Wie der Rasensport Brasilien bewegt

Bereits im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien gab es zahlreiche Berichterstattungen über das lateinamerikanische Land. Skandale über nicht fertiggestellte Spielstätten, die systematischen Säuberungen der Favelas und die wöchentlichen Demonstrationen der Fußballgegner bestimmten ebenso die Schlagzeilen wie die Vorfreude über das kommende Event. Denn das Land des fünfmaligen Weltmeisters gilt als Fußballnation schlechthin. Keine andere Sportart ist dort so populär wie der Rasensport. Und das hat seine Gründe. Fußball ist für viele Brasilianer nicht nur ein Sport. Vielmehr ist es eine Religion, die sie jedes Wochenende in den Bars oder im Stadion mit einem Skol in der rechten, einer Schwenkfahne in der linken Hand zelebrieren. Der Vorsänger stimmt den Fangesang untermalt von Sambaklängen an und der Massenchor an uniform gekleideten „Torcedores“ (zu Deutsch: Fans) brüllt lautstark mit. Jeder Ballbewegung, jeder Schiri-Entscheidung und jedem Foul folgt die Menschenlawine voller Spannung und mit emotionalen Ausbrüchen. Hassparolen gegen die gegnerische Mannschaft inklusive.

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Im Jahr 2013 konnte ich mir selbst ein Bild von den „Torcidas Organizadas“, der organisierten Fanszene in Brasilien, machen. Zusammen mit meiner Gastschwester und deren Familie begab ich mich in das Estádio General Sylvio Raulino de Oliveira in Volta Redonda, einer Stadt im Norden des Bundesstaates Rio de Janeiro. An jenem Juliabend sollte der legendäre Clube de Regatas do Flamengo spielen. Flamengo – wie die Brasilianer den Fußballclub nennen – ist einer von vier großen Fußballclubs in der Metropole Rio de Janeiro, der in ganz Brasilien mit 40 Mio. Anhängern die größte Fangemeinde hat. Das Stadion erstrahlte in einem rot-schwarzem Fanmeer, das drei von vier Tribünen einnahm. Die vierte Tribüne war für den gegnerischen Club reserviert. Rivalitäten zwischen den gegnerischen Torcedores spürte man zwar, zu Auseinandersetzungen kam es aber nicht. Das ist eher eine Seltenheit im brasilianischen Fußball. Ist das südamerikanische Land doch für sein Temperament und seine Fanleidenschaft bekannt.

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So endete beispielsweise eine Auseinandersetzung zwischen Fußballfans der verfeindeten Teams Sociedade Esportiva Palmeiras und Sport Club Corinthians Paulista am vergangenen Wochenende in einem Mord und mindestens 25 Verhaftungen. Ein unschuldiger Fußgänger geriet zwischen die Fronten der beiden Clubs und wurde auf offener Straße am hellichten Tag erschossen. Bei den Verhafteten wurden blutige Schlagstöcke, Messer und andere Waffen gefunden. Dass Palmeiras 1 zu 0 gewann, ist angesichts dieser Gewalt wohl nur eine Randnotiz. Das ist aber nur eines von vielen Beispielen. Eine andere Tragödie ereignete sich bereits am 13.06.2013 während eines Amateurspiels in Pio XII im nordöstlichen Bundesstaat Maranhão. Der erst 20-Jährige Schiri Otávio Jordão da Silva erteilte dem Fußballspieler Josemir Santos Abreu einen Platzverweis, woraufhin dieser lautstark protestierte und den Schiedsrichter trat. Die Auseinandersetzung eskalierte binnen Sekunden: Otávio zog ein Messer und stach auf Josemir ein. Auf dem Weg ins Krankenhaus verstarb dieser.  Als die Angehörigen des Fußballspielers von dessen Tod erfuhren, stürmten sie das Grün, steinigten Otávio, schnitten ihm die Gliedmaßen und seinen Kopf ab und spießten den Kopf auf einen Pfahl auf. Drei Personen wurden in der Folge verhaftet, leugneten aber, etwas mit Otávios Tod zu tun zu haben.

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Die traurige Liste der gewaltvollsten Fußballclubs Brasiliens führt übrigens Palmeiras an, wobei die Fans von Corinthias im Jahr 2012 mit 13 nachweislichen Opfern die meisten Morde begangen haben. Im gesamten Bundesstaat São Paulo ereignen sich zudem rund die Hälfte aller gewaltvollen Zwischenfälle zwischen den „Torcidas Organizadas“. Aufgrund der radikalen Fanszene wurden noch vor der WM 2014 die Stadionregeln drastisch verschärft. Weder die Mitnahme noch der Verkauf von alkoholischen Getränken sind nunmehr erlaubt. Die Torcedores müssen nun ohne ihr geliebtes Cerveja das Fußballspiel verfolgen. Auch die Taschenkontrolle nach Waffen oder verbotenen Substanzen gehört mittlerweile zur Routine. Gleichermaßen werden gegnerische Fans in verschiedene Blöcke eingeteilt und die Polizeipräsenz erhöht, wodurch die Gewalt verringert werden soll. Geholfen hat es aber nur bedingt. Denn nun verlagern sich die Rivalitäten auf die Straßen. Ein trauriger Zwischenfall ereignete sich am 19. April 2015 als Unbekannte das Vereinshaus „Pavilhão Nove“ von Corinthians mit Waffen stürmten und acht Vereinsmitglieder kaltblütig mit Kopfschüssen exekutierten. Auch ich konnte mir am vergangenen Wochenende ein Bild von der Fandynamik und der damit einhergehenden Gewalt machen.

