Drogen, Gewalt und Co. – Brasilien katapultiert sich ins Abseits

Mord, Totschlag und Raubüberfälle mit Todesfolge gehören zum Alltag in Brasilien. Durchschnittlich 160 Menschen werden tagtäglich Opfer eines gewaltsamen Todes. Das ist ein Mord alle neun Minuten. Im Vergleich dazu wurden in Deutschland im gesamten Jahr 2015 lediglich 296 Menschen ermordet. Das entspricht nicht einmal einem Mord pro Tag. So schockierend, wie diese Zahlen sind, so unterschiedlich ist die Kriminalität in den einzelnen Bundesstaaten und Städten Brasiliens. Während die ländlicheren Regionen und südlichen Bundesstaaten als friedlich und wenig kriminell gelten, brodelt es in den Metropolen und nördlichen Bundesstaaten gewaltig. Und das hat zwei grundlegende Ursachen: Bandenkriege und Armut. So versuchen beispielsweise zahlreiche Jugendliche in den Favelas Rio de Janeiros der Armut zu entfliehen, indem sie sich den sogenannten „Gangues“ anschließen. Damit eröffnet sich ihnen eine scheinbare Welt des schnellen Reichtums und der Bruderschaft. In Wahrheit ist es aber eine Welt der Kriminalität, in der nur die wenigsten älter als 40 Jahre alt werden – oder ihren Lebensabend im Gefängnis verbringen müssen. Sie dealen mit Kokain, Marihuana und Crack. Sie beschützen die Favelas vor „Eindringlingen“, auch mit dem eigenen Leben und kennen nur das „Lei da Favela“ (das Gesetz der Favela).

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Quelle: http://www.brasil.discovery.uol.com.br/investigacao/imagens/as-gangues-mais-perigosas-do-mundo/

Gefährliche Gangmitgliedschaften

Eine der ältesten, noch aktiven Gangs Rio de Janeiros ist das „Comando Vermelho“ (das rote Kommando), das sich in den 1970er Jahren in den Gefängnissen der Metropole formierte. Ursprünglich als Beschützertruppe für Gefängnisinsassen entstanden, entwickelte sich die Gang zu einer der größten Drogenhändlern des südamerikanischen Kontinents. Bis heute pflegen sie die Handelsbeziehungen zu den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens und tauschen ihre illegal erworbenen Waffen gegen Kokain aus. Dieses verkaufen sie gestreckt oder als Crack an die Prostituierten und Drogenabhängigen im Rotlichtbezirk Vila Mimosa und in den Bairros Laranjeiras, Cinelândia und Central mithilfe von kleinen Unterhändlern. In diesen Bezirken sollte man sich nachts keinesfalls aufhalten. Das weiß ich nur zu gut aus eigener Erfahrung.

Als ich vergangenen Dezember von Botafogo, jenem Bairro am Fuße des legendären Christus Redentor, zum Busbahnhof „Novo Rio“ reisen wollte, musste ich in Cinelândia von der Metrô in die neue Tram VLT umsteigen. Um neun Uhr abends. Jedoch war die VLT an jenem Tag aufgrund eines Streiks komplett außer Betrieb gesetzt. Und nun stand ich, mitten auf dem Praça Floriano. Ohne Geld in der Tasche, um ein Taxi zu bezahlen. Wo ich auch hinsah, überall erspähte ich Drogenabhängige, die sich den nächsten Schuss setzten oder ein weiteres Bier schlürften. Schnellstmöglich machte ich mich auf den Weg zu einem der nahegelegenen Bankautomaten. Doch ich blieb nicht unentdeckt. Sofort wurde ich von den Besoffenen als „Gostosa“ (leckeres Ding) bezeichnet. Mir wurde hinterhergepfiffen und ich wurde sogar dazu eingeladen, mit ihnen das Bett zu teilen. Auch wenn sie offensichtlich keines hatten. Oder meinten sie die Straßen Rios und ein paar zusammengeklaute Kartons? Glücklicherweise – und das ist eine Seltenheit – akzeptierte der Bankautomat meine ausländische Kreditkarte sofort. Normalerweise ist das mit dem Bargeldlosbezahlen in Brasilien nämlich ein klassisches Vabanquespiel. Funktioniert der Automat der „Banco do Brasil“ in Rio, so ist nicht gesagt, dass man auch in Belo Horizonte Geld bei dieser Bank Geld abheben kann.

