Frust in Brasilien: Warum Olympia die Gemüter spaltet

In exakt 28 Tagen beginnen die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro. Doch bislang spürt man davon recht wenig. Zu tief steckt das südamerikanische Land noch immer in einer wirtschaftlichen Rezession, die sich infolge des Lava-Jato-Skandals und der vermeintlichen Beschönigung des Staatshaushaltes unter der abgesetzten Präsidentin Dilma Rousseff zunehmend verschärft hat. So können zwar Touristen vom momentan schwächelnden Real profitieren, aber für die Einheimischen ist es eine wahre Katastrophe. Denn ihre Kaufkraft sinkt zusehends. Lag der Wechselkurs bei der Fußballweltmeisterschaft 2014 noch bei 1 zu 3, so bekommt man nun für einen Euro sogar 3,7 Reais. Und das ist bei Weitem noch nicht alles, was die brasilianischen Gemüter erhitzt. Schließlich ranken sich um die Olympischen Spiele, wie schon im Vorfeld der WM, zig Skandale.

Zwar ist die Zahl der Zika-Erkrankungen rückläufig und Interims-Präsident Michel Temer bezeichnet die Gefährdung durch diese Krankheit als quasi inexistent, dafür aber sprechen die Dengue-Neuerkrankungen für sich. Allein in Rio de Janeiro wurden in diesem Jahr 63.196 Erkrankte behandelt, im gesamten Land wurden sogar 1.294.583 Fälle registriert. Im Winter ist die Gefahr eines Mückenstichs durch die Ägyptische Tigermücke aber geringer als in den heißen Monaten von Oktober bis März. Olympia-Touristen können also durchatmen, sollten jedoch trotzdem nicht auf Schutzmaßnahmen verzichten. Dazu zählt, dass man Repellent kauft, am besten vor Ort, da das deutsche Mückenspray gegenüber dieser Mückenart komplett unwirksam ist. In jeder Apotheke kann man sogenanntes „Repelente“, wie es die Brasilianer nennen, ab acht Reais kaufen. Zudem ist es ratsam, in der blauen und in der goldenen Stunde, also zur Morgen- und Abenddämmerung, lange Kleidung zu tragen, die vor allem die Beine und Füße schützt. Denn die Tigermücke sticht bevorzugt in die Region des Mittelfußes und der Wade. Das ist nicht nur angenehm beim Tragen von Schuhen, sondern auch sehr schmerzhaft.

Bis zum 04. August wird das Olympische Feuer, das mit dem Flugzeug nach Südamerika transportiert wurde, durch mehr als 325 brasilianische Städte getragen. Mit viel Publicity und noch mehr Stolz verfolgen die Einwohner die Fackelläufer. Eigentlich eine gute Sache. Schließlich verbindet der olympische Gedanke und genau ein solches Wir-Gefühl braucht Brasilien dieser Tage. Denn das Land ist durch das Impeachment-Verfahren gegen Rousseff politisch nach wie vor in zwei Lager gespalten. Jedoch meinte man es in Manaus etwas zu gut mit dem Nationalstolz und präsentierte den Fackelläufer gemeinsam mit echten Leoparden. Das am meisten gefürchtete Raubtier Brasiliens fand das ganze Spektakel gar nicht so lustig. Mit dieser Situation vollkommen überfordert griff die Leopardin Juma einen Soldaten an – und wurde prompt von diesem erschossen. Das Maskottchen des Bundesstaates Amazonas gehört durch die extensive Rodung des Regenwaldes zu den vom Aussterben bedrohten Tierarten. Umso schlimmer ist das Verhalten der Organisatoren des olympischen Fackellaufs in Manaus. Binnen Stunden nach diesem Vorfall waren die sozialen Netzwerke überflutet mit Empörung und Bildern von der getöteten Juma. Am meisten kam dabei die Frage auf, ob man aufgrund eines solchen Großevents tatsächlich das Leben der heimischen Tierarten gefährden dürfe. Und welchen Preis letztlich Brasilien für die Olympischen Spiele zu zahlen hat.