Am Samstag stiegen mein Brasilianer und ich in den Bus Richtung Estádio Municipal Radialista Mário Helênio in Juiz de Fora ein, um das Gartengrundstück seiner Familie zu besuchen, das sich in unmittelbarer Nähe des Stadions befindet. Der Bus war überfüllt mit Torcedores von Flamengo, die dem Spiel gegen den Erzrivalen Botafogo entgegenzitterten. Anfänglich schien nichts darauf hinzuweisen, was später passieren wollte. Alle unterhielten sich entspannt; ein Mann trank sogar ein Brahma auf der Fahrt. Doch als wir dem Stadion näherkamen und sich die Autos zu einer riesigen Schlange aufreihten, wurden die Torcedores zunehmend unruhig. Sie begannen vorbeigehende Fußgänger und gegnerische Fans durch die offenen Fenster anzupöbeln. Einige reihten sich bereits an der Tür auf, in der Hoffnung endlich aussteigen zu können. Doch dem war nicht so. Denn die Bushaltestelle befand sich noch gut 400 Meter entfernt. Grund genug für die Torcedores, den Busfahrer mit „Abra“(„Öffnen“)-Rufen zu nerven, die mit jedem Meter, den er weiter fuhr, immer lauter und aggressiver wurden. Die Eskalation lag in der Luft. Die Kulisse aus Beschimpfungen und Rufen wandelte sich zu einer Lawine aus wirren Schreien. Ein Torcedor bequatschte sogar den Cobrador, den Kassierer im Bus, dass der Busfahrer endlich anhalten solle. Doch beide ignorierten diesen Zwischenfall konsequent und folgten der Route bis zur Endhaltestelle. Dort angekommen, sprangen die Torcedores wie rot-schwarz-maskierte, wildgewordene Tiere aus dem Bus. Denn endlich konnten sie den Hügel hinab zu ihrem Heiligtum, dem Stadion, pilgern.

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Auch wir verließen erleichtert den Bus und begaben uns auf den Weg in Richtung Gartenhäuschen. Wir beobachteten dabei, wie sich das Stadion langsam in Schwarz-Rot hüllte. Die Unterpräsenz der Torcedores von Botafogo mit den traditionell schwarz-weißen Trikots war deutlich zu spüren. Die Polícia Militar beäugte die Fanmassen argwöhnisch, zu Fuß, mit dem Auto und auch zu Pferd. Denn gerade bei solchen Massenveranstaltungen setzt die brasilianische Polizei gern auf die vierbeinige Unterstützung. Als wir den Hügel langsam hinunterschlenderten, trafen wir auf die Familie meines Brasilianers. Nach einer kurzen Begrüßung hörten wir, wie sich langsam eine Meute an schwarz -weißen gekleideten Botafogo-Anhängern näherte, gefolgte von ein Dutzend Polizisten. Anstatt den „Entrada Botafogo“ (Eingang Botafogo) zu nehmen, rannten einige Torcedores zu dem „Entrada proibida“ (dem verbotenen Eingang), der nur für Flamengo-Anhänger reserviert war, in der Hoffnung die verfeindeten Fans abzugreifen. Die Polizisten, mit Schlagstöcken und Maschinengewehren ausgestattet, folgten den Ausreißern. Einer von ihnen zählte bereits bis Drei und wollte den Schlagstock ziehen, als sich die Torcedores besannen und zu ihrem Eingang marschierten. Diese Szene spielte sich nur wenige Meter von mir entfernt ab. Natürlich zückte ich meine Kamera und knipste ein paar Fotos. Etwas, was die brasilianische Polizei in ihrem oftmals sehr aggressiven Vorgehen gegen Widerständler, Fußballfans und Kriminelle nicht gern sieht.

Das war aber noch nicht alles. Denn nach dem Spiel gingen die Rivalitäten erst richtig los. Die verfeindeten Torcedes prügelten sich auf offener Straßen, sodass die Polizei sogar einen Hubschrauber zur Luftüberwachung anfordern musste. Eine Sirene nach der anderen ertönte in der untergehenden Abendsonne und verhieß nichts Gutes. Von Verletzten, gar Toten ist aber nichts bekannt. Es wurden lediglich mehrere Verdächtige zur Ausnüchterung und Befragung festgenommen. Einer von ihnen, ein erst 17-Jähriger, wird sogar verdächtigt, 11.500 Reais aus der Eintrittskasse des Stadions gestohlen zu haben.

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Wie man sieht, reißt die Gewalt in der Fanszene der brasilianischen Profiliga nicht ab und liegt seit Jahren, insbesondere bezogen auf die Mord- und Verletztenrate, mit mehr als 50 Todesopfern auf einem weltweiten Spitzenplatz. Einem traurigen Spitzenplatz.

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