Schnelles Geld mit Drogen und Waffen

Wie hoch der illegale Drogen- und Waffenhandel tatsächlich ist, zeigt sich anhand des kürzlich veröffentlichten Berichts der Unidade de Polícia Pacificadora (UPP), die sich als Sondereinheit der Polícia Militar um die Befriedung der Favelas kümmert. Allein in den letzten 12 Monaten wurden bei routinemäßigen Kontrollen und Einsätzen rund 270 Kilogramm Marihuana, Crack und Kokain beschlagnahmt. Hinzu kommen 155 Pistolen, 71 Revolver und 15 Gewehre, die illegal im Privatbesitz waren. Insgesamt 1.500 Menschen wurden von der UPP aufgrund ihrer Verwicklung in kriminelle Machenschaften vorläufig festgenommen. Viele von ihnen waren Wiederholungstäter oder Laufburschen für die Drogenkartelle. So auch die 27-jährige Maria Doannes Moura Rodrigues, die beim Kokainverkauf im Szeneviertel Lapa am vergangenen Wochenende auf frischer Tat ertappt wurde. Nun wartet sie auf ihren Prozess. Rund zehn Reais (2,70 Euro) kosten fünf Gramm Kokain. Der Straßenpreis für einen kleinen Stein Crack liegt hingegen bei fünf Reais (1,40 Euro). Marihuana ist mit zwei Reais (0,65 Euro) pro Gramm noch günstiger. Und der Open-Air-Markt ist 24/7 geöffnet. Kein Wunder also, dass die Zahl der Drogenabhängigen in Brasilien weiter ansteigt – trotz diverser Anti-Drogen-Kampagnen der Regierung. Mittlerweile liegt das südamerikanische Land sogar auf dem ersten Platz weltweit beim Crack-Konsum mit geschätzten eine Million Abhängigen.

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Quelle: https://epocaestadobrasil.wordpress.com/2012/08/27/os-perigos-da-legalizacao-das-drogas-no-brasil-a-destruicao-total-da-familia/

Auch, wenn bei Sicherheitsverwahrungen und Haftstrafen für Drogendealer, Waffenhändler und Drogenbosse hart durchgriffen wird, löst dies nicht das eigentliche Problem. Denn die Rivalitäten der Gangs werden von der Straße in die Gefängnisse importiert. Und diese sind in aller Regel stark überfüllt. Nach offiziellen Angaben gibt es in den brasilianischen Gefängnissen Platz für schätzungsweise 400.000 Insassen, jedoch befinden sich gegenwärtig 656.000 Menschen in Haft. Jeden Monat kommen rund 3.000 neue Insassen hinzu, was die Situation zunehmend verschärft. Zwar plant der Justizminister Alexandre de Moraes den Neubau von Gefängnissen in den kommenden Jahren. Jedoch ändert dies nichts an der Tatsache, dass sich die Anzahl der Insassen in den letzten 15 Jahren beinahe verdoppelt hat. Die Zahl der Polizisten und Gefängniswärter ist hingegen kaum angestiegen. Dieses Ungleichgewicht führt nicht selten zu extremen Auseinandersetzungen und Gefängnisrevolten, wie jüngst in Manaus und Boa Vista geschehen.

Manaus als beispiellose Entartung von Machtkämpfen

In einem 17-stündigen Rausch aus Blut, Gewalt und Machtkämpfen, der pünktlich zum Neujahr begann, massakrierten Mitglieder des Drogenrings „Familia do Norte“ (Familie des Nordens) Mitglieder der verfeindeten „Primeiro Comando da Capital“ (Erstes Kommando der Hauptstadt, PCC) im privaten Gefängnis „Complexo Penitenciário Anísio Jobim“ in Manaus (Bundesstaat Amazonas). Mehr als 60 Gangmitglieder wurden gefoltert, 56 davon brutal ermordet. Weitere 180 Gefängnisinsassen konnten fliehen, von denen bislang nur ein Bruchteil wieder inhaftiert wurde. Der Rest ist noch auf freiem Fuß. Während des Aufstandes waren die Gefängniswärter, sich in der Unterzahl befindend, komplett machtlos. Sie befürchteten sogar, dass eine Intervention die Situation verschärfen könnte, da sie schon Tage vorher vermuteten, dass einige Insassen illegal Waffen eingeschmuggelt hatten. Aus Ermittlerkreisen wurde mittlerweile laut, dass die gesamte Aktion monatelang geplant wurde, wie ein entdeckter, unterirdischer Fluchttunnel vermuten lässt. In Graffitis offenbarte die „Familia do Norte“ zudem ihren Hass gegenüber der PPC und erklärte, dass die Gang im Norden Brasiliens nicht willkommen sei.

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Quelle: http://istoe.com.br/rebeliao-deixa-60-mortos-em-presidio-em-manaus/

Nur wenige Tage nach dem Vorfall im Manaus kam es zu einem weiteren Gefängnisaufstand im „Penitenciária Agrícola de Monte Cristo“ in Boa Vista, der Hauptstadt Roraimas, dem nördlichsten Bundesstaat Brasiliens. Insgesamt 33 Insassen wurden dabei ermordet, von denen sieben geköpft und sechs bei lebendigem Leibe in Brand gesteckt wurden. Noch schlimmer als dieses brutale Vorgehen ist, dass in den sozialen Netzwerken Videos zu den Enthauptungen veröffentlicht wurden. Es bleibt nur zu hoffen, dass sich die Situation in den kommenden Jahren nicht weiter verschärft. Jedoch zeigt die jüngste Geschichte, dass Brasilien weder aus dem Drogenhandel noch aus den Gefängnisrevolten gelernt hat. Und so bleibt das Staatsgefängnis in Boa Vista eines der vielen Gefängnisse, die maßlos mit rivalisierenden Gangmitgliedern überfüllt sind. Um genau zu sein, kommen hier auf 750 Gefängnisplätze rund 1.475 Insassen. Da können auch die UPP und andere Sondereinheiten nur machtlos zuschauen.

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