines solchen Überfalls niemals wehren, sondern widerstandslos das Hab und Gut überreichen. Denn viele Taschendiebe, sogenannte „Batetor de Carteira“ zögern nicht, auch für wenige Reais einen Menschen zu ermorden. Sei es mit einer Schusswaffe, einem Messer oder der bloßen Hand. Insbesondere nachts sollte man extrem vorsichtig sein und weder teure Wertgegenstände (u.a. Kameras, Schmuck) noch größere Bargeldsummen mit sich führen. Auch die Caixas Eletrônicos, die brasilianischen Geldautomaten, schließen nach 22:00 Uhr. Der Grund dafür liegt wohl auf der Hand.

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Während die Stadtzentren bei Nacht vergleichsweise sicher sind, brodelt es in den Problemvierteln, den Favelas. Verfeindete Drogenbanden liefern sich Schusswechsel und schrecken nicht davor zurück, auch Unbeteiligte, ganz gleich ob Kind, Frau oder Mann, zu erschießen. Das Resultat: Tausende Verletzte und Tote jährlich. Und das allein in Rio de Janeiro. Ein Ende der Gewalt ist aber nicht in Sicht. Obwohl die Polícia Militar mittlerweile gezielter gegen die Drogenkartelle vorgeht, scheint sie diese doch nicht bekämpfen zu können. Denn wenn eine Favela befriedet zu sein scheint, blühen in einer anderen erneut die Drogenkriege auf. Der Grund ist simpel: Die Dealer wechseln einfach ihr Jagdrevier. Oder besser gesagt: Sie ziehen unbemerkt in eine andere Favela weiter und machen dort ihre Geschäfte. Geduldet von zahlreichen Polizisten, die selbst ihr Geld am Drogenkrieg verdienen und dafür die vermeintlichen Drahtzieher decken. So auch geschehen in der Favela Rocinha.

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Trotz dessen, dass diese Favela in der Zona Sul in Rio de Janeiro mittlerweile als sicher gilt, sieht man dort noch immer Drogendealer ein- und ausgehen. Bewaffnet mit scharfen Handgranaten, Gewehren und Pistolen, die in Brasilien nur unter dem Ladentisch oder auf dem Schwarzmarkt erhältlich sind. Denn in dem südamerikanischen Land sind die Waffengesetze so streng, dass sogar die Parlamentarier im Jahre 2013 eine Flexibilisierung durchsetzen wollten. Ein Veto von Präsidentin Dilma Rousseff setzte dieser Diskussion aber ein Ende. Trotz dessen sind etwa 10 Millionen illegale Schusswaffen im Umlauf, von denen sich wohl viele in den Händen der Drogendealer befinden.

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An einem Sonntagmorgen wollte ich mir aller Warnhinweise zum Trotz selbst ein Bild von diesem Problemvierteln machen. Natürlich besuchten wir die Favela nicht ohne einen ortskundigen Reiseführer. Denn das grenze wohl an reinen Suizid. Jeder, der kein Moradores de Favela ist, wird argwöhnisch beobachtet, ausgeraubt oder schlimmstenfalls sogar ermordet – falls man den falschen Leuten begegnet. An der U-Bahn-Station „Ipanema“ trafen wir uns mit unserem Reiseführer, der uns die Favela Rocinha zeigen wollte. Laut offiziellen Schätzungen leben in der vormals größten Favela Rio de Janeiros etwa 62.000 Einwohner. Die Bewohner selbst schätzen die Zahl weitaus höher auf rund 250.000. Fast alle von ihnen sind berufstätig, können sich aber keine Wohnung in einem der besseren Stadtviertel leisten, da ihr Lohn zu niedrig ist. Haushälterinnen finden sich ebenso unter den Moradores de Favela wie Reinigungskräfte, Straßenverkäufer und Kellner, sogenannte Garçons und Garçonetes. Der Reiseführer erzählte uns auch, dass viele Menschen aus dem sehr armen Norden Brasiliens nach Rio de Janeiro kommen, um etwas Geld zu verdienen, das sie ihrer Familie nach Hause senden. Diese Menschen wohnen ebenso in den Favelas.

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Als wir mit dem Bus die bergigen Straßen in Richtung Rocinha hinauffuhren, zeigten sich bereits deutlich die gesellschaftlichen Unterschiede. Denn je näher wir der Favela kamen, desto armseliger sahen die Straßen und Wohnungen aus. Kaum vorstellbar, dass dort ein normales Wohnen möglich ist. Doch die Mehrzahl der Moradores de Favela kommt niemals aus diesem Problemviertel heraus. Sie werden dort geboren und sterben an demselben Fleck. Lediglich zum Arbeiten entsteigen sie den Hängen und entfliehen in die anderen Bairros. Einige von ihnen haben sogar ihr eigenes Geschäft in der Favela eröffnet. Ob Lebensmittelhändler, Bäcker, Friseure oder Elektriker: Alle Gewerbe scheinen hier Zuhause zu sein. Ein Mikrokosmos in der riesigen Metropolregion.