Schaut man sich in Rio de Janeiro um, so scheinen nicht nur die Tiere ihren Preis zu haben. Kommt man vom Flughafen in das Stadtzentrum, dann begegnen einem zuerst die meterhohen Mauern des Complexo da Maré. Im Vorfeld der Fußball-WM wurde diese labyrinthartige Favela von der Befreiungs-Polizei von Drogenbossen und Waffenhändlern gesäubert. Zahlreiche, unschuldige Zivilisten waren bei den teils sehr radikalen Einsätzen der Polícia Militar unter den Opfern. Und auch heute noch scheint es kein Ende des Krieges zwischen den Polizisten und den dortigen Favelado zu geben. Offiziell sind die meisten Favelas zwar befriedet, aber Korruption, Drogen und Gewalt gehören dort noch immer zur Tagesordnung. So stieg im Vergleich zum Vorjahr die Zahl der Tötungsdelikte um 15 Prozent an, die Zahl der Überfälle sogar um knapp ein Drittel. Nach dem Zika-Problem leidet Brasilien also zunehmend unter einem Sicherheitsproblem. Und auch die Stigmatisierung infolge der Olympischen Spiele zwischen Arm und Reich, Negro und Branco nimmt ungeahnte Züge an. Seit dem letzten Jahr beispielsweise kämpften Bewohner der Vila Autódromo gegen ihre Zwangsumsiedelung an. Denn den Organisatoren war die Favela am Rande des olympischen Parks im Stadtteil Barra da Tijuca, eine der reichsten Bairros der Stadt, ein Dorn im Auge. Mit Drohungen und teilweise mit Waffengewalt versuchte man, die Favelados zu verscheuchen. Und es gelang:  Von den ehemalig 500 Familien hielten nur 20 dem Druck stand. Einen Teilsieg errangen die Bewohner trotz dessen. Ihnen wurde von der Stadt Rio zugesagt, dass bis zum 22. Juli Ersatzwohnungen gebaut werden, sodass sie, wie vom Olympischen Komitee gewünscht, umsiedeln können.

Die „Spiele der Inklusion“, wie sie die Organisatoren bezeichnen, zeigen aber auch im Complexo da Maré ihre Auswirkungen. So wurde eigens für den Transit vom Flughafen zum olympischen Park die Schnellbuslinie BRT Transcarioca geschaffen, die nicht durch die Favelas führt, sondern sogar zu einer Umsiedelung weiterer Familien führte. Schätzungen gehen davon aus, dass allein infolge der Olympischen Spiele seit dem letzten Jahr mehr als 4.000 Familien, überwiegend aus den Armutsvierteln, ihre Häuser verlassen mussten. Nach etwa einer Stunde Fahrzeit gelangt die Schnellbuslinie zum Barra da Tijuca, wo der Großteil der olympischen Spiele stattfinden wird. Dieses Viertel der Neureichen ist der Wohnsitz zahlreicher ranghoher Politiker wie vom Bürgermeister Eduardo Paes oder namhafter Sportler wie Ronaldinho. Das stark amerikanisch anmutende Stadtviertel mit seinen schicken Shoppingmalls und seiner Nähe zur Guanabara-Bucht bietet das komplette Kontrastprogramm zu den Favelas. Es ist also klar, wer in Rio de Janeiro vor allem von den Olympischen Spielen profitieren wird: die privaten Investoren der Spielstätten und die reiche, großteilig weiße Bevölkerung von Barra da Tijuca, Leblon und Ipanema.

5 Comments Add yours

  1. berlienchen says:

    Wieder ein interessanter Beitrag!
    Ähnliche Umsiedlungen gab es 2014 auch in Russland zu den Winterspielen. Sicher waren es ähnliche Gründe – man wollte sich einfach besser präsentieren. Drohungen und Erpressungen waren da auch an der Tagesordnung und wird es sicher auch in Brasilien gegeben haben. Aber vielleicht gibt es auch den ein oder anderen Touristen, der sich für das drum herum interessiert.

    1. A vida louca says:

      Das war ja beispielsweise auch im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaften in Südafrika und Brasilien nicht anders. Traurig, dass die Organisatoren dieser Großveranstaltungen lediglich die guten Seiten eines Landes als zentral darstellen wollen und alle Schattenseiten bzw. Probleme beseitigen. Gerade aber in solchen Momenten, in denen die ganze Welt auf ein Land schaut, wäre es doch einmal gut, zu zeigen, dass man nicht perfekt ist; und eventuell ist das der Schlüssel, um Diskrepanzen zwischen Schwarz und Weiß/ Arm und Reich, wie sie in den genannten Beispielen vorherrschen, gezielter anzugehen und irgendwann zu beseitigen. Wahrscheinlich ist diese Vorstellung aber zu idealistisch.

      1. berlienchen says:

        Wer behauptet denn, dass die obere Schicht möchte, dass es allen gleich gut geht? Das wäre wirklich zu idealistisch! Aber ich denke wirklich, dass es auch Leute gibt, die sich für das drum herum interessieren und nicht nur die “Schicki-micki-Viertel” sehen wollen. Aber es ist dann, wie du schon sagts, nicht die Masse, die es durch die Medien oder vor Ort so mitbekommen würden.

      2. A vida louca says:

        Es wird ja vor allem in den Medien auf diese drei Reichenviertel eingegangen: Barra de Tijuca, Ipanema und Copacabana. Gerade aber in anderen Vierteln wie Lapa oder Santa Teresa sieht man eher das wahre Leben der Cariocas, inklusive Samba, Cachaca und traditioneller, brasilianischer Speisen – so meine Meinung. Inwieweit daran aber Interesse besteht, kann ich nicht hundertprozentig sagen.

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