Fremde Heimat oder vertraute Fremde?

Ich las vor gut drei Wochen in einem Psychologie-Magazin, dass man sich scheinbar nach fünf bis zehn Jahren teilweise fremd in seinem eigenen Heimatland fühlt, vor allem dann, wenn man es kaum noch bereist. Aber stimmt das wirklich so? Kann man das Gefühl der Heimatverbundenheit überhaupt pauschalisieren? Und welche Emotionen verbindet man denn mit DER Heimat? Diese und weitere Fragen schossen mir sofort durch den Kopf. Schließlich hatte ich meinem Heimatland, also Deutschland, vor rund sechs Monaten den Rücken zugewandt. Und nun wollte ich mich auf eine dreiwöchige Reise zu meiner Familie aufmachen. Der Artikel kam somit wie gerufen für meine damalige Situation. Denn auch ich machte mir trotz der geringen Zeitspanne, die ich bis dato in Brasilien gelebt hatte, so einige Sorgen über meine kurzzeitige Rückkehr. Zwar war mir das Auf-Wiedersehen-sagen und In-die-Arme-nehmen aufgrund meiner zahlreichen Reisen und Auslandsaufenthalte mehr als vertraut, aber wie vertraut war mir meine eigene Kultur noch? Würde ich Deutschland nach den ganzen Krisen der letzten Monate, allen voran der Flüchtlingskrise, überhaupt wiedererkennen?

Insbesondere die Sprache scheint einen sensiblen Knackpunkt darzustellen. So lernte ich beispielsweise vor drei Jahren eine Deutsche bei einem brasilianischen Volksfest, dem sogenannten festa de alemã, einem Abklatsch des Oktoberfests, kennen. Als sie anfing, mit mir zu sprechen, hätte ich niemals gedacht, dass sie Muttersprachler sei, so sehr war ihr Deutsch vom portugiesischen Akzent durchmischt, gepaart mit einem Hauch Hamburger Platt. Auch ich hatte mir bereits in meinen indischen Zeiten angewöhnt, nicht mehr nur auf Deutsch zu träumen, sondern auch die englische Sprache übernahm zunehmend meine Traum- und Gedankenwelt. Das ging sogar so weit, dass ich nach sieben Monaten Indien teils fremdsprachige Wörter in mein Deutsch mischte und Redewendungen kaum noch zusammenbrachte. Und nun ist da ja noch eine weitere Sprache, die ich fließend spreche: Portugiesisch. Das konnte auch meine Familie spüren. So sprach ich meine Oma unbewusst auf Englisch an, begann mit meinem Brasilianer auf Deutsch zu reden – obwohl er das nicht spricht – und nutzte portugiesische Schimpfwörter, als ich aufgeregt war. Die fünf Jahre als Richtwert der Entfremdung sind wohl ein kleiner Witz, fängt doch bei mir das Chaos schon nach sechs Monaten an. Aber auch andere „Heimkehrer“ erzählten mir von ähnlichen Problemen, so auch eine deutsche Bekannte aus Berlin. Sie unterhält sich mittlerweile sogar mehr auf Denglisch als auf Hochdeutsch und zählt fast immer in Englisch ab. Ein eindeutiges Indiz dafür, welche Sprache im Unterbewusstsein vorherrschend ist. Denn normalerweise zählt man in seiner Muttersprache, da man sie von Geburt an gelernt hat.

