Rio 2016: Eine Zusammenfassung

Eine der größten Sportzeitschriften Brasiliens, die “Globo Esporte”, titelte nach dem 2 zu 0 Sieg Deutschlands über Nigeria am vorangegangenen Mittwoch: „Wenn Brasilien gegen Deutschland im olympischen Finale im Maracanã gewinnt, wird das eine Rache für das 7 zu 1 sein?“ Während sich die Spieler selbst mit solchen Äußerungen zurückhalten und diese sogar zurückweisen, liefern sich die Fans und Medien eine regelrechte verbale Schlammschlacht. So weisen die mehr geschwätzigen als kompetenten Sportkommentatoren der Olympischen Spiele mittlerweile bei jedem Wettkampf mit deutschen Beteiligten auf das kommende Fußballfinale der Männer hin. Und natürlich darf die Nennung des „Sete a um“ (Eins zu Sieben) nicht fehlen. Eine Umfrage des Senders Sport TV ergab sogar, dass die Brasilianer mehrheitlich an einen Erfolg ihrer Selecão glauben. Einige sind sogar überzeugt, dass dieses Mal ein 7 zu 0 für die Südamerikaner herausspringen wird. Kein Wunder. Feierte die Selecão doch mit ihrem 6-zu-0-Erfolg über Uruguay den bislang höchsten Sieg bei diesen Olympischen Spielen. Es scheint, als treten die anderen Wettkämpfe angesichts der Nationalreligion Fußball komplett in den Hintergrund – und auch alle Skandale sind wie weggeblasen. Erinnern wir uns beispielsweise an den erfundenen Diebstahl der US-amerikanischen Schwimmer rund um Ryan Lochte und den Nazi-Vergleich des französischen Stabhochspringers Renaud Lavillenie, der vom Buh-Konzert der brasilianischen Fans zutiefst enttäuscht war. Doch das Buhen gehört in die brasilianischen Stadien wie der Caipirinha in jede gute Bar. Manche Brasilianer bezeichnen es sogar als wichtigen Bestandteil ihrer Sportkultur.

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Generell präsentiert sich Rio de Janeiro aber als würdiger Nachfolger von London 2012. Die Metropole, die der erste südamerikanische Austragungsort ist, vereint in sich wohl alles, was Brasilien als multikultureller Hotspot ausmacht. Vor Jahren noch scherzhaft als Belinda bezeichnet, ein Land, das wirtschaftlich irgendwo zwischen Belgien und Indien liegt, mauserte sich Brasilien von der Hyperinflation mit über 700 Prozent Inflationsrate jährlich in den 1980er Jahren zu einem der Top-10-Wirtschaftsstandorte. Die Wahl als Austragungsort für die Olympischen Spiele im Jahr 2009 sollte also für niemanden eine wirkliche Überraschung gewesen sein. Jedoch krankt das Bild des südamerikanischen Global Players seit Monaten stark. Als ich vor drei Jahren das erste Mal nach Brasilien reiste, präsentierte sich mir ein Schwellenland, das sich in einer kurzzeitigen Rezession befand. Mittlerweile ist daraus eine ernstzunehmende Depression geworden. Und auch die Lage auf dem Arbeitsmarkt wird stetig schlechter. Rund sieben Prozent der Brasilianer sind arbeitslos. Weitere 5,5 Prozent leben noch immer unterhalb der Armutsgrenze, was einem Bevölkerungsanteil von rund 10 Millionen Personen ausmacht. Fragt man zum Beispiel einen Carioca außerhalb der noblen Viertel Ipanema, Copacabana und Barra da Tijuca, wie sie mit ihrem Gehalt über die Runden kommen, antworten die meisten lächelnd: „Ich bin froh, wenn ich den Monat überstehe.“ Zukunftsgedanken macht sich hier niemand. Schließlich ist Brasilien das Land der Tudo-Bem-Kultur. Egal, ob in den Favelas oder auf der Straße, wird jemand mit Tudo bem? (Alles klar?) gegrüßt, ist die Antwort immer die selbige: Tudo bem. Denn auch Armut ist in Brasilien kein Grund zum Verzweifeln.

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Brasilien ist halt nichts für Anfänger. Das wusste bereits Tom Jobim, Sänger des Bossa-Nova-Hits „Das Mädchen von Ipanema“ und Namensgeber des größten Flughafens in Rio de Janeiro. Das gilt früher wie heute. Denn neben den strahlenden Medaillengewinnern, den Wettkampfhallen, die wie Fata Morganas das Stadtbild prägen und dem Fernsehprogramm, das von den Olympischen Spielen überflutet wird, gibt es noch immer das andere Brasilien. Ein Land größer als ganz Europa, in dem Arm und Reich durch eine tiefe finanzielle Kluft getrennt sind, geographisch aber nebeneinander bestehen. Nur die hohen Mauern der Favelas und der reichen Ein- und Mehrfamilienhäuser unterstreichen diese Separation. Gewalttaten, Raubüberfälle und Morde sind hier an der Tagesordnung. So berichtete die Tageszeitung „O Globo“ im Vorfeld der Olympischen Spiele, dass alle zwei Stunden ein Carioca, ein Einwohner Rios, am Wochenende ermordet wird. Damit gilt die Metropole als einer der gefährlichsten Orte weltweit. Der überwiegende Anteil der Opfer sind dabei afrobrasilianische Favela-Bewohner. Rund 77 Prozent aller Polizeimorde im vergangenen Jahr wurden allein an dieser Bevölkerungsgruppe, bevorzugt an jungen Männern, begangen. Nicht immer waren diese bewaffnet oder in den Drogenhandel verstrickt. Als Brasilianer weiß man aber, wegzuschauen, um sein eigenes Leben nicht zu gefährden. Oder besser gesagt: Man schaut einfach in eine andere Richtung, zur Sonnenseite des Lebens. Schließlich ist das Leben in den brasilianischen Straßen nicht viel wert. Entweder man passt sich an oder man geht unter.

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Trotz der sozialen und wirtschaftlichen Probleme kann wohl niemand leugnen, dass das Brasilien von heute eher ein aufstrebendes Belgien als ein düsteres Indien ist, ausgestattet mit einer reichhaltigen Kultur, die nicht nur Samba und Cachaça umfasst. Und jeder, der bezweifelte, dass die Wettkampfstätten der Olympischen Spiele nicht rechtzeitig fertig würden, hätte sich nur einmal das Chaos vor der Weltmeisterschaft 2014 anschauen sollen. Beide Male ist das Großevent nämlich ein Erfolg gewesen. Jedoch mit einem negativen Beigeschmack. Denn die meisten Brasilianer wollten weder die Weltmeisterschaft noch die Olympischen Spiele in ihrem eigenen Land und protestierten lautstark dagegen. Schließlich profitiert allein die ohnehin reiche Mittel- und Oberschicht von den Sportevents. Sie sind auch jene überwiegend weißen Fans, die die Ränge der Wettkampfstätten füllen und für das brasilianische Buh-Konzert verantwortlich sind. Ein Hoffnungsschimmer ist da die Judoka Rafaela Silva, die selbst aus der Favela Cidade de Deus in Rio de Janeiro stammt. Nach ihrem Goldmedaillengewinn erklärte sie, dass ein Kind mit einem Traum nicht aufzuhalten sei, egal wie lange es für die Realisierung brauche.

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