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Nach der Busfahrt ging es für uns zu Fuß weiter. Der Reiseführer erzählte uns, dass er eine der wenigen Moradores de Favelas ist, die es aus dem Problemviertel herausgeschafft und nun eine Wohnung in einem „normalen“ Bairro haben. Eine wahre Seltenheit. Sind doch die gesellschaftlichen Strukturen in Brasilien so stark verfestigt, dass ein Aufstieg aus der Armut nur schwer möglich ist. Natürlich war es meine Angst, bei der Favela-Tour Fotos zu machen. Doch unser Reiseführer beschwichtigte mich und sagte sogar, dass Rocinha nach dem großen Polizeieinsatz im Jahr 2010 komplett friedlich sei. Aufgrund der Berichte, die ich im Vorfeld gelesen hatte, zweifelte ich diesen Fakt aber an. Und ich sollte darin bestätigt werden.

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Von der Bushaltestelle ging es direkt in die Favela hinein. In die labyrinthartigen Gänge, die kaum Platz für zwei Personen bieten. Müll und Exkremente türmten sich auf und neben den unbefestigten Gängen. Doch das waren nicht die einzigen Stolperfallen. Da die Gänge nur notdürftig und pragmatisch angelegt sind, sind sie schon für nicht-gehbehinderte Menschen eine wahre Tortur. Glitschige Stufen wechseln sich mit herausragenden Steinen und Kanallöchern ab. Unvorstellbar, dass hier ältere und behinderte Menschen leben. Aber es gibt sie. Ich traf einen Mann ohne Füße, der sich mithilfe seiner Hände den Weg durch die unebenen Gänge bahnt, sogar Einkauf geht und seinen Alltag problemlos meistert.

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Nicht nur ihr unbändiger Überlebenswillen, sondern auch ihre Unbedarftheit charakterisiert die Morades de Favelas.  Sie leben in den Tag hinein, nur daran denkend, möglichst viel Geld zu verdienen, um es den Verwandten im Norden senden oder sich selbst etwas leisten zu können. Denn was sie haben, sind lediglich die vier Steinwände, in denen sie wohnen. Und das ist nun wirklich nicht viel. Vor allem, wenn man bedenkt, wie schäbig diese Häuser von außen aussehen. Notdürftig aus herumliegenden Steinen und Zement zusammengebaut und mit Sanitäranlagen und Elektrizität ausgestattet. Die zahlreichen Kabel türmen sich an den Leitungsmasten wie Äste an einem Baum und sind mitunter mehrere Meter hoch. Ein Wunder, dass nur selten ein Unfall geschieht, wenn einer der ansässigen Elektriker mal wieder eine neue Leitung an- oder abklemmt.

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Es herrscht eine Kultur des Wegschauens – beim Müllwegwerfen, beim illegalen Stromnutzen, beim Glückspiel, bei Morden und eben auch beim Drogenhandel. Während unserer Tour durch die Favela Rocinha begegneten wir zwei Drogenbossen, die sich wie Todesschwadronen voll bewaffnet vor ihren Häusern versammelten. Das Gewehr immer auf Anschlag und den Blick an allen Vorbeigehenden haftend. Wir waren diese Vorbeigehenden. Ein mulmiges und zugleich ehrfürchtiges Gefühl machte sich in mir breit. Und das Schlimmste war, dass diese Drogenbosse noch nicht einmal 25 Jahre alt waren. Ihre Lebenserwartung liegt im Schnitt bei unter 40 Jahren.

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Ich versuchte, meine Kamera so gut wie möglich unter meiner Jacke zu verstecken. Denn was diese Drogendealer noch weniger als die Polizei mögen, sind Video- und Fotoaufnahmen. Die Moradores de Favela dulden ihre Anwesenheit mit Wegschauen. Ein einfacher Handel: Sicherheit gegen Schweigen. Die ansässigen Drogendealer halten ihr Revier sauber und erwarten dafür, Respekt von den anderen. Oder besser gesagt: Stillschweigen. Eine Kooperation mit der Polizei bedeutet nämlich meistens den sicheren Tod. Schließlich kassieren die Polizisten nicht selten selbst Schutzgelder von den Drogenbossen und geben die Namen der Verräter weiter. Im Gegenzug dazu plant die Polizei keine weiteren Anti-Drogeneinsätze – insofern es vermeintlich friedlich scheint. Und friedlich ist es niemals, solange noch regelmäßig Menschen in den engen Gassen erschossen werden.

6 Comments Add yours

    1. A vida louca says:

      Gewissermaßen ja. Irgendwie unvorstellbar, dass sich dort Menschen Zuhause fühlen können.

  1. Unheimlich! Da leben wir hierzulande wirklich großenteils auf der Sonnenseite…

    1. A vida louca says:

      Das stimmt allerdings. Beschwerden auf zumeist sehr hohem Niveau

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