Neben der Sprache ist auch der umgekehrte Kulturschock ein klassisches Problem. Wer kennt das denn nicht, dass einem plötzlich alles anders und befremdlich erscheint, wenn man in ein unbekanntes Land verreist? Genau das kann auch mit dem eigenen Heimatland passieren. Gerade typisch deutsche Verhaltensweisen wie die übermäßige Pünktlichkeit, die extreme Sauberkeit und die teils ständige Nörgelei können da schnell anstrengend werden. Einfach mal nach dem „Laissez-faire“ leben und die Seele baumeln lassen – wie es in Brasilien Gang und Gäbe ist – könnte einigen Deutschen nicht schaden. Doch das war für mich nicht der eigentliche Kulturschock. Vielmehr konnte ich nun sehen, worüber die Zeitungen seit Monaten berichten: die noch immer steigende Zahl der Flüchtlinge und die Gefahren durch den IS. Denn als ich in Deutschland war, ereigneten sich gleich ein halbes Dutzend terroristische Anschläge, darunter auch der Anschlag von Nizza. Bei meiner Reise nach Grainau an der Zugspitze wurde ich zudem Zeuge der zunehmend aufkeimenden fremdenfeindlichen Stimmung im Land. Ein alt eingesessener Bayer bezichtigte meinen Brasilianer als Syrer und äußerte ungeniert seinen Hass gegenüber Einwanderern und Flüchtlingen, da sie alle ihre Papiere und Zeugnisse gefälscht hätten. 99 Prozent von ihnen seien ja sowieso nur in Deutschland, um dem Land zu schaden und die Islamisierung voranzutreiben. Das sind nur einige von vielen Hetzparolen, die ich mir anhören durfte. Natürlich fing der gute Herr seinen Monolog mit den Worten an: „Ich bin nicht rechts, aber …“. Mein Kulturschock war perfekt. Das Land, indem mir Toleranz, Frieden und Respekt für alle Kulturen gelehrt wurde, zeigte sein wirklich hässliches Gesicht, in einem Ausmaß, wie ich es durch die mediale Berichterstattung nicht erwartet hätte. Denn die als Randmeinungen propagierten Anti-Flüchtlingsreden lodern als unterirdischer Flächenbrand vor allem in den konservativeren und kleineren Gemeinden des Landes. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit bis das politische Klima komplett umschlägt. Noch vor einem Jahr präsentierte sich Deutschland – zumindest in meinen Vorstellungen – deutlich weltoffener und aufgeschlossener. Und mir war es persönlich extrem peinlich, meinem Brasilianer von dem Vorfall zu berichten. Zwar war er an jenem Abend anwesend, seine Deutschkenntnisse sind aber noch rudimentär und so übersetzte ich nur das Notwendigste.

Ein weiteres Problem für Auswanderer und Rückkehrer sind die Freunde und Verwandten. Man pflegt den Kontakt, aber irgendwie fühlt man sich nirgendwo so richtig zugehörig. Schließlich kann man bei den vielen Bekannten auf dieser Welt schnell den Überblick verlieren. Und nur echte Freundschaften werden die Dauer eines mehrmonatigen oder mehrjährigen Auslandsaufenthaltes überleben. Denn über die Distanz ist es ganz schwer, am Leben alter Freunde im Heimatland dauerhaft teil zu nehmen. So verpasst man die eine oder andere Geburtstagsfeier, erscheint nicht zum Junggesellenabschied oder muss einer gemeinsamen Reise absagen. Dabei lernt man schnell: Das Heimatland und die Menschen darin drehen sich auch ohne einen selbst weiter – und man muss sich entscheiden, ob man damit leben kann, nur teilweise dazu zu gehören oder den Kontakt letztlich aufgibt. Schließlich ist es auch für die alten Freunde nicht immer leicht, das neue Leben in der gewählten Heimat mit zu verfolgen und sogar zu verstehen. Denn wie oft wurde ich beispielsweise gefragt, warum ich ein gutes Leben in Deutschland für ein mittelprächtiges Abenteuer in Brasilien aufgebe? Genau darin lag das Dilemma meiner Rückkehr. Ich freute mich, alle wieder zu sehen, aber wie fremd waren mir meine Freunde und meine Familie geworden? Hatte ich einen wichtigen Teil ihres Lebens verpasst? Die Antwort war eindeutig JEIN. Vielleicht fehlen mir für diese Entfremdung doch noch ein paar Jahre Auslandserfahrung. Zum Glück.

One Comment Add yours

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s